Problem trotz Kastrationspflicht

Tierschützer kämpfen gegen das Elend streunender Katzen

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Zeit für Futter: Die frei lebenden Katzen haben sich an ihre Futterstelle im Raum Neukirchen gewöhnt. Hier haben Tierschützer die Gruppe beständig im Blick.

Schwalm-Eder. Rund zwei Millionen Katzen leben ohne menschliche Obhut in den Straßen Deutschlands, so der Deutsche Tierschutzbund. Das ist auch ein Problem im Schwalm-Eder-Kreis.

Für den Kreis gibt es zwar keine konkreten Zahlen, der heutige Tag der streunenden Katze soll aber auf das Elend solcher Tiere überall aufmerksam machen.

Im Kreis haben zahlreiche Kommunen in jüngster Zeit die Kastrations-, Kennzeichnungs- und Registrierungspflicht, auch bekannt als Katzenschutzverordnung, eingeführt. Doch damit ist das große Dilemma nicht gelöst.

Daniela Stolz (37), Vorsitzende des Tierschutzvereins Neukirchen und Umgebung erklärt, warum frei lebende Katzen ein Problem sind: „Ein unkastrierter Kater läuft kilometerweit und deckt alle Katzen im Umkreis.“

Eine große Katzenpopulation muss sich dann verteilen. Die Tiere kommen in Gärten und auf Terrassen und verbreiten dort auch Parasiten. Damit stecken sie nicht nur andere Katzen an, sondern auch Menschen. Das sind die sogenannten Zoonosen, Infektionskrankheiten die gleichermaßen bei Tier und Mensch vorkommen und gegenseitig übertragen werden können.

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

Auch die Tierärzte im Kreis beschäftigen sich mit dem Problem der Streuner, wenn die Tiere zur Behandlung zu ihnen gebracht werden. Die Tierärztin Lia Ludwig aus Neukirchen beobachtet, dass neben den frei lebenden Katzen oftmals die unkastrierten Bauernhoftiere für eine unkontrollierte Vermehrung verantwortlich sind. „Es gibt Fälle, dass die Tierschutzvereine bis zu zehn Tiere zur Behandlung bringen.“

Auch wenn die Gemeinden eine Kastrationspflicht eingeführt haben, ist die Kostenübernahme oftmals eine Herausforderung. Als Kooperationspartner der Gemeinden bekämen die Tierschutzvereine einen Pauschalbetrag. Auf einem Großteil der Kosten bleiben die Vereine aber sitzen.

Viele Kommunen haben gehandelt

Durch die Katzenschutzverordnung wollen Kommunen die Population von frei lebenden Tieren eindämmen. In Borken wurde diese Pflicht bereits 2015 eingeführt. Ein Jahr später folgten Niedenstein, Spangenberg, Melsungen, Morschen, Felsberg, Malsfeld, Edermünde, Guxhagen und Homberg. 2017 zogen die Städte Neukirchen und Schwalmstadt sowie die Gemeinde Körle nach. 2018 erließ auch die Gemeinde Neuental die Verordnung.

Betroffen sind auch frei lebende Katzen. Wenn diese gefunden werden, gelten sie laut Gesetz als Fundsache. Der Finder darf ein Tier nicht behalten, sondern muss es bei der Kommune oder einem Tierheim abgeben.

Auch Tierschutzverbände, die einen Kooperationsvertrag mit einer Stadt oder Gemeinde haben, können Tiere in Obhut nehmen.

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Frei, aber in Obhut

Fünf Schüsseln mit Katzenfutter stehen geschützt vor Wind und Wetter in einem Durchgang zwischen zwei abbruchreifen Häusern. Als Daniela Stolz (37) mit dem Pkw vorfährt, warten bereits mehrere Tiere auf sie. Andere eilen bei ihrer Ankunft herbei: „Sie hören mein Auto. Damit verbinden sie was Positives. Es gibt Fressen.“ Die Näpfe werden aufgefüllt und das Maunzen hört auf. Die acht Streuner futtern, bis auf vereinzelte Schmatzgeräusche ist es leise.

Es ist ein Besuch aus Anlass des Tages der streunenden Katze: Ein noch wenig bekannter Aktionstag, der von der Organisation Alley Cat Allies aus Amerika ins Leben gerufen wurde, er jährt sich heute zum 17. Mal. Die Organisation tritt dafür ein, streunende Katzen einzufangen, zu kastrieren und wieder frei zulassen. Auch Daniela Stolz kümmert sich mit derzeit 13 weiteren ehrenamtlichen Helfern des Tierschutzvereins Neukirchen und Umgebung um frei lebende Katzen. Dazu gehört es, die Tiere einzufangen, sie ärztlich zu versorgen sowie kastrieren und kennzeichnen zu lassen.

Danach kehren die Katzen wieder in ihre gewohnte Umgebung zurück, denn es sind meistens ältere Tiere, die ohne den Kontakt zu Menschen aufgewachsen sind und auch nicht mehr an sie gewöhnt werden können.

Zurück in der freien Wildbahn kümmern sich die ehrenamtlichen Helfer weiter um die Tiere. Sie werden regelmäßig gefüttert und beobachtet. So können die Mitglieder des Tierschutzvereins schnell reagieren, wenn eine Katze krank wird oder ein neues Tier dazu stößt. Der Tierschutzverein in Neukirchen betreut insgesamt fünf Futterstellen mit etwa 35 Tieren. Die tägliche Versorgung übernehmen drei Helfer.

„Die Situation in den Gemeinden mit den frei lebenden Tieren ist nicht mehr so schlimm, wenn es vor Ort einen Tierschutzverein gibt oder sich Privatpersonen um die Tiere kümmern“, berichtet Daniela Stolz. In Neukirchen gebe es durch die gute Arbeit kaum noch unkastrierte Katzen, sagt sie.

Ein weit verbreiteter Irrtum sei, dass frei lebende Katzen ungepflegt aussehen, erklärt Stolz: „Das passiert häufiger bei entlaufenen Tieren. Denn sie kennen draußen nur wenige Schlafplätze.“

Zahme Fundtiere, Jungtiere oder diejenigen die an Schnellstraßen gefunden wurden, werden nicht zurück in die Wildbahn gesetzt, sie kommen zuerst in eine Pflegestelle. Auch die Vorstands- und Öffentlichkeitsarbeit, zu deren Aufgabe die Sammlung von Spenden und das aufmerksam machen auf die Probleme der Tiere zählt, sei wichtig.

Streuner oder frei lebende Katzen?

Als Streuner werden neben Tieren, die nicht in Obhut des Menschen leben auch Katzen mit Besitzern genannt, die einen großen Revierradius besitzen. Der Begriff „frei lebende Katze“ ist daher besser, erklärt der Deutsche Tierschutzbund. Die frei lebenden Katzen stammen ursprünglich von Hauskatzen ab und sind nach mehreren Generationen nicht mehr auf den Menschen sozialisiert und sehr scheu. Ohne Kastration wächst die Population schnell an. Aber nur ein Teil der Tiere erreicht das Erwachsenenalter. Denn ohne menschliche Fürsorge schaffen sie es oft nicht, sich ausreichend zu versorgen. Insbesondere Kitten haben geringe Überlebenschancen. Viele von ihnen sterben an Unterernährung und Infektionskrankheiten.

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