1. Startseite
  2. Lokales
  3. Schwalmstadt

Familien aus der Ukraine haben in Hephata ein Zuhause auf Zeit

Erstellt:

Kommentare

Freuen sich über neue Brillen für die Kinder: Olha Zobenko, Yevgenii Zobenko, Thomas Langer, Arianna Dechtiarova, Betreuerin Tanja Sawatzky, Ivan Dehtiarov und Lubov Dechtiarova.
Freuen sich über neue Brillen für die Kinder: Olha Zobenko, Yevgenii Zobenko, Thomas Langer, Arianna Dechtiarova, Betreuerin Tanja Sawatzky, Ivan Dehtiarov und Lubov Dechtiarova. © Sabine Durben

Zehn ukrainische Frauen, drei Männer und 17 Kinder im Alter von 3 bis 17 Jahren leben seit Ende März im Gebäude einer ehemaligen Jugendwohngruppe im Horschmühlenweg in Treysa.

Treysa – Die Erzieherin Tanja Sawatzky, die sich Hephata eigentlich um Jugendliche auf dem Weg in den Beruf kümmert, ist nun für die Familien da, und auch weitere Kollegen des Bereichs Jugend-, Familien- und Berufshilfe.

Ein Lebensmittelpunkt der Ukrainer ist der Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss im Haus im Horschmühlenweg, ein großer Esstisch in der Mitte. Die Anfangssituation im März, alle hier wissen das gut, war schwierig: Ankunft in einem fremden Land mit dem wenigen, das in eine Tasche passt. Und Fragen über Fragen: Wie kommt mein Kind in die Schule? Wie baue ich uns einen kleinen Haushalt auf? Wo sind die Anlaufstellen für Unterstützungsleistungen? Es lagen Antragsformulare vor ihnen, auf Deutsch.

Viel Papierkram

Tanja Sawatzky und ihr Kollege Fritz Gatzke haben sich also zunächst mit den neun Familien durch Anträge auf Aufenthaltsgestattung und auf Unterstützung zum Lebensunterhalt gearbeitet. Heiko Schmidt hat sichergestellt, dass die Familien mit Lebensmitteln versorgt sind. Er orderte Nahrungsmittel im SB-Laden von Hephata, besorgte Möbel und Haushaltsartikel, reparierte Gegenstände und sorgte insgesamt dafür, dass die Familien sich in ihrem Zuhause auf Zeit wohlfühlen. Markus Kink, Leiter Region Mitte der Jugendhilfe, zahlte den Familien eine Art Taschengeld aus. Wichtig war, dass die Frauen, die Kontrollverlust, Ohnmacht, Hilflosigkeit und Angst verspüren mussten, Selbstbestimmtheit und Würde zurückerlangten.

Angefragt hatte der Schwalm-Eder-Kreis lediglich die Unterkunft, so ein Bericht der Jugendberufshilfe. Mehr als das finanzierten die Behörden auch bis heute nicht – die umfassende Unterstützung könne Hephata nur durch Spenden ermöglichen.

Tanja Sawatzky ist für die Frauen da

Alltagsbegleiterin, Übersetzerin, Seelsorgerin – das alles ist Tanja Sawatzky für die Frauen. Dass sie, die erfahrene Pädagogin, eine Sprache mit den Frauen teilt und dann auch noch weiß, wie man sich in Deutschland zurechtfindet, macht sie dreifach wertvoll für die Familien. In Vollzeit ist sie vor Ort.

„Die Gespräche mit Tanja taten gut und zeigten neue Wege auf“, berichtet eine Frau. Als nach den ersten Tagen das Wesentliche für ein neues Zuhause stand, hat Tanja Sawatzky mit den Müttern Schulanmeldungen ausgefüllt und die Frauen zu Behördengängen begleitet. Unzählige Anrufe und viele Wege waren zu machen. Auch bei Arztbesuchen und Impfterminen übersetzte Sawatzky für die Mütter und ihre elf schulpflichtigen Kinder.

Jetzt, einige Wochen später, besuchen die Kinder bereits die Schule. Routine hat sich eingestellt. Tanja Sawatzky schaut jeden Morgen vorbei. Die Frauen, die sich erst auf der Flucht oder in Treysa kennenlernten, teilen sich die Zubereitung der Mahlzeiten und die Hausarbeit. Das bringt auch mal kleinere Konflikte mit sich, weit schwerer wiegt allerdings, dass zwei der Frauen um ihre Männer trauern.

Jeder Tag bringt neue Aufgaben

Zu klären und erledigen gibt es jeden Tag Neues. Mal geht es um die Suche nach Kindergartenplätzen für die drei Jüngsten und die Eröffnung von Girokonten. Heiko Schmidt bringt Aktenordner. Tanja Sawatzky und Fritz Gatzke unterstützen mit den Unterlagen und beim Kontakt mit den Banken. Auch Briefe der Kreisverwaltung erhalten die Familien. Mal wieder muss Tanja Sawatzky übersetzen. Später im Tagesverlauf begleitet sie die Frauen zu ihren Terminen, bevor sie zum Tagesabschluss erneut vorbeischaut.

Da die Sprache der Schlüssel ist – nur eine der Frauen spricht Englisch – hat Hephata einen Deutschkurs organisiert, viermal pro Woche findet er statt. Andere Anlaufstellen sind die Begegnungshilfe für Geflüchtete mittwochs in Treysa und der Treffpunkt der Arbeiterwohlfahrt. WLan macht es ihnen möglich, sich innerhalb der ukrainischen Community in Deutschland auszutauschen.

Während sich die Menschen in der Erstaufnahmeeinrichtung noch im Wartestatus befanden, haben sie nun eine familiäre Wohnsituation und Gemeinschaft.

Der Blick geht Richtung Zukunft

Aber die Kinder wünschen sich Kontakt zu Mädchen und Jungen in der Umgebung und Freizeitangebote. Mehrere Frauen möchten gern arbeiten gehen, auch, um in Kontakt mit Menschen in Schwalmstadt zu kommen. Dabei sind sie nicht mehr so erstarrt wie in der ersten Zeit, gehen ihren Alltag aktiv an. Dankbar seien sie, den Hephata-Mitarbeitern und allen anderen, die helfen.

Wie Thomas Langer, der Kindern auf eigene Kosten Brillen anfertigte, die Zahnarztpraxis Elert vergab schnell Vorsorgetermine. Nils Rampe von der Stadt Schwalmstadt nahm ihnen in Gesprächen die Angst vor Abschiebung. Ein russischsprachiges Paar kommt ehrenamtlich einmal pro Woche für Hilfestellungen vorbei. Der Blick der Frauen geht nach vorn, mit mehr Sprachkenntnissen wollen sie ihr Leben hier, wo sie nun angekommen sind, noch eigenständiger meistern.  

Hilfe bei der Kontoeröffnung. Von links Olha Zobenko und Olena Pevnaya mit Tanja Sawatzky.
Hilfe bei der Kontoeröffnung. Von links Olha Zobenko und Olena Pevnaya mit Tanja Sawatzky. © Kerstin Theiss

Auch interessant

Kommentare