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50 Jahre Hephata-Werkstätten: Das Hof-Gut Halbersdorf

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Von: Sandra Rose

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Lothar V. und die Leiterin der Hauswirtschaft, Sandra Kohl stehen in der Küche und kochen.
In der Küche bei den Vorbereitungen für das Mittagessen auf dem Hof-Gut Halbersdorf: Lothar V. und die Leiterin der Hauswirtschaft, Sandra Kohl. © Linett Pfeiffer

Seit 50 Jahren sind Menschen mit Behinderungen in den Hephata-Werkstätten tätig. In einer siebenteiligen Serie wollen wir die Arbeit und die Menschen hinter den Produkten vorstellen.

Schwalm – „Das Essen macht zwar mehr Spaß als das Kochen, aber Arbeit muss ja auch sein“, sagt Lothar V. und lacht. Dann greift er sich eine Kartoffel, schält, schneidet und wirft sie am Ende ins kühle Nass. Der 53-Jährige steht in Kochmontur in der Küche des Hephata-Hof-Guts Halbersdorf. Es ist 11 Uhr – die Vorbereitungen für das Mittagessen für die 58 Menschen auf dem Hof stehen an.

Mit einer Selbstverständlichkeit findet sich Lothar V. in der Küche zurecht und weiß, was zu tun ist. „Es läuft alles nach Plan.“ Nach Plan ist in seinem Leben hingegen zuvor eigentlich nichts gelaufen. „Umso wichtiger ist mir mein Platz hier“, sagt er. „Seit 1990 habe ich getrunken. Auslöser war meine Scheidung, danach beging mein Bruder Suizid und die Abwärtsspirale nahm ihren Lauf.“

Lothar V. war mehr als zwei Jahrzehnte alkoholkrank

Wenig später fand sich Lothar V. in einer Obdachlosenunterkunft in Limburg wieder. Zuvor betrank er sich Tag und Nacht am Bahnhof. Zwei bis drei Monate lebte er dort, genau weiß er es nicht mehr. „Ein Sozialbetreuer hat mich zur Entgiftung gebracht. Und dann packten wir meine Sachen und es ging hier her, nach Halbersdorf.“ Das war 2008. Zu diesem Zeitpunkt war Lothar V. schon mehr als zwei Jahrzehnte alkoholkrank. „Ich bezog mein Zimmer und am nächsten Tag fing mein neues Leben an.“

Auf dem Hof-Gut Halbersdorf arbeiten Menschen in verschiedenen Arbeitsbereichen. „Lothar V. hat seither so gut wie jeden Arbeitsbereich kennengelernt“, erklärt Einrichtungsleiterin Nadine Florczak. Und Lothar V. zählt mit den Händen auf: „Zuerst war ich bei der Kartoffelverarbeitung, danach in der Küche, dann war ich Reinigungskraft, im Kiosk beschäftigt und jetzt bin ich in der Küche gelandet.“ Und dort fühlt er sich wieder wohl.

Denn zwischenzeitlich hatte der 53-Jährige auch eine Anstellung über einen BiB-Platz (Betriebsintegrierte Beschäftigung) in einem Lebensmittelhandel in der Region gefunden und eine eigene Wohnung bezogen. Alle Zeichen deuteten auf einen Neuanfang hin: „Aber ich habe wieder angefangen zu trinken, weil ich alleine war.“ Also zog er wieder in ein Zimmer des Hof-Guts und: „Jetzt bin ich trocken seit mehr als vier Jahren und ich will es auch bleiben“,

Tagesstruktur auf dem Hof

Hier, auf dem Hof-Gut, finden unangekündigte Urintests statt, die dabei helfen sollen, abstinent zu bleiben. Dazu gibt es interne und externe sozialpädagogische und fachärztliche Angebote, erklärt Florczak.

„Unser Augenmerk liegt darauf, eine Tagestruktur durch sinnvolle Aufgaben zu bieten“, sagt Florczak.

Lothar V. ergänzt: „Hier ist immer jemand zum Reden da.“ Diese Gespräche, die Tagesstruktur und das Miteinander auf dem Hof sind das, was ihm in seiner Wohnung gefehlt hat.

Es ist immer noch ein harter Weg, weiß Lothar V. selbst: „Es gibt gute und schlechte Tage. Auf dem Hof habe ich aber eine Struktur und ein Umfeld, die mich vom Alkohol fernhalten.“ Dazu gehört unter anderem, dass er gemeinsam im Team einen Wochenspeiseplan vorbereitet und eigene Ideen einbringen, Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen kann. „Kohlrouladen sollten bald mal auf dem Plan stehen – das wäre toll“, sagt er und greift wieder nach den Kartoffeln. „Es wird langsam Zeit, die Leute warten nicht gerne auf ihr Essen“, lacht er.

Kontakt: Hof-Gut Halbersdorf, Tel. 0 56 63/9 48 20, E-Mail: gut.halbersdorf@hephata.de

Kartoffelverarbeitung, Land- und Hauswirtschaft

Auf dem Hof-Gut Halbersdorf sind 58 Menschen mit und ohne eine psychische Beeinträchtigung beschäftigt. Sie leben in Wohngruppen. Das Hof-Gut ist in drei Arbeitsbereiche aufgeteilt: Kartoffelverarbeitung, landwirtschaftlicher Betrieb und Hauswirtschaft. Etwa 100 Kühe, mehrere Dutzend Schweine und Schafe gehören zum Hof, der erstmals 1362 urkundlich erwähnt wurde. 1989 übernahm Hephata als Träger den landwirtschaftlichen Betrieb. Der größte Bereich auf dem Hof ist die Kartoffelverarbeitung: Rund 560 Tonnen Kartoffeln können auf dem Hof jährlich eingelagert werden. Diese stammen zu 70 Prozent vom Hephata-Hofgut Richerode, die restlichen Tonnen werden von ortsansässigen Landwirten angeliefert und weiterverarbeitet. Etwa 370 Tonnen werden für den Einzelhandel verpackt, der Rest wird geschält, eingeschweißt und an Mensen geliefert. 

(Sandra Rose)

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