Agententhriller bei Obergrenzebach

Mysteriöser Flugzeugabsturz: Fliegerloch bleibt ein Rätsel

Ortsbegehung und Ausgrabung
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Ortsbegehung und Ausgrabung auf HNA-Initiative: von links Lothar Steinbrecher, Obergrenzbach; Hans Szedeli , Landesamt für Denkmalpflege, Wiesbaden; ganz rechts Mirko Mank mit seinem Team aus dem Ebsdorfergrund, Initiative Fliegerschicksale in Hessen.

Vermutlich am Abend des 11. November 1944 gegen 20 Uhr stürzte ein englischer Bomber vom Typ „Avro Lancaster“ in einem Waldstück in der Nähe von Obergrenzebach ab. Die HNA-Recherche geht weiter.

Obergrenzebach. Bislang sind Herkunft der Maschine, Absturzursache und Verbleib der Besatzung nicht abschließend geklärt. Während die militärhistorische Forschung und Dokumentation nahezu bei allen Abstürzen deutscher und alliierter Flugzeuge den Hintergrund und das Schicksal der Piloten und Besatzungen klären konnte, bleiben diese im Fall des im „Fliegerloch“ bei Obergrenzebach zerstörten englischen Bombers letztlich bis heute spekulativ. Es existieren verschiedene Theorien zu dem Ereignis:

Das Datum des Absturzes erscheint aus drei unabhängigen Quellen wohl als gesichert. Mirko Mank von der „Initiative Fliegerschicksale in Hessen e.V.“ hatte schon vor Jahren bei Recherchen im Freiburger Bundesarchiv zu anderen Abstürzen in Mittelhessen einen kurzen Eintrag über einen Flakabschuss eines Bombers bei Obergrenzebach am betreffenden Tag notiert. Auch eine noch lebende Zeitzeugin aus unserer Region erinnert sich an den Absturz. Sie hätte als elfjähriges Mädchen - wie damals samstags üblich - gerade in der Badewanne gesessen, den Knall gehört und die nachfolgende Aufregung in der Familie und dem ganzen Dorf nicht vergessen. In Konrad Rudolphs Buch „Chronik des Luftkriegs 1942 - 1945“) bestätigt sogar ein Augenzeuge Datum und Uhrzeit des Absturzes.

In den zugänglichen Militärarchiven; hier: die „RAF (Royal Air Force) bomber command raid reports“ finden sich am betreffenden Tag bzw. der Nacht vom 11. auf den 12. November massive Bombardements englischer Verbände auf Hamburg-Harburg und Dortmund. Weitere Einsätze der RAF fanden am betreffenden Datum auch bei Kamen, Osnabrück, Wiesbaden, Erfurt und Gotha statt; diese allerdings nur mit kleineren zweimotorigen Mosquito-Mehrzweckflugzeugen. Nur bei den Angriffen auf Harburg dokumentiert die RAF den Verlust von sieben Lancaster-Bombern über feindlichem Gebiet. Es erscheint jedoch unwahrscheinlich, dass ein Flugzeug bei Angriffen im Norden Deutschlands zum einen schon so früh am Abend ohne Bombenlast und zum anderen auf einem Kurs über Nordhessen daran beteiligt war. Ole Uecker, Archäologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Archäologischen Museum Hamburg, konnte hierzu weitere Erkenntnisse beisteuern. Er befasst sich nicht nur beruflich, sondern auch ehrenamtlich privat mit der Aufklärung und Lokalisierung von Flugzeugabstürzen während des 2. Weltkriegs. Prinzipiell sei zwar auch ein angeschossenes Flugzeug noch in der Lage weite Strecken, wie in diesem Fall ca. 300 Kilometer, zurückzulegen. Durch Abgleich mit den entsprechenden Archiven der RAF konnte jedoch zu jedem während dieses Einsatzes abgestürzten Lancaster-Bombers sowohl die Absturzstelle im Großraum Hamburg bzw. auf dem Rückweg nach England und der Verbleib der Besatzung geklärt werden. Somit erscheint diese mögliche Herkunft des Bombers ausgeschlossen.

Lückenhafte Belege

Mithilfe von Frank Schüssl aus Schwalmstadt, ziviler Mitarbeiter bei der Bundeswehr aus Schwalmstadt, wurde versucht, dokumentierte Flakabschüsse der deutschen Flugabwehr in unserem Gebiet als Einzelereignis zum fraglichen Zeitpunkt zu eruieren. Diese würden in der Regel durch die zuständige nächstgelegene Fliegerhorstkommandatur - in diesem Fall also des Fliegerhorsts Fritzlar vom Luftgau-Kommando XIV - erfasst worden sein. Allerdings liegen darüber nach behördlicher Auskunft nur noch lückenhafte Dokumente in Form von Mikrofilmen des Reichsluftfahrtministeriums im Bundesarchiv Freiburg vor. Originale in Papierform sind wohl komplett verloren gegangen. Auch hier konnten außer der schon erwähnten Notiz von Mank keine näheren Einzelheiten in Erfahrung gebracht werden.

Beuteflugzeug

In eine ganz andere Richtung geht Konrad Rudolphs These. Er diskutierte die Möglichkeit eines versehentlich abgeschossenen Beuteflugzeugs mit deutscher Besatzung auf. Es ist bekannt, dass die deutsche Luftwaffe tatsächlich in der 2. und 3. Staffel des Versuchsverbands Oberbefehlshaber Luftwaffe erbeutete alliierte Jagdflugzeuge und im Kampfgeschwader 200 (hervorgegangen aus der 3. Staffel seit Anfang 1944) auch alliierte Bomber für Schulungen und Geheimoperationen einsetzte. Das Geschwader besaß allerdings hauptsächlich amerikanische viermotorige Maschinen. Ein weiterer Ansatz ergab sich aus der Frage nach dem Verbleib der Besatzung. Laut Augenzeugen sei ein Toter im Bereich der Absturzstelle gefunden worden. Dieser wurde aber nicht - wie sonst auch bei gegnerischen Kriegsopfern üblich - auf einem örtlichen Friedhof beerdigt oder zum nahegelegenen Fliegerhorst in Fritzlar gebracht wurde. Recherchen beim Volksbund Hessen, den örtlichen Kirchen und auch beim Stalag in Trutzhain dokumentierten keine Begräbnisse englischer Soldaten in diesem Zeitraum.

Die im April dieses Jahres unter Aufsicht des Archäologischen Landesamts für Denkmalpflege durchgeführte erneute Begehung der Aufschlagstelle sollte im Idealfall Trümmerreste mit Seriennummern oder der Maschinenkennung zutage fördern. Dann könnte der Bomber eindeutig einer Squadron der RAF zugeordnet werden und mit den immer noch lückenlos vorhandenen „Raid Reports“ der RAF abgeglichen werden. Leider gelangen solche hilfreichen Funde nicht. Die Teile, die entdeckt wurden, konnten allerdings den Bomber mit Sicherheit als vom Typ Lancaster identifizieren. Gefundene scharfe Munition wurde dem Landesamt ausgehändigt. Auch das Auffinden eines Fallschirmschlosses im Rahmen der neuen Grabungen unterstützt die Zeugenaussage, dass zumindest ein Besatzungsmitglied nicht mehr vor dem Aufprall abspringen konnte und vor Ort ums Leben kam.

Eventuell könnte es sich um einen Sondereinsatz oder eine Agentenmission der RAF gehandelt haben, die nur mit einer Maschine durchgeführt wurde. Bei den jüngsten Grabungen fand Herr Mank Reste der Halterung einer sog. „tall boy“ Bombe. Diese wurde nur bei Spezialeinsätzen wie z.B. geplanten Bunkerzerstörungen und Angriffen auf Staumauern eingesetzt. Die Berichte über eine sehr schnelle Abriegelung der Absturzstelle und der umgehende Abtransport aller größeren Trümmerteile seitens des deutschen Militärs könnten zudem die These eines Spezialeinsatzes unterstützen. Zwischengelagerte Teile in einer Obergrenzebächer Scheune sind inzwischen nicht mehr auffindbar. Auch die Tatsache, dass in der damals zensierten Lokalpresse lt. Recherchen von Birgit Roth vom Stadtarchiv Schwalmstadt keinerlei Berichte über den Absturz zu finden sind, weist ggf. in eine solche Richtung.

Weitere Grabungen und Recherchen sind somit zur endgültigen Klärung des Absturzes im „Fliegerloch“ bei Obergrenzbach erforderlich und geplant. Nicht zuletzt, um den Opfern Namen und Gesicht zu geben. (Ute-Anemone Lorenz)

Englische Münzen wurden an der Absturstelle bei Obergrenzebach gefunden.
Ein Fallschirmschloss mit englischer Aufschrift zählt ebenfalls zu den Fundstücken.

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