Als Erinnerung an in Auschwitz ermordeten Diakon: Umbenennung der Happichstraße in Treysa

Fühlten sich treulos verlassen: Richard und Martha Altschul hatten enge Verbindungen zu Hephata.

Treysa. Am 30. Oktober 1943 wurde Diakon Richard Altschul im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Es war das bittere Ende eines Martyriums, das aus Ausgrenzung und Verfolgung bestanden hatte. 

Eine unrühmliche Rolle nimmt dabei Friedrich Happich ein, nach dem in Treysa in einem Wohngebiet bei Hephata eine Straße benannt ist. Als Leiter Hephatas wollte er Altschul zwingen, aus der diakonischen Gemeinschaft auszutreten. Der Grund: „nicht arisch“.

Altschul war 1873 als Kind jüdischer Eltern in Wien geboren worden. Dort wuchs er im jüdischen Milieu bei seinen Großeltern auf. Er machte eine Ausbildung zum Großhandelskaufmann. Später ging er nach Hamburg, schloss sich der Judenmission an. 1900 ließ er sich taufen und trat 1902 als – wie es damals hieß – „bekehrter Israelit“ in das Hessische Brüderhaus in Treysa ein und wurde 1905 als Diakon eingesegnet.

In Eschwege vor der Heilig-Geist-Kapelle erinnert ein Stolperstein an Diakon Richard Altschul. In der Werra-Stadt war Altschul von 1906 bis 1933 Hausvater und Leiter des städtischen Alten- und Siechenhauses. Außerdem kümmerte er sich um Seuchen und ansteckende Krankheiten im Amtsbezirk. 1913 wurde er Beamter der Stadt Eschwege. Das wollte Hephata nicht hinnehmen. Altschul wurde aus der Diakonengemeinschaft ausgestoßen. Seine Bemühungen um Aufnahme im Deutschen Diakonenverband und sein Antrag auf Wiederaufnahme im Hessischen Brüderhaus Hephata waren erst 1922 erfolgreich.

Nach der Versetzung in den Ruhestand zog Altschul mit seiner Frau Martha und den Kindern Margarethe und Karl nach Kassel-Oberzwehren. Diakon Altschul war damals 60 Jahre alt, in Hephata wirkte er häufig als Aushilfe. Hephata passte sich immer mehr den national-sozialistischen Ideen an.

Nach der Verlegung Behinderter im Rahmen der Vorbereitungen der „NS-Euthanasie-Aktionen“ in Hephata und der Pogromstimmung in Treysa nötigte Friedrich Happich im Sommer 1939 den Diakon mit jüdischen Wurzeln, aus der brüderlichen Gemeinschaft auszutreten. Selbst erklärte er seinen Austritt nie förmlich, sondern hielt weiterhin Kontakt zu einigen Diakonen. In Zeiten schwerster Not fühlte er sich jedoch treulos verlassen und getäuscht. Die Historikerin Katharina Stengel urteilt in ihrem Buch „Nationalsozialismus in der Schwalm: „Der in Kurhessen nie in Kraft getretene Arierparagraf innerhalb der Kirche wurde so unter der Hand in Hephata doch umgesetzt. Happich und der Brüderrat hätten Altschul wohl nicht retten, aber ihm doch eine schwere Kränkung ersparen können.“

Im Herbst 1943 wurde Altschul aus dem Arbeitslager Guxhagen-Breitenau in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert und dort wenige Wochen später ermordet.

Quelle: www.kassel-stolper.com

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.