Volkmarsen

Sicherheitsberater nach Amokfahrt: "Eine freie Gesellschaft braucht Schutz"

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Stellte sein Sperrsystem voriges Jahr auch beim Bad Hersfelder Hessentag auf: Daniel Geibel (von links) mit Gunter Grimm, Helge Assi und Jesus Rodriguez Baba.

Die Amokfahrt von Volkmarsen verstärkt die Frage danach, wie umfangreich Veranstaltungen mit vielen Teilnehmern vor sogenannten Überfahrtaten gesichert werden müssen und können.

  • Interview mit Daniel Geibel, Berater und Entwickler von Fahrzeugsperren
  • Experte: Sicherheit darf nicht zu teuer sein
  • Daniel Geibel: „Eine freie Gesellschaft braucht Schutz"

Wir sprachen darüber mit dem Unternehmer Daniel Geibel, professioneller Berater und Entwickler von Fahrzeugsperren.

Was sagen Sie zu der tragischen Amokfahrt in Volkmarsen?

Obwohl ich über Einzelheiten vor Ort nichts weiß, kann ich sagen, dass die Ordnungsämter teilweise mit der Thematik alleingelassen und überfordert sind. Gleichgültig wo: Allein mit einem Durchfahrt-Verboten-Schild kann man heute keine Veranstaltungen mehr laufen lassen. 

Die Welt hat sich geändert in den letzten fünf, sechs Jahren. Der Verantwortliche braucht die richtige Technik, die Hardware, und das Wissen, wie er diese taktisch richtig einsetzt.

Sind Sie ein Schwarzseher, der den Leuten nur ihren Spaß vermiesen will?

Bestimmt nicht, aber man muss vernünftig abwägen. Ignoranz nach dem Motto „hier passiert schon nichts“ ist fahrlässig. Sicherlich gab es auch in Volkmarsen Menschen, die über einen Zufahrtschutz nachgedacht hatten, vielleicht wurden Kosten- oder Aufwandsgründe vorgeschoben. Doch leider sehen wir an Volkmarsen, wie nah die Problematik ist.

Das heißt, die Verantwortlichen müssen sich überall mehr Gedanken machen über den Schutz vor Fahrzeugen.

Genau, Sicherheitsexperten haben im Detail erhoben, dass dies ein ganz empfindlicher Bereich ist, denn über ein Fahrzeug können potenzielle Angreifer überall sehr schnell und leicht verfügen, viel leichter als über Waffen oder Sprengstoff zum Beispiel. 

Seit Nizza im Sommer 2016 und dem Berliner Breitscheid-Platz Weihnachten 2016 ist die Lage eine andere geworden, das Szenario ist in den Köpfen. Im Darknet kursiert, dass jede Openair-Veranstaltung ein mögliches und lohnendes Anschlagsziel ist. Terroristen suchen sich sogenannte weiche Ziele, das sind oftmals größere Menschenansammlungen mit keinem oder nur sehr geringen Schutz. 

Die Gefährdungen durch medizinische Notfälle, technisches Versagen, erweiterten Suizid und anderes mehr müssen dazu addiert werden.´

Das heißt, Sie halten verstärkte Anstrengungen für erforderlich.

Ja, es sieht leider so aus, dass es nicht besser wird. Es ist kein vertretbarer Ansatz zu sagen, dass Sicherheit zu teuer ist. Ich zahle ja auch für eine Versicherung, die für mich persönlich hoffentlich nie leisten muss.

Vielleicht wird es auf die Reduzierung von Veranstaltungen hinauslaufen müssen. Ich bin nicht dafür, Gefährdungen hochzukochen, aber man darf sie auch nicht herunterspielen. Das Thema Sicherheit sollte man nicht an die Kosten knüpfen.

Ist das denn nicht übertrieben?

Sie können mir glauben, dass es Entscheidungsträger wirklich nicht leicht haben, das habe ich selbst auf vielen Großveranstaltungen erleben müssen. 

Wenn man beispielsweise eine Veranstaltung wegen einer Unwetterwarnung oder eines anderen Sicherheitsrisikos unterbrechen oder absagen muss, kommt das nie gut an. Dann heißt es oft „das ist übertrieben“ oder „das sind Umsatzeinbußen“, aber wenn man die Verantwortung für das Wohl der Besucher hat, muss man nach meiner Meinung immer lieber zu früh als zu spät solche unpopulären Entscheidungen treffen. 

Die meisten Behörden, mit denen ich in den letzten Jahren zusammen gearbeitet habe, sehen das genauso. Nach den Ereignissen der letzten Jahre und nun in Volkmarsen kann der Spruch nicht mehr gelten, dass es doch immer gut gegangen sei. Eine freie Gesellschaft braucht Schutz.

Muss dieser Schutz immer hässlich aussehen?

Viele Menschen stören sich gar nicht mehr an dem Anblick von Pollern, mancher fühlt sich eher verunsichert, wenn sie fehlen. 

Es ist einfach so, dass wir das Problem nicht verniedlichen und zum Beispiel Sperren mit Blumen und Hussen überdecken sollten, es geht ja auch um Abschreckung. Wenn die Funktion nicht stimmt, zum Beispiel bei Beton-Weihnachtsbäumen, die in sich gefährlich sind, steigt das Risiko sogar.

Inzwischen haben ja viele die Gefahren- und Terrorabwehr im öffentlichen Raum als Geschäftsfeld erkannt, ist das positiv?

Nur wenn ihre Systeme auch sicher und geprüft sind, was oft nicht der Fall ist. Steingefüllte Gabionenquader zum Beispiel sind im Ernstfall hochgefährliche Splitter- und Streubomben. Einfach einen Lkw querzustellen als Abschirmung kann zur Falle für flüchtende Menschen werden, „Entfluchtung“ ist der Fachbegriff. Schikanen, die Laster einbremsen können, schützen womöglich nicht gegen Anschläge mit Pkw.

Wie können Sie mithelfen, mehr Sicherheit zu erreichen?

Ich habe mir in der Branche in den vergangenen drei Jahren einen Namen gemacht und erhalte Anfragen aus vielen Ländern, von Ministerien bis zur Polizei. Ich bin Hersteller mehrerer Systeme und Praktiker, stelle die Sperren also auch selbst auf. 

Im Herbst vergangenen Jahres wurde ich in den Berliner DIN-Ausschuss für mobile Fahrzeugsperren berufen. Jüngst haben wir bei derGPEC in Frankfurt ausgestellt, Europas größte geschlossene Spezialmesse für Sicherheitsbehörden.

Sehr wichtig ist die Zusammenarbeit mit offiziellen Sicherheitskräften – Polizei, Sanitäter, Ordnungsämter und vor allem die Feuerwehr. Bei allen Sicherheitsmaßnahmen dürfen wir die Menschen nicht einsperren, Feuerwehrzufahrten und Fluchtwege sind genauso wichtig wie eine Fahrzeugsperre. Das wird allgemein viel zu wenig gesehen.

Das ganze Thema wird uns alle also noch sehr beschäftigen?

Es gibt heute kein Zurück hinter die Erkenntnisse der Sicherheitsprofis. Und vor welche Herausforderungen uns künftig Pandemien und die dann notwendige Abriegelung ganzer Regionen stellen werden, ist eine weitere große Frage. Sie ist angesichts von Covid 19 leider auch hochaktuell.

https://www.hna.de/lokales/frankenberg/volkmarsen-kassel-hessen-karneval-taeter-rosenmontagszug-autofahrer-opfer-kind-news-zr-13557167.html

Video: Amokfahrer kommt in U-Haft

Von Anne Quehl

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