„Werte gelten für alle Menschen“

Arbeitskreis und Leiterin von der Frauenunterkunft engagieren sich gegen Alltagsrassismus

Hören immer wieder von bestürzende Erfahrungen: Von links Silvia Scheffer, Jochen Helwig und Julia Barke.
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Hören immer wieder von bestürzende Erfahrungen: Von links Silvia Scheffer, Jochen Helwig und Julia Barke.

Auch in Schwalmstadt kämpfen People of Colour mit Alltagsrassismus. In der Stadtbücherei gibt es kaum Kinderbücher mit nicht-weißen Charakteren. Engagierte setzen sich jetzt für Menschen ein.

„Eine Prinzessin mit dunkler Haut ist hässlich“: Diese Aussage stammt von einem kleinen, dunkelhäutigen Mädchen, das die erschreckende Erkenntnis des Hässlichseins aus dem Kindergarten mit nach Hause brachte.

„Das war für mich ein Schlüsselmoment. Mir war nie bewusst, wie früh rassistische Züge in der Gesellschaft schon Fuß fassen“, sagt dazu Julia Barke, die die DRK-Gemeinschaftsunterkunft in Treysa leitet und Tag für Tag mit Begebenheiten rund um das Thema Alltagsrassismus konfrontiert wird.

„Es sind die vielen kleinen Nadelstiche, die die Menschen anderer Herkunft Tag für Tag verletzen. Sie machen mürbe und kränken. Die Betroffenen selbst können daran meist nicht viel ändern“, sagt Silvia Scheffer, die sich seit vielen Jahren im Arbeitskreis Toleranz und Menschenwürde engagiert.

Ihr fällt auf, dass die Gesellschaft von Migranten und Flüchtlingen stets eine Akzeptanz der demokratischen Werte einfordert, viele umgekehrt den Fremden aber eben nicht mit Respekt und Würde entgegenträten. „Die Werte sind wichtig, nur gelten sie für alle Menschen“, so Scheffer.

Auch die junge, aus Afghanistan stammende Mutter Sumaya Fazeli kennt Alltagsrassismus nur allzu gut. Beim Besuch einer Bankfiliale wurde ihr beispielsweise mit dem Satz: „Lernen Sie Deutsch, dann können Sie wiederkommen!“die Tür gewiesen oder eine Bahnfahrt mit ihrer Familie endete in einem hohen Bußgeld und mit Polizeibesuch. Die junge Familie hatte, wie andere Fahrgäste auch, vergessen ihre Namen auf das gelöste Ticket einzutragen.

Während man den anderen Fahrgästen einen Stift zum Nachtragen der Daten reichte, rief der Kontrolleur für die junge Familie Fazeli die Polizei. „Der Polizei war die Ungleichbehandlung trotz vieler Zeugen, die für uns sprachen, egal. Das war nicht fair“, so die Mutter, die gerne ihre Deutschkenntnisse ausbauen würde, gäbe es doch nur entsprechende Angebote.

Kaum Deutsch-Kurse für Fortgeschrittene

„Hier gibt es so viele Fehler im System. Einen Einsteigersprachkurs gibt es für Flüchtlinge meist noch, doch Sprachkurse für Fortgeschrittene sind extrem rar. Zu Corona-Zeiten gibt es gar kein Angebot“, klagt Jochen Helwig, ebenfalls Mitstreiter des Arbeitskreises.

„Wir möchten aber nicht nur mit dem Zeigefinger auf Missstände deuten, sondern Vielfalt alltäglich machen“, so Helwig, der sich gemeinsam mit dem Arbeitskreis und Julia Barke für ein Buchprojekt an Schulen und Kindergärten stark macht. „Selbst in der Stadtbücherei muss man nach Kinderbüchern mit Akteuren unterschiedlicher Hautfarben suchen. Es gibt sie, aber sie sind schwer zu finden“, sagt Barke.

Oftmals fehle es im Alltag auch an gegenseitigem Verständnis, weil es an Wissen über den anderen fehle. Julia Barke begleitete einmal eine afrikanische Frau zu einem Arztbesuch und fand dabei heraus, dass die Frau keinerlei Wissen über die Funktionalität des weiblichen Körpers hatte. Als die Ärztin von der Unkenntnis erfuhr, konnten gegenseitige Missverständnisse ausgeräumt werden. „Nicht jeder Mensch der Welt hat Bildung erfahren, dumm sind die Menschen deswegen aber noch lange nicht“, so Barke.

Alltagsrassismus findet überall statt

Besonders beim Thema Wohnungssuche stoßen die Ehrenamtlichen und Julia Barke auch immer wieder an ihre Grenzen. „Wenn ich nicht als Mittler bei Vermietern mit guten Worten für die Wohnungssuchenden bürge, haben Menschen mit anderer Hautfarbe oder nicht westlichem Kleidungsstil keine Chance“, beobachtet Barke.

Corona habe nun auch noch die Bildungsproblematik verschärft, denn Home-Schooling funktioniere in Familien ohne PC einfach nicht. „Das Argument Handy zählt nicht wirklich. Die Menschen haben nicht die passenden Verträge, um dauerhaft Home-Schooling-Projekte über das Handy abzuwickeln“, sagt Helwig. Nicht mal zehn Prozent der Betreuten von Julia Barke hätten beispielsweise eine eigene E-Mail-Adresse.

Mit zur Verfügung gestellten Büchern, wo es farbige und weiße Kinder als Akteure gibt, soll nun zumindest in einigen Betreuungseinrichtungen bei den Allerkleinsten ein bisschen mehr für die Akzeptanz der Vielfalt im Alltag getan werden.  

Von Regina Ziegler-Dörhöfer

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