Ladesäulen im Kreis veraltet 

Auf dem Land fehlt für E-Autos die Infrastruktur

Überzeugter E-Auto-Fahrer: Ingenieur Jürgen Sapara aus Rommershausen setzt auf die neue Technik und hat sich für zu Hause eine eigene Wall-Box fürs Aufladen angeschafft – dafür gibt es aktuell Zuschüsse.
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Überzeugter E-Auto-Fahrer: Ingenieur Jürgen Sapara aus Rommershausen setzt auf die neue Technik und hat sich für zu Hause eine eigene Wall-Box fürs Aufladen angeschafft – dafür gibt es aktuell Zuschüsse.

Das Thema Elektromobilität nimmt auch im Schwalm-Eder-Kreis deutlich Fahrt auf: Immer mehr Menschen denken über die Anschaffung eines E-Autos nach, auch deshalb, weil es Zuschüsse gibt – bis zu 9000 Euro vom Staat.

Schwalm-Eder – Zudem bringen immer mehr Hersteller E-Modelle auf den Markt. Woran es allerdings nicht nur bundes-, sondern auch kreisweit mangelt, sind Ladensäulen.

Zwar weist die Bundesnetzagentur für den Kreis 33 Ladensäulen aus, davon sind allerdings gerade einmal sechs Schnellladesäulen – vier liegen unmittelbar an der A 7 zwischen Guxhagen und Knüllwald, je eine weitere finden Nutzer in Homberg und Schwalmstadt. „Viel zu wenige“, sagt Gerhard Reidt vom Verein Elektromobilität Nordhessen (Schwalmstadt). Ursprünglich sei die Infrastruktur der E-Ladesäulen im Kreis durchaus passabel gewesen, doch mittlerweile genügten die Ladesäulen längst nicht mehr den Ansprüchen.

Vor allem fehle es an Schnellladesäulen. Wer sein Auto beispielsweise am Paradeplatz in Ziegenhain aufladen möchte, braucht dafür zwischen sechs und acht Stunden. Ebenfalls ein Problem sei die Übersicht, wo sich Strom-Tankstellen befänden, sagt Reidt. Das liege auch daran, dass es sowohl öffentliche – beispielsweise die der EAM – aber eben auch private Ladeinfrastruktur gebe. Reidt empfiehlt für eine bessere Übersicht den Elektroauto-Blog Going Electric. Der zeigt für den Kreis knapp 80 Ladesäulen auf seiner interaktiven Karte an. Die Privatinitiative ermöglicht es E-Auto-Nutzern, weitere Ladepunkte zu vermerken.

Das Problem der Unübersichtlichkeit kennt auch Jürgen Sapara. Der Ingenieur ist beim Land Hessen für den Ausbau der Ladeinfrastruktur zuständig. „Wer einen guten Überblick haben möchte, braucht mehrere Apps“, erklärt er. Er selbst hat sich eine eigene Wall-Box zum Aufladen seines E-Autos zu Hause installiert. Auch der Kreis hat nach eigenen Angaben in zwei Förderprogrammen in den Jahren 2018 bis 2020 inzwischen 50 Wall-Boxen für den privaten Bereich gefördert und insgesamt 13 650 Euro Förderung ausgezahlt.

Auf dem Land fehlt für E-Autos die Infrastruktur: Eigene Tankstelle direkt vor der Tür

Rommershausen – Jürgen Sapara hat vor der Haustür seine eigene Tankstelle. Hier läuft allerdings nicht Benzin aus dem Zapfhahn, sondern Strom aus einer sogenannten Wallbox. Das Ladesystem hat sich der Rommershäuser beim Kauf eines Hyundai Kona Electric angeschafft – und ist damit in der Schwalm einer der Ersten, der die neue Technik nutzt.

Ein ganz entscheidender Grund für die Anschaffung war die Ladeinfrastruktur in der Region. Öffentliche Ladesäulen gibt es zwar, viele sind allerdings veraltet, das Laden dauert viel zu lange. Dem Ingenieur und Fachjournalisten ist die Entscheidung deshalb nicht schwergefallen – zumal es für Elektromobilität Förderung vom Bafa (Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle) gibt und Sapara über eine Anlage auf seinem Hausdach eigenen Strom produziert. In die Wallbox investierte Sapara 1100 Euro, 900 Euro bekam er als KfW-Förderung dazu.

Die Reichweite seines Wagens liegt mit voller Batterie bei etwa 300 Kilometern. Damit kommt Sapara bequem zur Arbeit nach Kassel und wieder zurück. Er ist beim Land Hessen beschäftigt und seit einem Jahr für den Ausbau der Ladeinfrastruktur zuständig. Allein mehr öffentliche Ladepunkte würden das Mobilitätsproblem nicht lösen, ist Sapara überzeugt: „Man sollte sich wirklich die Frage stellen, ob ich ein zweites Auto brauche oder auf Ideen wie Carsharing oder beispielsweise ein Lastenfahrrad umsteigen könnte.“

Mit voll aufgeladener Batterie kann der Hyundai etwa 300 Kilometer zurücklegen.

Wer ein E-Auto fährt, verändere sein Verhalten, sagt der Rommershäuser: „Ich versuche, zumindest zu Hause immer dann zu laden, wenn die Sonne scheint.“ Als Gewinn beschreibt Sapara in der Schwalm beispielsweise die Ladesäule im Hexengässchen: „Ein Einkauf im Supermarkt genügt, um die Batterie ordentlich zu laden.“

Um Ladesäulen besser zu finden, beispielsweise für das Planen einer weiteren Reise, gibt es mittlerweile spezielle Apps, die die Ladepunkte anzeigen. Für eine Fahrtstrecke über fünfeinhalb Stunden müssen E-Auto-Besitzer etwa sieben Stunden einplanen – vier Stopps sind in dieser Zeit zum Laden nötig. Beim Fahrspaß stehen E-Autos konventionellen Benzinern in nichts nach, berichtet Jürgen Sapara aus seiner Erfahrung: „Der Wagen ist aus dem Stand im Vollgas, das Fahren an sich ist geräuscharm und entspannend. Und das Portfolio bei den Autoherstellern ist groß – da wird in den kommenden drei Jahren noch viel auf den Markt kommen.“

Geforscht werde in dem Segment insbesondere beim Antrieb – denn Batterien belasten zunehmend die Ökobilanz. „Man weiß, dass Wasserstoff die Alternative wäre“, sagt Sapara. Tesla beispielsweise – einer der größten Hersteller – sei mit der Entwicklung von kobaltfreien Batterien beschäftigt. Auch beim Thema Reichweite tue sich etwas – das Ziel seien 1500 Kilometer.

Das Laden seines Autos kostet den Rommershäuser etwa 12 Euro: 40 Kilowattstunden (jede Kilowattstunde kostet etwa 30 Cent). Damit kann der Wagen 300 Kilometer zurücklegen. Zum Vergleich: Je nach Benzinpreis wird für dieselbe Strecke etwa das Doppelte fällig.

Aktuell investiert das Land Hessen laut Sapara in die Ladeinfrastruktur. 500 Ladepunkte seien für ganz Hessen in der Planung.

Davon profitiert dann hoffentlich auch der Schwalm-Eder-Kreis, der, ähnlich wie andere flächige Kreise (Werra-Meißner und Waldeck-Frankenberg), eher eine befriedigende Infrastruktur für E-Mobilität anbietet: „Da ist noch deutlich Luft nach oben“, ist der Ingenieur überzeugt.

Auf dem Land fehlt für E-Autos die Infrastruktur: Es gibt viele Bezahlsysteme 

Ähnlich schwierig wie die Übersicht der E-Ladesäulen gestaltet sich auch das Bezahlen, bestätigt Jürgen Sapara. „Es empfehlen sich auch hier mehrere Karten“, ist seine Erfahrung. Auch die Preistransparenz müsse sich ein E-Auto-Nutzer praktisch selbst herstellen.

Die Ladesäulen der EAM beispielsweise funktionieren mit gängigen Roaming-Ladekarten oder per App. Seit dem 1. Januar 2021 würden schrittweise die Zugangsmöglichkeiten zu den Ladesäulen durch Paypal erweitert, heißt es von dem Unternehmen.

Die Erweiterung der Bezahlmöglichkeiten, beispielsweise mit Applepay oder Kreditkarte, sei in Planung. Mittlerweile hat das Bundeskabinett eine Novellierung der Ladesäulenverordnung auf den Weg gebracht. Die Änderung sieht vor, dass Betreiber von Ladesäulen für E-Autos beim Ad-hoc-Laden künftig mindestens eine kontaktlose Zahlung mittels gängiger Debit- und Kreditkarte als Mindeststandard anbieten müssen.

Ziel der neuen Regelungen ist es, das Bezahlen an öffentlich zugänglichen Ladesäulen einfacher und nutzerfreundlicher zu gestalten, um E-Mobilität weiter zu fördern.

Die Regelung zum einheitlichen Bezahlsystem gilt für alle Ladesäulen, die ab dem 1. Juli 2023 erstmalig in Betrieb genommen werden. Bestehende Ladesäulen müssen nicht nachgerüstet werden. Nun wird sich als nächstes der Bundesrat mit den geplanten Änderungen befassen. (Sandra Rose)

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