Jahrzehntelanger Kampf für Barrierefreiheit

Bahnhofsausbau in Treysa kostet 13,6 Millionen Euro

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Einsatz für den barrierefreien Ausbau: Nadine Moos lieh dem Kampf für den barrierefreien Ausbau ihr Gesicht, hier mit ihrer Betreuerin Marion Springs in der Zeit, bevor der Bahnsteig an Gleis 1 angehoben wurde.

Für Schwalmstadt und die Region sind der Ausbau und die Modernisierung des Treysaer Bahnhofs ein Meilenstein. Von der Aufwertung werden alle Bahnfahrer maßgeblich profitieren.

Es war ein langer Kampf: Mit dem vollständigen barrierefreien Ausbau des Bahnhofs in Treysa wird in Schwalmstadt ein Meilenstein erreicht, der für die Stadt und die Region von enormer Bedeutung ist. 

Die Baustelle wird kommende Woche eingerichtet, erste spürbare Änderung: ab morgen ist der Bezahl-Parkplatz am Gleis 1 geschlossen. Die Stellplätze entlang der Straße sind schon gesperrt. Der eigentliche Baustart ist dann Mitte Dezember, teilte ein DB-Sprecher (Frankfurt/M.) unserer Zeitung auf Anfrage mit.

Der zweite, große Abschnitt wird damit planmäßig begonnen. Alle Bahnsteige werden in konventioneller Bauweise – also nicht mit Modulplatten – auf 55 Zentimeter angehoben. Außerdem werden die Unterführung modernisiert und die Überdachungen an den Gleisen erneuert. Vor allem wird die Barrierefreiheit des kompletten Bahnhofs und aller Bahnsteige mit Rampen hergestellt.

Noch schmuddeliger Zugang zur Unterführung: Diese bleibt erhalten, wird aber endlich modernisiert.

Baurecht für den Umbau besteht schon seit 2014. Die Umsetzung schien dann allerdings am Bahnsteighöhenkonzept bzw. an den langfristig eingekauften Fahrzeugtypen zu scheitern.

Kehrtwende in letzter Minute

Durch gebündelten, breiten Protest in der gesamten Region kam es voriges Jahr sozusagen in letzter Minute zur Kehrtwende, im Juli wurden die Verträge mit großem Bahnhof unterschrieben. Zunächst galt es den Fernzugshalt Treysa zu retten, punktgenau wurde die provisorische Anhebung der Bahnsteige 1 und 2 fertig, damit der ICE-T als Nachfolger des ICs Treysa bedienen kann. Jetzt beginnt der entscheidende stufenfreie Ausbau, von dem alle Mobilitätseingeschränkten profitieren werden, vom Rollstuhlfahrer über den Rollatorennutzer bis zu Eltern mit Kinderwagen.

Der Bahnhofsausbau Treysa steht damit in einer Reihe mit den aktuell anstehenden Modernisierungen in Niederwalgern, Niedernhausen, Frankfurt/M. Flughafen und dem Fern- und Regionalbahnhof Lollar.

Kosten wird das über 13,6 Millionen Euro. Die Bahn, die aktuell immerhin mehr als 10 Milliarden Euro in Schiene und Bahnhöfe investieren will, in Hessen rund 800 Millionen Euro, übernimmt in Treysa gerade mal einen Anteil von 5,8 Millionen Euro.

In 20 Jahren ist vertraglich ein weiterer Bauabschnitt vereinbart: Dann werden die Bahnsteige auf 76 Zentimeter erhöht zur angestrebten Vereinheitlichung europäischer Bahnsteighöhen.

Umbau dauert mehr als zwei Jahre

Die Umbauzeit auf dem Treysaer Bahnhof wird sich über mehr als zwei Jahre hinziehen. Die Inbetriebnahme ist für Anfang 2022 geplant, teilte ein Bahnsprecher mit. Herzstück: alle Bahnsteige werden über lange Rampen mit einem 7-prozentigen Gefälle stufenlos erschlossen. Außerdem werden alle Bahnsteige in konventioneller Bauweise auf 55 Zentimeter angehoben. Die Unterführung wird modernisiert, Ausstattung und Überdachung werden erneuert. 

Kosten wird das mehr als 13 Millionen Euro, das Land Hessen hat davon 7,8 Millionen zu tragen. Mit der Stadt Schwalmstadt will die DB Station und Service AG (Frankfurt/M.) Anfang Dezember über Details reden. Dann kann vermutlich auch darüber gesprochen werden, wie der Ulrichsweg und der Haaße Hügel als Einstieg des Bahnradwegs angebunden werden können, beides wurde in der jüngsten Stadtverordnetensitzung angemahnt. 

In einem ferneren, letzten Bauabschnitt steht die Bahnsteiganhebung auf 76 Zentimeter an, das muss bis 2041 geschehen und kostet noch einmal 5,4 Millionen Euro, den Löwenanteil hat das Land Hessen zugesagt. „Das ist am Ende eine sehr teure Lösung, aber auch eine sehr gute“, kommentierte Minister Al-Wazir im Sommer 2018 bei der aufwendigen Vertragsunterzeichnung. „Wo, wenn nicht hier, ist Barrierefreiheit nötig?“, sagte Al-Wazir. 

Arbeitskreis zeigt sich zufrieden

Die Freude über das finale Einsehen und Einlenken aller verantwortlicher Kostenträger ist immer noch groß. Frank Keller, Sprecher des Arbeitskreises „Zum Zug kommen“: „Eigentlich kam es ja viel zu spät, doch wir sind erleichtert.“ Er ist davon überzeugt, dass der schlussendliche Erfolg ohne den Arbeitskreis nicht erzielt worden wäre. 

Frank Keller Hephata "Zum Zug kommen"

Zahlreiche Unterstützer hatten sich eingereiht seit der Gründung 2009, dem Jahr, als die geduldete Überquerung der Gleise durch Rollstuhlfahrer ersatzlos beendet worden war. Da war eigentlich schon seit mindestens zwei Jahrzehnten klar, dass der barrierefreie Ausbau eine unverzichtbare Notwendigkeit darstellt. 

Eine vielbeachtete Pressekonferenz 2017 in Treysa habe, nachdem die Aussichten zunächst immer trüber wurden, die wichtige Wende gebracht, erinnert sich Keller. Dass es in Treysa eine Rampenlösung geben soll, darüber herrschte schon länger Einigkeit in der Stadt. Sie entspricht dem ursprünglichen Vorschlag des Beirats für selbstbestimmtes Leben. 

Rampen sind kostengünstiger

Wie Keller erläutert, hätte die von der Bahn bevorzugte, günstigere Fahrstuhllösung zahlreiche Nachteile gehabt: Wartezeit bei größeren Benutzergruppen, Vandalismus- und Reparaturanfälligkeit. Langfristig seien die Rampen – übrigens wesentlich flachere als die in Kassel-Wilhelmshöhe – deshalb doch kostengünstiger. 

Wegen der nun anstehenden Jahre des Baus ist das Hessische Diakoniezentrum nicht in besonderer Sorge. Während der Umbauzeit würden die Assistenzleistungen für die Menschen mit Behinderungen, die von Treysa aus reisen, die gleichen sein wie bisher. 

Ohne den Arbeitskreis Zum Zug kommen wäre es vermutlich nicht zum vollständigen Ausbau gekommen, so die Einschätzung von Frank Keller. Nutznießer werden alle sein, ist er sicher. 

Wie die Neugestaltung des Bahnhofs aussehen wird, ist noch nicht bekannt, möglicherweise ähnlich wie in Wabern. Der Zugang zum Bahnhofsgebäude ist bereits barrierefrei, die Stadt hatte die Rampe beim Umbau des Bahnhofsvorplatzes anlegen lassen.

Baustart im Klimanotstand

Redakteurin Anne Quehl zum Bahnhofumbau

Anne Quehl

Der Baustart am Bahnhof Treysa ist ein wirklich großer Tag in der Geschichte der Stadt und der ganzen Region. Dass es endlich so weit ist, ist der Unermüdlichkeit vieler zu danken, vorbildlich gebündelt und geführt vom Arbeitskreis „Zum Zug kommen“. 

Alle Reisenden werden profitieren, doch vor allem wird die unhaltbare Situation überwunden, dass der bedeutende Fernzughalt am Sitz des Hessischen Diakoniezentrums und Universitätsstandort nicht barrierefrei ist. Trefflich könnte man lamentieren, warum das so lange dauern musste und konnte. Und warum der hessische Steuerzahler so viel dazu zahlen muss. 

Trotzdem überwiegt ganz einfach die Erleichterung. An einem Tag, an dem der Klimanotstand in Europa ausgerufen wird, ist es klarer als je zuvor, dass wir alle neue Reise- und Pendlergewohnheiten entwickeln müssen, die Bahn hat dabei eine Schlüsselfunktion. Zwar kommt der Bahnhofsausbau spät, doch war er schlicht nie dringender.

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