Verteidiger: Es war die Suche nach Anerkennung

Brandserie und Gleismanipulationen in der Schwalm: 30-Jähriger äußert sich erstmals

Die Feuerwehr Treysa löschte einen Brand einer Hütte in Treysa
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Ob der Brand einer Hütte in Treysa auf das Konto der Angeklagten geht, wird der Prozess zeigen.

Der Prozess wegen des Platzierens schwerer Gegenstände auf Bahngleisen und mehrmaliger Brandstiftungen geht weiter. Am vergangenen Prozesstag äußerte sich einer der Angeklagten, der 30-Jährige, zum ersten Mal.

Schwalm/Marburg – Es ist ein Anklagevorwurf, der es in sich hat: Sieben Mal sollen die drei Angeklagten aus der Schwalm durch das Platzieren schwerer Gegenstände auf Bahngleisen das Leben Dutzender Zugpassagiere gefährdet haben und in 14 weiteren Fällen verschiedene Hütten in Brand gesetzt haben. Über allem schwebt der Vorwurf des gemeinschaftlichen versuchten Mordes.

Nach den ersten Verhandlungstagen am Marburger Landgericht, in denen sich alle drei geständig eingelassen haben, zeichnet sich ab, wie sie ihre Taten betrachten, dass alle drei weder beabsichtigt haben wollen, Menschen zu gefährden oder gar zu verletzen. Über Zugentgleisungen als mögliche Folgen seien sie sich nicht im Klaren gewesen. Ein 51-Jähriger und ein 30-Jähriger müssen sich jeweils für 21 Taten, ein 27 Jahre alter Mann ebenfalls aus dem Südkreis für 13 Taten verantworten.

Aus der ganzen Serie an Brandstiftungen und gefährlichen Eingriffen in den Bahnverkehr, die von November 2018 bis August 2019 hauptsächlich im Schwalm-Eder-Kreis begangen worden sind, ist nach bisherigen Aussagen der 27-Jährige irgendwann ausgestiegen mit Beginn seiner Festanstellung. Jüngst machte der 30-jährige Angeklagte aus Schwalmstadt erstmals Angaben.

Demnach lässt sich sagen: Bei den ersten Fällen von hauptsächlich Brandstiftungen war dieser ein eher passiver Begleiter. Als die Clique – bestehend aus den drei Angeklagten und zwei Freundinnen – in den Abendstunden wie häufig mit dem Auto des 51-Jährigen umhergefahren sei, kam es wohl fast immer spontan zu Brandstiftungen oder eben Eingriffen in den Bahnverkehr – nicht, wie es die Anklageschrift vorwirft, gemäß vorheriger Planungen.

Angeklagter: „Es ging nur um den Knall“

Erst als sich der 27-Jährige aus der Gruppe und der Serie an Straftaten zurückgezogen hatte, habe der 30-Jährige aktive Tatbeiträge geleistet. Zum ersten Mal äußerte dieser Angeklagte sich zu seiner Biografie und auch zur offenen Frage nach seinem Motiv.

Zu den Bahndelikten und der kurzen Zeitspanne zwischen spontaner Idee und Ausführung sagte er: „Es ging nur um den Knall als solchen und um nichts anderes.“ Ausdrücklich wies er von sich, die Straftaten etwa aus Langeweile begangen zu haben, wie es im bisherigen Verfahren unter anderem angeklungen war.

Was aber lebensgeschichtlich dahinter stand, das deutete Sascha Marks, einer seiner Verteidiger, mit Bezug auf das bisherige Leben seines Mandanten an: Mit seinem Zwillingsbruder sei der 30-Jährige im Alter von vier Jahren in eine Pflegefamilie gekommen – in dem Haus seiner leiblichen Eltern habe ein „desolater Zustand“, so Marks, geherrscht.

Pflegefamilie vermittelte Angeklagten Werte wie Korrektheit

In der neuen Pflegefamilie sei er dann „unter vernünftigen Umständen groß geworden, die Eltern haben sich gut gekümmert“, ergänzt Cord-Eberhard Pohlmann, zweiter Verteidiger des 30-Jährigen. Die Pflegefamilie habe Werte wie Korrektheit, Ordnung und Tüchtigkeit immer hochgehalten.

Nicht beabsichtigt, sondern eher unterbewusst, habe dies Druck auf den 30-Jährigen aufgebaut – besonders, als er seine Schullaufbahn mit qualifiziertem Realschulabschluss beendete, dann aber der Berufseinstieg nicht glatt lief. Zwar habe er sich zum Elektrotechniker ausbilden lassen. Weil ihm der Beruf aber nicht besonders gefiel, habe der Schwälmer sich bis heute „von Job zu Job gehangelt“.

Unterbewusst habe er sich seiner Pflegefamilie gegenüber geschämt und ein Ventil gesucht. „Anerkennung“ habe er dann von der mutmaßlichen Tätergruppe bekommen. Das alles sei dem 30-Jährigen im Tatzeitraum aber nicht klar gewesen.

Der 30-Jährige selbst sprach auch davon, dass im Tatzeitraum oftmals ein „Wir lassen das jetzt“ gefallen sei: „Aber in der Gruppendynamik schaukelte sich einiges hoch und irgendwann hatten die Taten eine Selbstverständlichkeit.“ (Beatrix Achinger)

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