"Freiheit kann man nicht töten"

Charlie Hebdo: Treysaerin war beim Trauermarsch in Paris

Schwalmstadt. Die Treysaerin Dagmar Sippel erlebt in Paris die Trauer um die Opfer der Attentate.

„Wir sind alle zutiefst geschockt, verletzt und sprachlos“, sagt Dagmar Sippel nach dem Anschlag auf die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“. Seit knapp 30 Jahren lebt und arbeitet die aus Treysa stammende Künstlerin in Paris, von ihrer Wohnung aus blickt sie auf den Eiffelturm.

„Als ich 1986 das erste Mal nach Paris kam, wusste ich sofort: Dies ist die Kulisse, vor der ich mein Leben wie einen Film abspielen lassen will“, beschrieb Dagmar Sippel schon einmal der HNA das Gefühl, das sie überwältigte, als sie erstmals als Kunststudentin in der Metropole war. „Aber wie man sehen kann, bringt das Leben immer wieder Überraschungen, und manche sind so grausam, dass man nie daran gedacht hätte.“

„Charlie Hebdo“ sei für die Franzosen das Symbol für Freiheit, Kultur, Intelligenz, meint Dagmar Sippel. Ihr Mann Didier Marcelin sei mit „Charlie“ groß geworden: „Frankreich ohne „Charlie Hebdo“ sei unvorstellbar - wie ein Franzose ohne Baguette, Wein und Käse.“

Einen Tag nach dem Anschlag auf die Satirezeitung war Dagmar Sippel kurz vor Mittag zur Röntgenuntersuchung im Krankenhaus La Salpêtrière, weil sie sich den linken Arm gebrochen hatte. Um Punkt 12 Uhr läuteten die Glocken der Kathedrale Notre Dame für zehn Minuten, berichtet sie, das letzte Mal hätten sie so beim Ende des Zweiten Weltkrieges geläutet.

Schweigeminute 

Es gab in ganz Frankreich eine Schweigeminute. Genau zu diesem Zeitpunkt, saß Dagmar Sippel mitten im vollen, lauten Wartesaal des Krankenhauses. Die in Weiß gekleidete Dame an der Rezeption kündigte die Schweigeminute an und wies darauf hin, dass es jedem selbst überlassen sei, ob er daran teilnehme oder nicht „und unglaublich, aber wahr: Kein Mensch sprach ein Wort, kein Telefon, eine ganze lange Minute lang - nur die Glocken der Notre Dame. Es war sehr ergreifend“.

„Wir sind Charlie“: Die Collage mit ihrem Selbstporträt und ihrem Mann Didier fertigte die aus Treysa stammende Künstlerin Dagmar Sippel im Gedenken an die Opfer der Pariser Attentate. Auch am Schweigemarsch am Sonntag nahmen die beiden teil. Fotos: Sippel/nh

Am Sonntag dann wurde diese Anteilnahme umso größer bestätigt. Auch Dagmar Sippel und ihr Mann nahmen am Schweigemarsch teil. Allein in Paris versammelten sich 1,7 Millionen Menschen, um der 17 Todesopfer der Pariser Attentate zu gedenken. „Das war eine großartige Solidarität, eine positive, lebendige Power für Pressefreiheit, Kunst und Humor“, sagt sie. Man müsse ja nicht alle Zeichnungen und Karikaturen von „Charlie Hebdo“ hervorragend finden, ist sie überzeugt, aber „das Zauberwort heißt Toleranz“. „Charlie Hebdo“ sei nicht tot, beschreibt sie die Stimmung in Paris: „ Wir sind alle Charlie - Freiheit kann man nicht töten.“ Auf dass diese Fassungslosigkeit nicht zur Falle wird, appelliert sie wie viele Franzosen, „auf dass der Hass nicht zu Mord und Totschlag wird, die Wut nicht in gegenseitigem barbarischen Rassismus ausartet“.

Von Sylke Grede

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