Ehemaliges Kriegsfangenenlager - Das Dorf aus dem Nichts

Trutzhain: Dorf wurde vor 70 Jahren gegründet

Die Kistenfabrik von Max Ullrich, links Gertraud Brandstetter, konnte die Umstellung auf Plastikkisten nicht verkraften. Repros: Bernd Lindenthal
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Die Kistenfabrik von Max Ullrich, links Gertraud Brandstetter, konnte die Umstellung auf Plastikkisten nicht verkraften.

Vor 70 Jahren entstand Hessens jüngste Gemeinde aus dem ehemaligen Kriegsgefangenenlager STALAG IXA Ziegenhain: Der Ort Trutzhain.

Trutzhain. Besucher von Trutzhain suchen vergebens im Ortsbild einen Markt- oder Kirchplatz und die typischen Fachwerkhäuser der Schwalm. Sie finden stattdessen eine lange gerade Hauptachse, von der rechts und links rechtwinklig Nebenstraßen abzweigen. Die etwa 30 großen Baracken lassen den Ort leicht als ehemaliges Kriegsgefangenenlager erkennen, das bis zum 30. März 1945 bestanden hat.

Die Amerikaner internierten anschließend hier etwa 5000 Nazi-Funktionäre und Wehrmachtsoldaten und gewährten danach etwa 2000 Holocaust-Überlebenden, meist polnischen Juden, Unterkunft. Nachdem diese das Lager Anfang November 1947 verlassen hatten, standen die Baracken leer. Landrat Heinrich Treibert bemühte sich sofort um die Freigabe des Lagers. Der Kreis Ziegenhain hatte zu dieser Zeit etwa 20 000 Personen aufgenommen, Menschen, die vor der Roten Armee geflohen waren, deutsche Minderheiten aus der Tschechoslowakei, Polen und Ungarn, die durch die Konferenzen der Alliierten zwangsweise ausgesiedelt worden waren, und Evakuierte, die durch den Bombenkrieg aufs Land gekommen waren.

Landesregierung gibt Zustimmung

In einem Brief vom 14. Januar 1948 an das Landesamt für Flüchtlinge in Wiesbaden beschrieb er das Lager als Flüchtlingssiedlung für geeignet. Nach einer Ortsbegehung und weiteren Verhandlungen gab die Landesregierung ihre Zustimmung und verpachtete dem Kreis das Gelände, etwa 47 Hektar, ab dem 1. März 1948 für zunächst fünf Jahre. Die ersten zugewiesenen Familien – Putzke, Frech, Koucky, Gastwirt Schmitz, Dr. Piatscheck, Wittmann, Tintera, Karl Müller, Sturm, Schubert und Kurz – fanden die heruntergekommenen Baracken in einem unbewohnbaren Zustand vor.

Evangelische Kirche, früher die Lagerkirche.

Landrat Treibert hatte sich sogar schon einen Namen für die neue Siedlung überlegt. In alten Flurkarten von Steina hatte er in der Nähe des Lagers die wüst gefallene „Trautshain“ gefunden, und da ihm Traut und Trutz sinngemäß gleich erschien und er den Trotz betonen wollte, mit dem die Neubürger die widrigen Umstände meistern mussten, wurde so verfahren. Tatsächlich bedeutet das im 13. Jahrhundert erwähnte Trutishain „umzäunte Waldsiedlung der Trude“.

Betriebe siedeln sich an

Das Dorf aus dem Nichts nahm dank des Fleißes und Aufbauwillens seiner Bewohner eine günstige Entwicklung. Nach einem Jahr bestanden 32 Industrie- und Handwerksbetriebe, und der Ort zählte 318 Einwohner, davon 46 schulpflichtige Kinder. An größere Landwirtschaft war wegen der fehlenden Flächen nicht zu denken. Die Bürger gaben den Straßen Namen, die an ihre frühere Heimat erinnerten, und richteten eine evangelische und eine katholische Kirche ein.

Als zu Ostern 1949 die Zahl der Schüler auf 120 angestiegen war, war die Grundschule Steina überfordert, und es wurde eine eigene Schule gegründet. Das weitere Anwachsen der kommunalpolitisch zu Steina gehörenden Siedlung schuf die Situation, dass die Bedürfnisse der Siedlung die finanzielle Kraft von Steina zunehmend überstiegen, so dass Landrat Klar 1950 die Bildung einer selbständigen Gemeinde Trutzhain beantragte. Er führte aus, dass in Steina und Trutzhain zusammen 854 Personen wohnen, davon 634 Flüchtlinge und Evakuierte. In einer gemeinsamen Gemeindevertretung hätten diese das Übergewicht. „Das Schicksal der Bauerngemeinde Steina würde somit in der Industriesiedlung Trutzhain entschieden werden.“ Um Spannungen größeren Ausmaßes zu vermeiden und den sozialen Frieden zu wahren, willigten alle Beteiligten ein, und Trutzhain wurde zum 1. April 1951 Hessens jüngste und kleinste Gemeinde. (Bernd Lindenthal)

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