Den Toten einen Platz im Heute geben

Schwalmstadt: Gedenken an sowjetische Kriegsgefangene auf dem Waldfriedhof in Trutzhain

Gedenktafel mit Nelke auf dem Friedhof für Kriegsgefangene in Trutzhain
+
Durch die Forschungsarbeit der Gedenkstätte Trutzhain konnten die Namen von 692 sowjetischen Kriegsgefangenen, die in Trutzhain ruhen, identifiziert werden.

Auf dem Waldfriedhof in Trutzhain wurde in dieser Woche an die sowjetischen Kriegsgefangenen und ihre Schicksale erinnert: 692 Namen von sowjetischen Kriegsgefangenen, die dort ruhen, sind bis heute bekannt.

Trutzhain. Ob das jedoch alle Namen sind, weiß bislang noch niemand. „Vor drei bis vier Wochen gab es beispielsweise erst wieder Nachforschungen einer Urenkelin eines russischen Kriegsgefangenen.

Die Familie versuchte den Werdegang des Urgroßvaters nachzuvollziehen. Er war tatsächlich im Stalag IX A Ziegenhain, verstarb letztendlich aber in einem anderen Lager“, berichtete Gedenkstättenleiterin Karin Brandes.

„Am 22. Juni 1941, vor 80 Jahren, überfiel die Wehrmacht im „Unternehmen Barbarossa“ die Sowjetunion. In der Folge starben mehr als 3,3 Millionen Soldaten, die bis Kriegsende in deutsche Gefangenschaft gerieten, an Unterernährung, fehlender medizinischer Versorgung, durch brutale Behandlung und gezielte Mordaktionen. „Ihre Sterberate lag bei fast 60 Prozent“, heißt es in einer Pressemeldung zum Gedenktag.

Die Gedenkstätte hatte am Dienstag zum Niederlegen von Blumen auf den Massengräbern im Wald über Trutzhain eingeladen und so brachten auch Tina und Horst Krause-Willenberg Rosen aus ihrem Garten mit auf den Friedhof. „Es sind so junge Männer gewesen. Gerade mal 25“, stellte Tina Krause-Willenberg fest und warf dabei einen Blick auf eine der ausgelegten laminierten Bögen, die den sonst doch eher kalt und anonym wirkenden Grabsteinen plötzlich ein ganz persönliches Gesicht gaben. Einer von ihnen: Nikolai Solnikow, 1,75 Meter groß, blond, Zivilberuf Bauer, gesund eingeliefert – so die Daten der mit einem Foto und Fingerabdruck versehenen Personalkarte, die am 14. August 1942 mit dem Todestag den letzten Eintrag für den erst 25-Jährigen erhielt. „Die sowjetischen Kriegsgefangenen wurden in Arbeitskommandos in der Rüstungsindustrie, im Autobahnbau oder in Bergwerken eingesetzt. Die Bedingungen waren extrem hart“, so Brandes, die weiß, dass die Kriegsgefangenen meist dann ins Lager zurückgeschickt wurden, wenn sie so ausgezehrt waren, dass sie als Arbeitskraft nicht mehr taugten.

Zeichen gegen das Vergessen

Von einigen Verstorbenen kennt man aufgrund eines Friedhofsplanes die Lage der Grabstätte, von vielen anderen weiß man es aber auch nicht. „Die meisten Gefangenen sind in den Lagern direkt hinter der Front schon verstorben. Hitler wollte zunächst gar nicht, dass die Sowjets im Land gesehen werden“, berichtete Bernd Lindenthal, der ehrenamtlich im Team der Gedenkstätte mitarbeitet und ebenso Blumen aus dem heimischen Garten zum Gedenken auf den Friedhof brachte. „Wenn man heute nach Russland blickt, stört sich jeder nur am politischen System. Kaum einer mehr denkt, an das Unheil vor 80 Jahren“, befand Horst Krause-Willenberg, der mit seinem Gedenkstättenbesuch ein kleines persönliches Zeichen wider das Vergessen setzen wollte. „Die hohe Todesrate ist einfach nur erschütternd“, so das Ehepaar Krause-Willenberg.

Der französische Kriegsgefangene Marcel Marivin, der von 1942 bis 1944 im Lager Stalag IX A untergebracht war, schrieb von nackten, toten Körpern der Sowjets, die im Winter allmorgendlich vor ihren Baracken lagen. „Die Toten waren alle entkleidet, die Überlebenden teilten die Kleidungsstücke unter sich auf, um sich gegen die Kälte zu schützen. Jeden Morgen durchquerte ein Pferdekarren das Lager, beladen mit nackten Kadavern, welche kreuz und quer über den Wagen geworfen waren.“ (Regina Ziegler-Dörhöfer)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.