Der Nebelfluss und seine Geschichte

Die Schwalm - Ein ganz besonderes Gewässer

Nebelschwaden an der Schwalm: Diesen Titel gab Lutz Klapp seinem
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Nebelschwaden an der Schwalm: Diesen Titel gab Lutz Klapp seinem

Die Schwalm, fast 100 Kilometer lang, ist auch und vor allem der Namensgeber der Region Schwalm mit ihrer einzigartigen Tracht und bäuerlichen Kultur.

Schwalm. Der Begriff geht in Hessen und darüber hinaus leicht über die Lippen. Die weiten Röcke der Frauentracht, satte Ackerböden, die Sprache, die Malerei und die Stracke sind nur einige Bilder, die er hervorruft.

Doch über den Fluss selbst ist vieles gar nicht so allgegenwärtig. Über sie, die Schwalm, wird oft nur gesprochen, wenn sie Hochwasser führt und sich in die weiten Rückhaltebecken ergießt, die in den 1960er Jahren gebaut wurden.

In der älteren Wissenschaft wird behauptet, im 8. und 9. Jahrhundert habe der Fluss „Sualmanaha“, „Suualmanaha“ und „Swalmanaha“ gelautet, was Dampfwasser oder Nebelfluss oder Nebelgewässer bedeutete. So steht es zum Beispiel in „Die Schwalm“, einem einzigartigen, weil so frühen Fotoband von Hans Retzlaff (1902-1965) mit Texten von Heinz Metz. Das Werk stammt aus den Dreißigerjahren. Die Wortherkunft ist bis heute in allen möglichen Artikeln immer wieder zu lesen, doch gibt es auch Zweifler dieser Theorie und Herleitung, denn aus dieser frühen Zeit gibt es enorm wenige tradierte Quellen.

Fünf Nebenflusstäler gehören zur Schwalm

Unsere Region Schwalm beginnt da, wo der Fluss bei der Eichenmühle nahe Holzburg die Grenze von Hessen-Darmstadt ins Kurhessische überschreitet, und endet, wenn sie Allendorf/L. verlässt. Zur Schwalm gehören noch ihre Nebenflusstäler, von rechts Berfa, Grenf und Steina, von links Antreff und Wiera.

Professor Frank Schmidt-Döhl schreibt 2017 im Halleschen Jahrbuch für Geowissenschaften: „Nördlich des Tertiärbeckens von Alsfeld tritt die Schwalm in Buntsandstein-Hochschollen ein und nimmt südlich von Heidelbach wieder den Charakter eines Durchbruchstals an.“ Ab Schrecksbach werde das Tal deutlich breiter. Mit dem Ziegenhainer Becken, einem Teilbecken der Niederhessischen Senke, beginne ein Abschnitt, der in der Vergangenheit großen Veränderungen des Flussverlaufs unterworfen war. Viel spreche dafür, dass die Schwalm zeitweilig über den heutigen Pass zwischen Ziegenhain und Allendorf floss. Später hat sich die Schwalm nördlich des Altstadtberges von Treysa tief eingegraben. Wahrscheinlich durch eine Absenkung des Schlierbacher Grabens wurde die Schwalm danach nördlich von Allendorf nach Westen in das Buntsandsteingebiet umgelenkt.

Für die Flussgeschichte sind die vulkanische Bildung des Vogelsberges und seiner nördlichen Ausläufer, die Hebung der Kellerwaldschwelle und der Knüllhebungsachse, die Hebung der Altenburg-Landsburg-Hardt Scholle, der Lavastrom vom Kessel und die Eintiefung des Schlierbacher Grabens mit Durchbruch zum Tal der Urff von entscheidender Bedeutung, so Schmidt-Döhl. (Anne Quehl)

97 Kilometer zwischen Vogelsberg und Eder 

Das Licht der Welt erblickt die Schwalm in Köddingen: heute Ortsteil von Feldatal im Naturpark „Hoher Vogelsberg“ im Katharinenbachtal, 499 Meter über NN. Mit genau 97,1 Kilometern ist sie der längste ausschließlich in Hessen verlaufende Fluss. Vom nördlichen Vogelsberg fließt sie durch das oberhessische Hügelland, dann durch die eigentliche Schwalm zwischen Knüll und Kellerwald, um in der westhessischen Senke bei Altenburg in den Fuldazufluss Eder zu münden.

Die Schwalm ist ein recht ruhiges Gewässer mit einem feinkörnigen Grund, Folge ihres geringen Gefälles. Mit ihrem Talauencharakter ist sie Lebensbereich auentypischer Tier- und Pflanzenarten und deren Lebensgemeinschaften. Vom Kanu aus lassen sich ihre lichten Galeriewälder am Ufer erleben, wenn man Glück hat, erspäht man den Eisvogel. Das Regierungspräsidium Kassel gestattet „naturverträglich ausgeübten Wassersport und Wassertourismus“, Rücksicht auf Tiere und Pflanzen ist geboten. Befahrbar ist sie ab Treysa bis zur Mündung, erlaubt ist das zwischen 9 und 19.30 Uhr, maximal 30 Boote täglich sind zulässig.

Über ihre Fauna und das Angeln berichten wir in weiteren Folgen einer kleinen Serie über die Schwalm. Nur so viel: Laut der Internetseite anglermap.de gibt es diese Fische in der Schwalm: Aal, Bachforelle, Barsch, Brassen, Hecht, Karpfen, Regenbogenforelle, Rotauge und Zander, wobei Brasse, Karpfen, Regenbogenforelle und Zander eher selten sind.

Übrigens ist die Schwalm gar nicht so einmalig, es gibt noch eine Schwalm, niederländisch Swalm: Ein 45 Kilometer langer, südöstlicher und rechter Nebenfluss der Maas in Nordrhein-Westfalen und den Niederlanden. (aqu)

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