Kirche will keine Schulden machen

Diskussion um eine Reform der Kirchenstrukturen: Interview mit Dekan Christian Wachter 

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Martin Luther übernachtete einst in Spieskappel: Sein Weg nach Marburg führte über eine alte Handelsstraße, an der auch der Spießturm liegt, einst Versammlungsort für Landtage und Gerichte.

Schwalm. In der Schwälmer Allgemeinen und der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung kritisierte der aus der Schwalm stammende Pfarrer Karl-Friedrich Wackerbarth die „Bevormundung und Gängelung der Kirchenfürsten“. Wir sprachen darüber mit Dekan Christian Wachter.

Ihr Kollege äußert unter anderem die Kritik, dass trotz sprudelnder Einnahmen an Kirchensteuer zu wenig davon in den Gemeinden ankomme. Wie verhält sich das bei uns?

Liebe Frau Grede, unsere Landeskirche in Kurhessen-Waldeck spürt die sprudelnden Kirchensteuereinnahmen nicht in der Weise, wie es der Bericht in der Sonntagszeitung vermuten ließe. Derzeit decken die faktischen Mehreinnahmen nicht die Lohnsteigerungen.

Warum muss die Kirche sparen? Geld ist doch da.

Anders als in der staatlichen Finanzwirtschaft, ist es in der Kirche nicht Usus, Aufgaben und Leistungen durch Schulden zu finanzieren. Haushalte müssen immer auskömmlich sein, für Notsituationen wird ein Steuerverwahr gebildet, um Einbrüche in den Einnahmen kurzfristig abfedern zu können. Unser heutiges Handeln muss immer auch die mittelfristige Perspektive in den Blick nehmen, damit die Kirche auch in Zukunft handlungsfähig bleibt.

Der guten Konjunktur stehen die demografischen Veränderungen gegenüber. Kann die Kirche so weitermachen wie bisher?

Um in der Fläche möglichst präsent zu bleiben, gilt weiterhin der Schlüssel, dass die EKKW für 1320 Gemeindeglieder eine Pfarrstelle rechnet, wobei ein Viertel der Pfarrstellen für funktionale Dienste vorgesehen sind und drei Viertel der Pfarrstellen für den Gemeindepfarrdienst, so dass man in etwa mit der durchschnittlichen Zahl von 1700 Seelen pro Gemeindepfarrstelle rechnen kann.

Reicht es aus, immer mehr Sonderpfarrämter, Referate oder ähnliches zu schaffen?

Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck hat vor etwa 30 Jahren eine Phase gehabt, in der es sehr viele Theologiestudierende gab. In diesen Jahren wurden zusätzlich zu den Gemeindepfarrämtern Sonderpfarrämter eingerichtet, um den vielen jungen Menschen Pfarrstellen anbieten zu können. Insbesondere in Klinikpfarrämtern und in Altenheimen ist dies eine gut nachvollziehbare Entscheidung. In der aktuellen Situation allerdings werden in unserer Landeskirche auch die funktionalen Pfarrstellen einer Kritik unterzogen und diese deutlich reduziert.

Machen große Werbekampagnen z.B. wie die fürs Reformationsjubiläum Defizite wieder wett?

Das Reformationsjubiläum ist ein kulturhistorisches Ereignis von großer Bedeutung für Deutschland und Europa. Insofern dient es einer historischen Vergewisserung dies feierlich zu begehen. Als Werbekampagne für Kirche dient es nicht, gleichwohl bietet es die Chance für jede Gemeinde, dass sie sich im Rahmen dieses historischen Ereignisses engagiert und die Menschen mit Fragen des Glaubens berührt und ins Gespräch bringt.

Reformpapiere, Strukturveränderungen etc. – werden die wirklich von oben verordnet oder sind das Prozesse, die die Gemeinden mitgestalten können?

1526 wurde in Homberg durch den Landgrafen Philipp von Hessen eine Synode einberufen. Während bis dato Synoden reine Versammlungen der Geistlichen waren, wurden hier erstmals mit den geistlichen Würdenträgern auch Laien zur Synode und damit in die Entscheidungsprozesse berufen. Inzwischen gibt es dafür geordnete Verfahren. Jeder Kirchenvorstand, jede Kreissynode, jede Landessynode in einer Evangelischen Kirche so gegliedert, dass die Laien immer die Mehrheit haben, in der Regel soll es wenigstens eine drei zu eins Mehrheit sein. Insofern greift es zu kurz, wenn wir vereinfachend von Reformen reden, die von oben verordnet werden.

Was macht dann das Landeskirchenamt?

Gleichwohl gibt es natürlich im Landeskirchenamt eine hohe Verdichtung an Wissen und Handlungsmacht, so dass Synoden immer auch in einer faktischen Abhängigkeit von dieser agieren.

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