„Wir leben von der Substanz“

Einzelhändler in Schwalmstadt drängen auf Lockerungen

Bestellte Bücher gibt es bei Renate Schellenberger, Inhaberin der Buchhandlung Hexenturm, nur mit Mundschutz vor der Tür.
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Bestellte Bücher gibt es bei Renate Schellenberger, Inhaberin der Buchhandlung Hexenturm, nur mit Mundschutz vor der Tür.

Seit Mitte Dezember sind die Läden coronabedingt dicht. Viele Schwälmer Einzelhändler bieten aber einen Abholservice für ihre Kunden an.

Schwalmstadt – Die Coronapandemie bringt den Einzelhandel in arge Bedrängnis. Seit Mitte Dezember haben die meisten Geschäfte geschlossen. Click and Collect (anklicken und abholen) heißt die Antwort der Schwalmstädter Einzelhändler, damit die Kasse nicht völlig leer bleibt. Seit Mitte Dezember gibt es bei der Buchhandlung Hexenturm Treysa Lesestoff nur noch an der Tür. „Die Kunden rufen an, schreiben uns per Mail ihre Bestellung und können sie dann am Laden abholen“, sagt die Inhaberin der Buchhandlung, Renate Schellenberger. Die Erfahrung mit dieser Art Bücher zu verkaufen, findet sie positiv, „die Kunden wollen den lokalen Handel unterstützen“. Das ist auch hilfreich, denn die Bände in den Regalen der Hexenturm-Buchhandlung sind ja alle bezahlt. Aber das Stöbern der Menschen im Geschäft vor der Kaufentscheidung fehlt sehr: Der Abbau des Bestandes passiere im Augenblick nur eingeschränkt, obwohl es eigentlich Platz braucht, um die Novitäten, die im Frühjahr auf den Markt kommen, zu präsentieren. Deshalb setzt Renate Schellenberger auf Lockerungen, die hoffentlich Mitte März kämen.

Weniger betroffen von den coronabedingten Einschränkungen ist Elektro Rieper in Ziegenhain. „Bei uns bestellen die Kunden telefonisch oder über unsere Homepage und wir reichen die Ware raus“, sagt Carsten Pfeiffer, der das Ladengeschäft leitet. Die Mitarbeiter seien alle an Bord, denn Service und Kundendienst müssten aufrechterhalten werden. Zwar fehlten die Kunden im Laden, dafür stehe das Telefon nicht still, sagt Pfeiffer. Er stellt fest, dass der Umsatz trotz der Einschränkungen nicht eingebrochen ist, zumal das Unternehmen mit dem Elektrobetrieb noch über ein weiteres Standbein verfügt.

Einzelhändler drängen auf Lockerungen: Schuhfenstershoppen bei Schuhhaus Herche

Als Herausforderung hat Antje Kitz, Inhaberin des Hobbyhauses Michel, den Beginn des Lockdowns Mitte Dezember gesehen. „Wir wollten nicht auf dem Sofa sitzen und von unseren Kunden vergessen werden“, sagt sie. Seit November habe sie schon einen Online-Shop und zwei Tage nach der Schließung habe sie mit dem neuen Angebot begonnen. Die Kunden bestellen online, per Mail oder Telefon. Das Gewünschte wird in eine Tüte verpackt, „dazu gibt es noch Nervennahrung in Form von Traubenzucker“ – und der Kunde kann es auf dem Tisch, der vor dem Land steht, abholen. Klar laufe das Geschäft nicht wie üblich. Es fehlten die Schüler, die Präsentation auf Messen, Events und vieles mehr. Doch sei sie täglich erreichbar, und um das zu zeigen, dekoriere sie die Schaufenster häufiger, sagt Kitz.

Bei Christian Herche, Inhaber des gleichnamigen Schuhhauses, heißt die neue Art einzukaufen „Schuhfenstershoppen“. Die Schaufenster werden mit den Schuhmodellen dekoriert, die Kunden können per Telefon ihre Bestellung aufgeben. „Die Schuhe können sie zu einem bestimmten Zeitpunkt abholen, zu Hause anprobieren und gegebenenfalls wieder zurückbringen“, sagt Herche. Bei dieser Art des Verkaufs bliebe wenigstens noch etwas übrig. Ganz im Gegenteil zum Handel über Onlineplattformen: „Da verdient nur die Plattform etwas, dem Einzelhändler bleibt nichts.“ Sorge bereitet ihm, dass die Hilfen für den Handel nicht ausreichen.

Herche: „Wir müssen unsere Ware schon viele Monate im Voraus bestellen und die Rechnungen der Lieferanten begleichen“. Die Ware sei vorhanden, doch der Umsatz fehle. Die Hilfen würden zwar 60 Prozent des Ausfalls abdecken, doch blieben 40 Prozent, die aus der eigenen Tasche finanziert werden müssten. Deshalb hoffe der Einzelhandel dringend auf eine Öffnung, sodass nach dem Weihnachtsgeschäft nicht auch noch das Ostergeschäft verloren geht. Damit die Geschäfte nicht für immer schließen, müsse Hilfe vom Staat kommen. Denn „wir leben von der Substanz“. (Rainer Schmitt)

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