Laut Vollmondregel

Fest mit Verspätung: Ostern war eigentlich vor vier Wochen

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Der Vollmond scheint von der Kirchturmspitze aufgespießt zu sein: Das Foto machte unser Leser Peter Schlitt in Obergrenzebach am Morgen nach einer Mondfinsternis 2015.

Wir feiern Ostern dieses Jahr ganz falsch. Warum? Anders als Weihnachten stehen der Karfreitag und die Osterfeiertage kalendarisch nicht fest.

Wann die Christen Ostern feiern, dafür gibt es seit Hunderten von Jahren diese Regel: Ostersonntag ist der erste Sonntag nach dem ersten Vollmond im Frühling. Klingt zugleich kompliziert wie eindeutig.

Doch mit der Osterregel gibt es, wenn auch selten, auch Schwierigkeiten, und das ist dieses Jahr seit Langem wieder einmal der Fall. Darauf machte uns Pfarrer Hans-Gerrit Auel (Niedergrenzebach) aufmerksam.

Er erläuterte, dass wir bei strenger Regelauslegung in diesem Jahr Ostern schon vor vier Wochen gefeiert hätten, am Sonntag, den 24. März. Denn in diesem Jahr gebe es das nicht sehr häufige „Osterparadoxon“. Der astronomische Frühlingsbeginn war dieses Jahr schon am späten Abend des 20. März – wenige Stunden vor Vollmond, der am 21. März ganz kurz nach Mitternacht war.

Lange gab es eine komplizierte Rechenmethode

Über Jahrhunderte wurden die Ostertermine nach der komplizierten Rechenmethode „Computus Paschalis“ festgelegt, die über die Jahrhunderte leicht verbessert wurde, so Pfarrer Hans-Gerrit Auel weiter. Nicht immer stimmen diese Vorausberechnungen allerdings mit den tatsächlichen astronomischen Begebenheiten überein – so auch in diesem Jahr.

Im 21. Jahrhundert wird Frühlingsbeginn mehrmals bereits der 20. März sein, teilweise sogar am 19. März. Das liegt an der Schalttagsregel: 2000 entfiel wie alle 400 Jahre der Schalttag. Der Computus legt aber stets den 21. März als Frühlingsanfang zugrunde. So kommen Osterparadoxa ab und zu vor, mit der gleichen Ursache wie in diesem Jahr war das zuletzt 1962 der Fall, die nächsten Male wird es 2038, 2057, 2076 und 2095 so sein.

Wenn übermorgen, Karfreitag, 19. April, Vollmond ist, wird es also tatsächlich schon der zweite Vollmond im Frühling 2019 sein.

Auch 1981 habe es ein Osterparadoxon gegeben, das allerdings eine andere Ursache hatte. Seinerzeit war am Sonntag, 19. April, Vollmond, sodass Ostern am 26. April gewesen wäre. Der 26. April ist jedoch regelhaft ausgeschlossen (der späteste Ostertermin ist der 25. April). In diesem Fall wird Ostern immer eine Woche früher, am 19. April kurz vor Vollmond gefeiert. Deshalb, so Auel, ist der 19. April das häufigste Osterdatum.

Datum aus dem jüdischen Kalender

Beweglich sei das Datum des Osterfests, so Pfarrer Hans-Gerrit Auel, weil im jüdischen Kalender der Monat Nisan der erste im Frühling ist. „Da Jesus am 14. Nisan am Kreuz gestorben ist, wissen wir, dass seinerzeit Vollmond war. 

Darum fällt der Vollmond immer in die Karwoche und der abnehmende Vollmond bescheint in der späten Nacht und am frühen Morgen die Eingangsseite, die Westseite der (nach Osten ausgerichteten) Kirchen, da er zu Ostern immer in West-Süd-West-Richtung steht und nach Sonnenaufgang untergeht.

Das sagt der Pfarrer

Diese Anmerkung schickte uns Pfarrer Auel noch: „Martin Luther war dafür, dass Ostern ein festes Datum bekommt. Soweit man heute bibelwissenschaftlich sagen kann, ist Jesus am Freitag, den 7. 4.30 gestorben. Damit wäre der 9. 4. der Tag der Auferstehung (also Ostern). Manche Osterfestkritiker empfehlen den zweiten Sonntag im April. Ich persönlich finde aber den Osterfestwechsel schön und reizvoll. Erstens weil er mit dem jedes Jahr unterschiedlichen Einzug des Frühlings in der Natur korrespondiert und weil er einen Kontrapunkt zum festen Weihnachtstermin setzt. [...] 

Hans-Gerrit Auel, Pfarrer in Niedergrenzebach

Und noch etwas: Die Finsternis zu Mittag am Karfreitag kann keine Sonnenfinsternis gewesen sein, weil ja Vollmond war. Hier handelt es sich um die Erinnerung an einen markanten Wetterwechsel oder um ein Handeln Gottes, der die Welt im Angesicht des Sterbens seines Sohnes verdunkelt. Oder um eine literarische Ausdeutung des Leidens des gekreuzigten Christus.“

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