„Maria sucht sich ihren Ort“

70 Jahre Quinauer Wallfahrt in Trutzhain: Gemeinde ist Vorbild

Madonna in der Trutzhainer Kirche.
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Madonna in der Trutzhainer Kirche.

„Trutzhain ist ein Ort der Versöhnung. Ein Ort des Grauens wurde ein Ort der Heimat“, so fasste es Bischof Dr. Michael Gerber in seiner Predigt anlässlich des 70-jährigen Jubiläums der Quinauer Wallfahrt zusammen.

Trutzhain – Eigentlich hätte das Jubiläum bereits im vergangenen Jahr gefeiert werden sollen, doch musste das Fest aufgrund der Pandemie verschoben werden. Am Sonntag zogen Bischof Gerber, Pfarrer Jens Körber, Pfarrer Monsignore Michael Brüne und Pfarrer i.R. Manfred Buse gemeinsam ins festlich geschmückte Gotteshaus ein.

„Trutzhain scheint für Außenstehende gut in der Provinz versteckt, ist aber ein Ort, wo sich europäische Geschichte verdichtet“, sagte Gerber, der die Geschichte des Kriegsgefangenen und späteren französischen Präsidenten François Mitterrand als ein Beispiel der Versöhnung anführte.

Gemeinde Trutzhain kann bis heute Vorbild sein

„Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Kriegsgefangener später dem deutschen Bundeskanzler vor den Gräbern Verduns die Hand reicht. Mitterand ist einer der großen Versöhner“, so Gerber.

Die Gemeinde Trutzhain habe mit ihrer wechselvollen Geschichte Freundschaft wachsen lassen und könne damit bis heute Vorbild sein. Dass die Vertriebenen, die einst in Quinau gewallfahrtet seien, ihre Traditionen zur Hochachtung und Liebe zur Mutter Gottes auch in der neuen Heimat pflegten, zeige, wie wichtig es sei, Orte zu haben, wo man seine Sorgen und das, was man auf dem Herzen trage, vorbringen kann.

Orte und Räumlichkeiten für Gottesdienste in Trutzhain geschaffen

„Maria sucht sich ihren Ort“, meinte Gerber in Erinnerung an die Quinauer Legende, wonach Maria immer wieder auf ihren Platz am Berg zurückkehrte, um dort Hilfesuchenden ein Anlaufpunkt zu sein. „Wenn es Orte gibt, wo ich meine Anliegen, das Viele des Alltags abladen kann, kann es Hoffnung und Heilung geben“, meinte der Bischof, der im Grußwort der Gedenkstättenleiterin Karin Brandes gleich noch von zahlreich weiteren Orten der Hoffnung in Trutzhain erfahren konnte.

So hätten alle in Trutzhain unfreiwillig oder freiwillig lebenden Gruppierungen, seien es Kriegsgefangene, Heimatvertriebene oder Displaced Persons gewesen, Orte und Räumlichkeiten für Gottesdienste geschaffen.

Versöhnung ist Wirklichkeit geworden

Trutzhain sei bis heute ein Beispiel, wo Versöhnung nicht bloß eine Idee geblieben sei, sondern Wirklichkeit geworden ist und etwas Schönes entstehen konnte. Noch heute gäbe es Priester, die nach genau solch Beispielen suchten, um beispielsweise verfeindete Hutu und Tutsi Stämme auf einen versöhnenden Weg zu führen. Am Ende des Gottesdienstes nutzte Pfarrer Jens Körber die Gelegenheit, Bischof Gerber auf die Zukunft der Gemeinden anzusprechen.

Quinauer Wallfahrt in Trutzhain: Bischof Dr. Michael Gerber im Gespräch mit den Drillingen Paul, Marta und Jakob Schidleja.

Gerber erklärte, dass die Kirche erstmals in ihrer Geschichte vor der Herausforderung stünde, Menschen zu begeistern, die gar keine Notwendigkeit mehr sehen würden, sich mit ihren Anliegen und Nöten irgendwo hinzuwenden. „Es ist den Menschen heute fremd, dass Glaube Kraft und Hilfe geben kann“, sagte Gerber.

„Eine große Vernetzung ist wichtig. So kann man neue Formen finden und die Tiefe des Glaubens im Herzen spüren“

In seinen Augen müssten junge Menschen nicht nur Glaubenserfahrungen im Kreise ihrer eigenen Gemeinde machen, sondern es bedürfe größerer Ereignisse und Kontakte zu anderen Menschen, um zu erfahren, was Glaube bewegen kann. Als Beispiel nannte Gerber die Weltjugendtage. „Eine große Vernetzung ist wichtig. So kann man neue Formen finden und die Tiefe des Glaubens im Herzen spüren“, so Gerber.

Auf das sich sonst üblich anschließende Gemeindefest musste auch in diesem Jahr noch verzichtet werden, doch gab der Pfarrgemeinderat jedem Gottesdienstbesucher ein Päckchen mit einem Muffin und Kaffee für einen privaten Sonntagskaffee mit auf den Heimweg.

Für kurze persönliche Begegnungen mit dem Bischof blieb aber dennoch Raum. „Bei Drillingen gibt’s bestimmt auch schon mal Streit oder?“, fragte Gerber beispielsweise Marta, Jakob und Paul Schidleja, die etwas zögerlich mit dem Kopf nickten und dann zugleich aber auch betonten, dass man sich doch gleich auch wieder vertrage. (Regina Ziegler-Dörhöfer)

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