Landsburg: Stillgelegter Steinbruch verwaldet

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Künstler am Wirken: Beim Steinmetz Hofmann in Frielendorf ließ Joseph Beuys kegelförmige Löcher in Basaltstelen bohren und setzte die Kegel mit dem Bohrmehl als Spachtelmasse wieder ein. 

Michelsberg. Der stillgelegte Steinbruch bei Michelsberg, in dem sich Joseph Beuys’ 1982 für seine „7000 Eichen“ bediente, wird von der Natur zurückerobert. Wir werfen einen Blick auf die Geschichte der Landsburg.

In Kassel bilden die Basaltstelen, die Beuys einst in der Landsburg brechen ließ, seit der documenta 7 im Jahr 1982 die Fußnoten an den Stämmen der Bäume. In der Landsburg stellt sich der Berg ein.

Nur noch wenig ist sichtbar von der Stelle, die man die „Beuys-Sprengung“ nennt. Doch noch immer ist die besondere Ausstrahlung des Naturspektakels spürbar, die auch Beuys fasziniert haben muss. Fast waagerecht lagern sich die Basaltprismen im Erdreich ein, bilden an den Trichterwänden des Steinbruchs ein wabenförmiges Muster – in dessen Ritzen es inzwischen grünt und blüht. An den Bruchrändern setzt die Verwaldung ein, neue Schösslinge ergänzen ältere Baumbestände. 

Die Beuys-Sprengung: Fast waagerecht liegen die Basaltsäulen in der Landsburg angeordnet – ein Naturspektakel.

Der Steinbruchbetrieb ruht, doch immer noch gebe es Interesse an den Basalt-Stelen, erzählt Friedrich-Karl Trescher, ehemaliger Geschäftsführer bei den Frielendorfer Stormarnwerken, die von einer Bickhardt Bau-Rohstofftochter übernommen wurden. Erst kürzlich habe die Stadt Kassel 70 Säulen angefragt, um vor Ort eine Reserve zu haben. Auch in der Region treffe man immer wieder auf Steine aus dem Schwälmer Steinbruch, sagt Trescher. 

Reserve: Immer noch gibt es Interesse an den Beuys-Säulen, sagt Friedrich-Karl Trescher, damals Geschäftsführer der Stormarnwerke.

7000 Stelen wollte Beuys für Kassel und setzte damit eine große Nachfrage in Gang – bis nach New York wurde Schwälmer Säulenbasalt geliefert, weil eine New Yorker Stiftung das Drei-Millionen-Mark teure Kunstwerk großzügig mit finanzierte.

Ungefähr fünf Mal besuchte Beuys den Michelsberger Steinbruch, erklärte den Mitarbeitern des Steinbruchs und des Forstamts das Vorhaben und überzeugte sich vom Fortgang der Arbeiten.

Natürlich immer mit Filzhut und Anglerweste.

Hintergrund: 

7000 Bäume für Kassel

„7000 Eichen - Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ ist ein Landschaftskunstwerk des Künstlers Jospeh Beuys (1921 bis 1986), das 1982 auf der documenta 7 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Beuys pflanzte mit der Hilfe von freiwilligen Helfern im Verlauf mehrerer Jahre 7000 Bäume zusammen mit jeweils einem begleitenden Basaltstein an 7000 unterschiedlichen Standorten in Kassel. Zur Finanzierung des drei Millionen Mark teuren Projekts wurden Stein-Baum-Patenschaften vergeben. Sie kosteten 500 Mark. Die Aktion „7000 Eichen“ hat nicht nur Kassels Stadtbild nachhaltig verändert, sie verband auch zwei Ausstellungen miteinander: Erst zur documenta 8, im Jahr 1987, war der 7000. Baum gepflanzt. Joseph Beuys starb im Jahr zuvor, sodass seine Witwe und sein Sohn die Aktion in Kassel vollenden mussten. 

Kunst im Gästebuch des Hotels

Auf den Landsburger Steinbruch fiel damals Beuys’ Wahl, weil es ein begrenztes Vorkommen natürlich geformter Sechskant-Säulen gab – neben einem Vorkommen in der Eifel einmalig. Diese Säulen wollte er nicht, „da hat er Terror gemacht“, erinnert sich Sprengmeister Erwin Pfannkuch. Ungefähr fünf Mal war Beuys in der Region. An seiner Seite stets ein Tross von Schülern. Wie Jünger folgten sie ihm, erinnerte sich Friedrich-Karl Trescher. Bestellte er Milch, bestellten seine Assistenten ebenfalls Milch, tat er Kakao hinein, rührten auch sie das Pulver in ihr Glas. Geschmackssache: Manchmal soll es auch einen Schnaps dazu gegeben haben. Die Treffen fanden meist im Hotel Hassia in Frielendorf statt. Auch hier Basalt - und Borsalino. Unübersehbar die Stele im Hof des Hotels: Mit dieser Steinsäule habe Beuys eine Rechnung beglichen, erzählte Hotelier Fritz-Otto Wilhelm einmal im Gespräch mit der HNA. 

Im Gästebuch, zwischen den Besuchern einer Hochzeit und denen eines 40-jährigen Betriebsjubiläums, verewigte sich Beuys am 10. März 1982 mit einer kleinen Bleistiftzeichnung. Motiv: ein Filzhut.

Herausforderung für den Sprengmeister

Jahrelang lagen Michelsberger Säulen in den Achtzigern auf dem Kasseler Friedrichsplatz. Immerhin, die Wanderung von Steinen samt Bäumen ins Kasseler Stadtgebiet dauerte fünf Jahre. „Je weniger Steine, desto mehr Bäume“, lautete das Motto. Der Michelsberger Erwin Pfannkuch war dabei, als 1982 die erste Fuhre Basaltstelen die Landburg verließ und in Kassel auf dem Friedrichsplatz abgeladen wurde. Von Beuys und Presse sei die Landsburg-Delegation damals in Kassel erwartet worden, erinnert sich der ehemalige Sprengmeister. Wie ist das Gefühl, an einem großen Kunstwerk mitgearbeitet zu haben? Das sieht Pfannkuch ganz pragmatisch: „Wir haben gesprengt und Steine aufgeladen.“ Über Kunst könne man sich streiten, wichtig sei es gewesen, Arbeit zu haben. 

Ehemaligen Steinbruch im Blick: 21 Jahre lang war Erwin Pfannkuch Sprengmeister im Steinbruch. Die Landsburg hat er direkt von seiner Haustür.

Eine große Aufregung sei der Beuys-Auftrag dennoch gewesen, erzählt der 68-Jährige. 7000 Steine zu liefern sei nicht so einfach gewesen. Denn es sollte ja kein Schotter oder Grus produziert werden, außerdem lief der übliche Betrieb im Steinbruch weiter. Die Stelen, etwa 1,20 Meter lang und zwischen 30 und 50 Zentimeter Durchmesser, verlangten besondere Aufmerksamkeit, auch technisch war der Auftrag eine Herausforderung: „Äußerst vorsichtig musste gesprengt werden, damit die Säulen erhalten blieben“, erzählt Pfannkuch. Insgesamt war es viel Handarbeit, vom Verlesen der Steine bis hin zum Beladen der Laster, die nach Kassel rollten.

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