Es fehlt an Grund und Boden

Gewerbegebiet in Schwalmstadt-Florshain auf der Kippe?

Derzeitiger Blick auf die Trasse unterhalb von Frankenhain: Rechts und links davon sollen die fünf Bauabschnitte des A49-Gewerbegebietes entwickelt werden.
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Derzeitiger Blick auf die Trasse unterhalb von Frankenhain: Rechts und links davon sollen die fünf Bauabschnitte des A49-Gewerbegebietes entwickelt werden.

Das Gewerbegebiet an der A49, das im November 2019 unter dem Namen AreA49 für einiges Aufsehen sorgte, ist alles andere als in trockenen Tüchern.

Florshain – Der Grund: Der Stadt mangelt es an eigenen Flächen in dem Bereich und die Landwirte sind offensichtlich nur bedingt bereit, ihren Grund und Boden zu verkaufen. Bei der Vorstellung des Nachtragsetats, ebenfalls im November 2019, hatte Bürgermeister Stefan Pinhard noch optimistisch geklungen und geäußert: „Gemeinsam mit den beteiligten Kommunen wird die Entwicklung vorangetrieben.“

Passiert ist indes nur wenig. Das Areal von 35 Hektar, auf dem in fünf Bauabschnitten das Gewerbegebiet entstehen soll, ist nach wie vor landwirtschaftlich genutzt. Das Gelände grenzt an die neue Autobahnmeisterei, die soeben Baubeginn hatte und an die geplante Tank- und Rastanlage. Dort kann laut Pinhard nach dem Regionalplan Planungsrecht geschaffen werden. Doch der Weg dahin sei komplex und schwierig.

Stefan Pinhard

Stadtmanager Achim Nehrenberg hat dabei detaillierte Vorstellungen, er spricht von einem „nachhaltigen Gewerbegebiet“. Dies biete Chancen bei der Ansiedlung von Zukunftstechnologien, produzierendem Gewerbe und Logistikern. Darüber hinaus hätte es „Modellcharakter, denn ein nachhaltiges Gewerbegebiet gibt es in Deutschland noch nicht“.

Schwalmstadt hätte in Sachen Industrieansiedlung ein Alleinstellungmerkmal, ist sich der Stadtmanager sicher. Doch entgegen der hochfliegenden Pläne sieht sich die Stadt mit einem schwer lösbaren Problem konfrontiert: „Wir haben nur sehr wenige Grundstücke auf diesem Gelände“, räumt Bürgermeister Pinhard im Gespräch mit der HNA ein. Der Großteil der Flächen sei in privater Hand und werde landwirtschaftlich genutzt. Viele der Landwirte, denen der Grund und Boden gehört oder die gepachtet haben, leben in Florshain. Sieben unterstützen das Bündnis gegen Landfraß, unter ihnen Sprecher Christoph Diebel, der 18 Hektar, knapp ein Viertel seiner Wirtschaftsfläche, bereitstellen soll.

Landwirte sollen Flächen bereitstellen

Betroffene Florshainer Landwirte, die Flächen für das A49-Gewerbegebiet zwischen ihrem Dorf und Treysa bereitstellen sollen, sind mehr als zögerlich, mussten sie doch schon für den Bau der Autobahn viel von ihrem Land – Grundlage ihrer wirtschaftlichen Existenz – abgeben. Einige sind offen ablehnend, sprechen von „Flächenfraß“ und stetiger Verringerung landwirtschaftlicher Flächen durch die Autobahn und das geplante Gewerbegebiet.

Zu sehen an der Straße nach Florshain: Transparent gegen ein Gewerbegebiet auf den landwirtschaftlichen Nutzflächen.

Erschwerend komme hinzu, dass die Böden qualitativ zwar nicht an oberster Stelle rangieren, doch große Flächen eine hohe Ackerzahl, nämlich um 80 Punkte, aufwiesen. Ein Ausweg aus dem Dilemma könnte für die Stadt im Tausch gleichwertiger Flächen liegen. Indes, die verfügbaren Flächen, die die Stadt anbieten könnte, seien auch recht begrenzt, so Bürgermeister Stefan Pinhard.

Es bliebe nur die Möglichkeit über einen attraktiven Kaufpreis an die Flächen zu kommen. Denn aufgrund der Größe des Projekts könne man nicht in die Vermarktung des Gewerbegebietes gehen, ohne im Eigentum der Ländereien zu sein. „Nach wie vor versuchen wir, Land aufzukaufen, aber aus den genannten Gründen ist das sehr schwierig“, fasst der Bürgermeister zusammen.

Freigabe der Autobahn

Dabei hat die Stadt nicht unendlich viel Zeit, die Flächen zu kaufen und das Gewerbegebiet zu gestalten, denn nach den augenblicklichen Planungen soll im Herbst 2022 die Autobahn bis Schwalmstadt frei sein, schon zwei Jahre später soll die Strecke durchgehend bis zum Ohmtaldreieck an der A5 fertig sein. „Bis dahin muss klar sein, wieviel Land wir kaufen können, um das Projekt umzusetzen“, weiß Pinhard.

Ansonsten müsse man überlegen, wie das Projekt fortgesetzt werden könne. Sollte sich herausstellen, dass der nötige Grunderwerb unmöglich sei, könnte es sein, dass Schwalmstadt die einzige Stadt ohne Gewerbegebiet an der Autobahn ist, „das soll aber auf keinen Fall passieren“.

Machbarkeitsstudie

Die Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA) hatte 2017 im Auftrag der Stadt Schwalmstadt ein Gutachten für das interkommunale Gewerbegebiet an der A 49 erarbeitet. Nach den Berechnungen der Experten genüge eine Fläche von 15 Hektar, um den Bedarf zu decken. Aufgrund geänderter Nachfrage, so Bürgermeister Stefan Pinhard, sei die Fläche auf 35 Hektar erweitert worden. Weil die heimischen Unternehmen damals nur zögerndes Interesse an dem Gewerbegebiet zeigten, gingen die GMA-Gutachter von Neuansiedlungen überwiegend aus dem Bereich der Logistik aus.

Nach den Vorstellungen von Stadtmanager Achim Nehrenberg könnte das geplante nachhaltige Gewerbegebiet Platz bieten für Zukunftstechnologien, Firmen, die sich mit neuen Energieträgern befassen sowie produzierendes Gewerbe. Auch gehe es bei dem nachhaltigen Gewerbegebiet um Co2-Einsparungen.

Eine Arbeitsgruppe, an der unter anderem das Fraunhofer-Institut Kassel sowie die Uni Kassel beteiligt sind, soll eine Machbarkeitsstudie erarbeiten, wie das Gewerbegebiet aussehen könnten. Pinhard und Nehrenberg sehen dabei auch Möglichkeiten der Biodiversität auf den Gewerbeflächen. Sie soll beispielsweise durch Begrünung der Gebäude und der Flächen dazwischen erreicht werden. Für die Machbarkeitsstudie sei eine Förderung von 90 Prozent angestrebt, erklärt der Bürgermeister.  

Vermarktung

Als „Industriepark AreA49“ machte das Schwalmstädter Gewerbegebiet an der A 49 von sich reden. Hintergrund war ein Internetauftritt und ein Flyer, mit dem Stadtmanager Achim Nehrenberg und Bauamtsleiter Alexander Inden auf der Immobilienmesse Expo-Real in München für das 35 Hektar große Areal warben. Von überwiegend positiven Rückmeldungen in der bayerischen Landeshauptstadt berichtete Nehrenberg.

Interessenten kämen aus dem produzierenden Gewerbe und der Logistikbranche. Er könne sich auch vorstellen, dass Firmen aus den Bereichen Zukunftstechnologie und der Mobilitätswende im AreA49 gut aufgehoben wären, so der Stadtmanager bereits damals.

Staunen rief seinerzeit auch der Name AreA49 hervor, der, ob bewusst oder unabsichtlich, an das geheime Sperrgebiet der US-Luftwaffe in den USA erinnerte. Das sei ihm durchaus bewusst gewesen, sagte Nehrenberg im Gespräch mit der HNA. Nicht nur der Werbeauftritt war überraschend, sondern auch, dass mit den Eigentümern der Flächen erst noch verhandelt werden müsse. Fast zwei Jahre danach ist die Stadt immer noch bemüht, die Flächen aufzukaufen.

Rückblickend auf die Aktion 2019 sagt Nehrenberg heute, dass man bei einem solchen Projekt im Vorfeld schon darauf aufmerksam machen müsse. Vieles laufe in der Planung parallel. Der Auftritt bei der Messe in München diente mit dem Flyer zusammen mit dem Internetauftritt dazu, Möglichkeiten und Interesse auszuloten. (Anne Quehl und Rainer Schmitt)

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