Austausch auf Augenhöhe

Interview: Grimme-Preisträger Jakob Preuss zeigt in der Schwalm seinen Film

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Balance zwischen Menschlichkeit und beruflicher Distanz: Paul Nkamani flüchtete aus Kamerun. Für seinen Film „Als Paul über das Meer kam“ begleitete ihn der Regisseur Jakob Preuss (rechts). Am Mittwoch ist der Grimme-Preisträger in der Schwalm. 

Trutzhain. In „Als Paul über das Meer kam” begleitet Regisseur Jakob Preuss den Weg des Kameruners Paul Nkamani. Wir sprachen mit dem Regisseur. 

Der Weg des Kameruners Paul Nkamani begann in einem improvisierten Flüchtlingscamp in Marokko und führte über die Erstaufnahme für Asylsuchende in Eisenhüttenstadt bis ins elterliche Wohnzimmer des Regisseurs.

Herr Preuss, Ihr Film wird derzeit in der ganzen Welt vorgestellt. Sie reisen von Lagos, über Washington, Montreal nach Trutzhain. Warum passt Ihr Film in das Veranstaltungsprogramm der Gedenkstätte Trutzhain?

Jakob Preuss: Gedenkstättenleiterin Karin Brandes war der Auffassung, dass es eine sehr passende Begleitveranstaltung zu der Ausstellung: „Geflohen-Vertrieben-Angekommen?! Aspekte der Gewaltmigration im 20. und 21. Jahrhundert“ sein könnte. Diese Meinung teile ich, auch gerade weil man bei Paul darüber streiten kann ob es „Gewaltmigration“ ist – übrigens einen Begriff, denn ich sehr treffend und differenziert finde, auch wenn er das Problem der vielen Grauzonen nicht löst.

Hier in der Schwalm gab es 2015/16 mehrere Erstaufnahmeeinrichtungen. Viele Schwälmer haben sich ehrenamtlich engagiert. Es gab viele Begegnungen. Gibt es ein Menschenrecht auf Migration? Beantwortet Ihr Film diese Frage?

Preuss: Nein, mein Film stellt mehr Fragen, als dass er sie beantworten kann. Wie wir wissen, wurde ein Menschenrecht auf Migration nicht festgeschrieben. Ich denke allerdings, dass diese Frage noch mal auf den Tisch kommen wird. Der Nationalstaat hat für die Menschen mit dem richtigen Pass viele Vorteile geschaffen, aber seine Achillesferse ist die Diskriminierung von Ausländern, die keinen Zugang haben. Das ist kein leicht zu lösendes Problem, aber es ist dennoch eine Grundungerechtigkeit, die auf lange Sicht (ich rede hier mehr von Jahrzehnten bzw. sogar Jahrhunderten) nicht so aufrecht gehalten werden kann.

Warum wollten Sie ein Film zu diesem Thema drehen?

Preuss: Die Idee zu dem Film entstand bereits 2011, also noch einige Jahre vor der sog. „Flüchtlingskrise“. Damals ging es mir hauptsächlich um Grenzen. Anfangs war es noch nicht mal sicher, ob überhaupt ein Migrant oder Flüchtling in dem Film vorkommt. Das lag auch daran, dass ich das Gefühl hatte, vielleicht als weißer privilegierter Europäer nicht der richtige zu sein, um die Geschichte eines Geflüchteten zu erzählen.

Warum änderte sich das?

Preuss: Oft hatte ich beim Sehen von „Flüchtlingsfilmen“ das Gefühl, dass sie von oben herab gedreht waren und menschliches Leid versuchten auszuschlachten. Auch konnten Flüchtlinge oft nicht ehrlich über ihre Geschichte erzählen, da sie von Behördenentscheidungen abhängig und von daher verständlicherweise vielleicht nicht immer ganz ehrlich waren. Als ich dann Paul kennenlernte, änderte sich meine Sichtweise, da ich hier einen sehr reflektierten, humorvollen und starken Menschen kennenlernte, dessen Geschichte ich im Austausch auf Augenhöhe erzählen konnte.

Sie wollten ursprünglich mit einem anderen Protagonisten drehen, wie sind Sie Paul Nkamani begegnet?

Preuss: Es ist immer etwas Zufall dabei. Nachdem es mit dem ersten Protagonisten nicht geklappt hatte, habe ich dann spontan auch aufgrund des Zeitmangels entschieden, im Kameruner Camp zu drehen, wo ich während der Recherche schon mehrere Male gewesen war. Hier stellte mir der Chef des Dorfes Paul vor. Ob sie sich dabei schon gedacht haben, dass es nützlich sein könnte, jemanden auf der anderen Seite in Europa zu kennen, gerade da Paul dort niemanden hat, werde ich wohl nie wissen können. Deswegen stelle ich auch am Anfang die Frage „hat er mich ausgesucht, oder ich ihn"?

Hintergrund: Filmabend und Gespräch mit Jakob Preuss am 16. Mai

Als Paul über das Meer kam. Tagebuch einer Begegnung: Filmabend und Gespräch mit dem Regisseur und Grimme-Preisträger Jakob Preuss am morgigen Mittwoch, 16. Mai, 19 Uhr, in der Gedenkstätte und Museum Trutzhain, Seilerweg 1. 

Regisseur Jakob Preuss gibt Einblick in sein Filmprojekt, spricht über den Entstehungsprozess und behandelt drängende Fragen unserer Zeit aus unterschiedlicher Perspektive. Er konfrontiert die Zuschauerinnen und Zuschauer mit der Frage, wie wir mit der stetig wachsenden Ungleichheit in der Welt umgehen. Die Veranstaltung findet in Kooperation mit der Carl-Bantzer-Schule statt.

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