1. Startseite
  2. Lokales
  3. Schwalmstadt
  4. Schwalmstadt

Bürgermeisterwahl: Großes Staunen über ein klares Ergebnis

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Matthias Haaß

Kommentare

Siegesfeier im Rathaus Ziegenhain in Abwesenheit des Gewinners: Es gelang das Livebild des künftigen Bürgermeisters Kreuter auf die Leinwand zu bringen, was er sagte, wurde von Sebastian Vogt wiedergegeben. Kreuter musste mit einer Coronainfektion zu Hause bleiben.
Siegesfeier im Rathaus Ziegenhain in Abwesenheit des Gewinners: Es gelang das Livebild des künftigen Bürgermeisters Kreuter auf die Leinwand zu bringen, was er sagte, wurde von Sebastian Vogt wiedergegeben. Kreuter musste mit einer Coronainfektion zu Hause bleiben. © Joachim Schneider

Am Tag nach dem überraschend kraftvollen Durchmarsch von Tobias Kreuter schauen wir auf die Bürgermeisterwahl Schwalmstadt sowie die geringe Wahlbeteiligung und suchen Erklärungsansätze.

Schwalmstadt. Das Wahlergebnis der Bürgermeisterwahl in Schwalmstadt sorgt auch einen Tag später noch für Gesprächsstoff. Dass Tobias Kreuter (parteilos) die Wahl am Sonntag im ersten Durchgang für sich entscheiden konnte, überraschte Beobachter über Parteigrenzen hinweg. Überraschend war aber auch die schlechte Wahlbeteiligung. Weniger als die Hälfte der wahlberechtigten Schwalmstädter gingen zur Wahl.

Kreuter bekam 3452 Stimmen. Amtsinhaber Stefan Pinhard (parteilos) wählten 1497 Menschen, Stefan Prinz (parteilos) konnte 1454 Stimmen auf sich vereinen. Wie groß der Abstand zwischen dem Wahlsieger und der Konkurrenz war, sieht man an der Differenz: Für Prinz und Pinhard votierten am Sonntag 2951 Menschen – 501 weniger als für Kreuter. Ein Sieg im ersten Wahldurchgang sei schon bemerkenswert, sagte der Sprecher der Kreisgruppe des Hessischen Städte und Gemeindebunds im Schwalm-Eder-Kreis, Andreas Schultheis: „Ich glaube, die meisten hatten wohl mit einer Stichwahl gerechnet.“ Einzigartig sei der Durchmarsch Kreuters aber nicht gewesen, sagte Schultheis weiter und erinnerte an die Wahlen in Spangenberg und Malsfeld.

Es sei Tobias Kreuter offensichtlich am besten gelungen, seine Unterstützer für den Gang zur Wahlurne zu motivieren, analysierte Andreas Schultheis im Gespräch mit der HNA.

Mit etwas Sorge blickt Schultheis auf die geringe Wahlbeteiligung von 44,88 Prozent. Auch wenn es in großen Einheiten wie einer Stadt wie Schwalmstadt immer schwieriger sei als in kleinen Kommunen, erwarte man bei drei Kandidaten eigentlich, dass mehr als die Hälfte der Wähler zur Wahl gehen. „Das ist direkte Demokratie, mehr geht nicht.“

Dabei sollte man sich beim Blick auf die Ergebnisse in den einzelnen Wahlbezirken aber nicht täuschen lassen und falsche Schlüsse ziehen. Denn die Briefwahl ist darin nicht enthalten. Insbesondere in den städtischen Wahlbezirken war die Zahl der Briefwähler offenbar groß, während die Menschen in den Stadtteilen den Weg ins Wahllokal suchten. Der Trend zur Briefwahl hänge unter anderem auch mit der Corona-Pandemie zusammen, hieß es aus dem Rathaus.

Drei Kandidaten

Drei unabhängige Bewerber standen zur Wahl, Amtsinhaber Stefan Pinhard wurde mit weniger als 24 Prozent der gültigen Stimmen abgewählt, er muss den Chefsessel im Bürgermeisteramt der größten Stadt im Schwalm-Eder-Kreis nach sechs Jahren im Spätherbst räumen.

Respektvoller Handschlag für den abgewählten Bürgermeister Stefan Pinhard von Erstem Kreisbeigeordneten Jürgen Kaufmann, links der ebenfalls unterlegene Stefan Prinz.
Respektvoller Handschlag für den abgewählten Bürgermeister Stefan Pinhard von Erstem Kreisbeigeordneten Jürgen Kaufmann, links der ebenfalls unterlegene Stefan Prinz. © Anne Quehl

Stefan Pinhard

Die Wählergruppe BfS hatte Pinhard offiziell unterstützt, dies aber erst spät erklärt. Einen Amtsbonus konnte Pinhard nicht einlösen, seine früheren Anhänger nur eingeschränkt mobilisieren. Das schrieb er auf Montag auf HNA-Anfrage: „Die Wählerinnen und Wähler haben entschieden. Tobias Kreuter hat mit einem wirklich großartigem Wahlergebnis Stefan Prinz und mich eindrucksvoll auf die Plätze 2 und 3 verwiesen. Natürlich bin ich über das Wahlergebnis enttäuscht. Aber fast noch mehr enttäuscht bin ich über die niedrige Wahlbeteiligung von unter 45 Prozent. Im Hinblick auf die nicht einfachen Mehrheitsverhältnisse im Stadtparlament drücke ich Tobias Kreuter beide Daumen, dass er es schafft, stets politische Mehrheiten hinter sich versammeln zu können.“

Stefan Prinz

Am schlechtesten hat Stefan Prinz abgeschnitten, 22,7 Prozent: Der Kandidat von CDU, Freie Wähler und Grünen war dabei von vielen als gesetzter Kandidat für eine als sicher geltende Stichwahl gesehen worden. Prinz-Unterstützer meinen, dass er einen Auswärts-Malus hatte. Er selbst sagte am Montag im HNA-Gespräch, dass er enttäuscht sei und nicht mit diesem Abschneiden gerechnet habe. Sein Angebot an die Schwälmstädter sei klar und umfangreich gewesen, er hätte Veränderungen im Schulterschluss mit den Parteien vermocht, „aber an dem Ergebnis gibt es nichts zu deuteln“. Die sehr dürftige Wahlbeteiligung sei ihm ebenfalls nicht erklärlich – dass immerhin drei Bewerber kandidierten, sei schon fast eine Ausnahme. Der Wahlkampf sei aber fair und sachlich gewesen, und er habe viele interessante Menschen kennengelernt. Nun werde er nach acht Wochen zum Journalismus zurückkehren und auch dabei bleiben. Schon am heutigen Dienstag werde er im Job zurück sein.

Tobias Kreuter

Er legt Wert darauf, dass er seinen Wahlkampf allein gestaltet hat. Zwar wurde er ideell unterstützt von der SPD, für die er parteilos im Parlament sitzt, inzwischen ist er Leiter des Haupt- und Finanzausschusses, aber er hob nie spezifisch auf die SPD ab, „ich bin ich“, unterstrich der Beamte am Wahlabend gegenüber der HNA. Damit positionierte er sich viel effizienter als die SPD-Kandidaten 2012 und 2016. „Die Bürgermeisterwahl ist eine Persönlichkeitswahl“, unterstrich er am Montag. Die Wechselstimmung habe er bei über 2000 Haustürbesuchen gespürt: „Die Leute erwarten von mir frischen Wind und Verwaltungskönnen.“

Die Wahlbeteiligung

Nicht mal jeder zweite stimmte auch ab: 44,7 Prozent, besonders auffällig hier Treysa und Ziegenhain, allerdings ist die Briefwahl hier eine besondere Unbekannte in der Rechnung. Die Wahlbeteiligung ist noch mal schlechter als 2016 (50,3 Prozent, Stichwahl 46 Prozent) und 2012 (56 Prozent und 54 Prozent).

Besondere Ausschläge

Das schlechteste Pinhard-Ergebnis ist 10,3 Prozent in Allendorf, das beste für Kreuter 68,6 Prozent in Michelsberg. Mag Pinhard auch mal besser abschneiden, zum Beispiel in Dittershausen und Florshain, so kommt er doch nirgends an die 50 Prozent-Marke. Die Zustimmung für Kreuter ist hingegen oft deutlich über dieser Marke, also recht breit getragen. Die wenigsten Stimmen an der Wahlurne sammelte der künftige Bürgermeister in Florshain, wo der im Spätherbst scheidende Stadtchef sein zweitbestes Ergebnis holte.

Die im Vergleich meisten Menschen gingen in Rörshain an die Urne (fast 50 Prozent), die wenigsten dagegen in Ziegenhain (gut 24 Prozent). Stefan Prinz schnitt in Ditterhausen nichtmal zweistellig ab, in Rommershausen wählten ihn über 35 Prozent.

Die Städte Ziegenhain und Treysa sind sich in ihrem Abstimmungsverhalten recht einig, was zu bedeuten scheint, dass Kreuter nicht einseitig als Treysaer wahrgenommen wird. (Anne Quehl und Matthias Haaß)

Auch interessant

Kommentare