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2004 wurden in Treysa hessenweit erstmals Stolpersteine verlegt

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 Das Foto zeigt Gunter Demnig beim Einbau eines Stolpersteins am 12. Februar 2004 in Treysa.
Premiere in Hessen: Mehrere Fernsehteams beobachten Gunter Demnig am 12. Februar 2004 in Treysa. Das war landesweit die erste dieser Aktionen. © Bernd Lindenthal

Ich bin mit Gunter Demnig in Alsfeld-Elbenrod verabredet. Viel Zeit bleibt nicht, gleich kommt der Hessische Rundfunk.

Schwalm – Der Künstler zeigt mir die Werkstatt und das eigene Museum mit vielen frühen Arbeiten. Weltweit bekannt wurde er durch die Stolpersteine, 9,6 mal 9,6 mal 10 Zentimeter große Betonsteine mit einer Messingplatte, auf der knapp ein Schicksal im Nationalsozialismus angezeigt wird.

In dieser Woche wurde Gunter Demnig 75. Seine Steine liegen in mehr als 1800 Kommunen zwischen Nordnorwegen und Sizilien und stellen somit das größte dezentrale Mahnmal der Welt dar. Im Mai oder Juni 2023 wird der 100 000 Stolperstein verlegt werden, verriet mir der Künstler. Die meisten hat er eigenhändig in die Bürgersteige eingegraben.

Gunter Demnig steht vor einer Klanginstallation in seinem Museum. Er trägt einen Hut, Weste und Hemd.
Gunter Demnig vor einer Klanginstallation in seinem Museum. © Privat

Gegen das Vergessen

Der Anstoß für sein Lebenswerk kam 1990 während des Aufbringens einer weißen Farbspur in Köln, die an die Deportation der Sinti und Roma erinnern sollte. Eine Passantin äußerte, dass hier doch niemals Zigeuner gewohnt hätten. Demnig will also gegen das Vergessen aktiv werden und die Erinnerung konkret vor die Haustür und an die Tatorte zurückbringen.

Zentrale Denkmale können das nicht leisten, erklärt der Künstler, und sechs Millionen Juden seien eine abstrakte Zahl. Wenn aber Schüler sich mit den Schicksalen vertriebener und ermordeter Menschen in der Nachbarschaft beschäftigen, sei das lebendiger Geschichtsunterricht.

Schwalmstadt war Vorreiter in Hessen

Mit der Verlegung von 25 Stolpersteinen in Treysa und Ziegenhain war Schwalmstadt am 12. Februar 2004 die erste Stadt in Hessen, die dem Projekt zustimmte und es wurde von Schülern getragen.

Die Initiative kam von Schulleiter Dr. Bernsmeier und seinem Leistungskurs Geschichte des Schwalmgymnasiums. Sie hatten in einem Brief vom 24. Februar 2003 das Vorhaben erläutert und den Magistrat um Genehmigung gebeten.

Die Schülerinnen und Schüler wollten zehn Gedenksteine verlegen lassen und das notwendige Geld zum Teil selbst spenden und sammeln. Damals kostete ein Stolperstein 75 Euro, heute 120 und außerhalb Deutschlands 130 Euro.

Bedenken von Hausbesitzern

Nachdem die Schüler ihre Beweggründe in einer Magistratssitzung dargelegt hatten, übernahm die Stadt sogar fünf Steine, machte aber die Einschränkung, dass die Verlegung „mit dem jeweiligen Hauseigentümer abzustimmen“ sei. Dieser Vorbehalt intensivierte den handfesten Geschichtsunterricht insofern, dass der Kurs sich nun mit Ablehnungen und Ängsten der Hausbesitzer auseinandersetzen musste. Aber auch von einzelnen Schülern gab es Widerstände.

Dr. Caroline Schwachulla, heute Ärztin in Hamburg und eine der damaligen Schülerinnen, berichtet: „Dass mein Statement vor den TV-Kameras solche Konsequenzen für mich persönlich haben würde, dass mir gedroht wurde, dass mich Glatzen auf einer Abifete aufgrund der Mitarbeit in dem Projekt bepöbeln würden, angestachelt aus den eigenen Reihen, das hätte ich nie gedacht.“

Verlegen der Steine ist harte Arbeit

Gunter Demnig leistete damals Schwerstarbeit. Er verlegte alle Steine an einem Tag, im Wiegelsweg musste er sogar mit dem Presslufthammer und der Trennscheibe hantieren. Davon ist Jan Kadel, heute Lehrer in Brandenburg, immer noch beeindruckt.

Der Messingkörper liegt auf einem Holztisch.
Der Messingkörper von einem der Stolpersteine von Gunter Demnig. © Privat

Unzählige Buchstaben habe Demnig in Messing geschlagen und die Steine unter echtem Körpereinsatz verlegt. In Berlin sei er den Stolpersteinen auf Schritt und Tritt in großer Zahl begegnet „und nach wie vor freue ich mich, wenn ich ahnungslosen Touristen erklären kann, was es mit den Stolpersteinen auf sich hat und, dass wir es damals geschafft haben, den Künstler mit seinem Projekt in die beschauliche Provinz zu holen.“

Drohungen und Diebstahl zum Trotz

Inzwischen liegen in Schwalmstadt 53 Stolpersteine, die letzten wurden am 26. November 2021 für die beiden Familien Kaufmann in der Kasseler Straße in Ziegenhain eingesetzt. Das Projekt ist nicht nur verbalen Angriffen ausgesetzt. Gunter Demnig hat bisher drei Morddrohungen erhalten und 800 Stolpersteine wurden gestohlen.

Der heftigste Anschlag erfolgte in Greifswald, wo alle 11 Stolpersteine entfernt wurden. Mit den daraufhin eingehenden Spenden konnten sogar 36 neue Steine gesetzt werden. Die Übergriffe seien aber kein Ost-Phänomen, betont der Künstler. Im Raum Aachen habe man seine Nummernschilder vom Auto abgehebelt.

Projekt in Spanien

Sicher mit dem Wissen im Hinterkopf, dass sein Vater Teil der Legion Condor, einer Hilfstruppe Hitlers für General Franco, gewesen war, hat der Künstler das Schwesterprojekt Remembrance Stones in Spanien begonnen. Die Steine haben die gleiche Größe wie die Stolpersteine, aber eine Oberfläche aus Edelstahl. Mit ihnen soll an die Opfer des spanischen Faschismus gedacht werden, der nur mit deutscher Hilfe seine Macht halten und ausbauen konnte.

Immer wieder wird Demnig gefragt, ob er Millionär sei. Mit einem Lächeln sagt er: „Dahinter steckt die unausrottbare Vorstellung, dass ein Künstler kein Geld verdienen darf, beziehungsweise erst wenn er tot ist. Ich habe eine gemeinnützige Stiftung gegründet, die trägt sich über die Steine und bezahlt auch meine elf Mitarbeiter.“

Gunter Demnig hat für seinen unermüdlichen Einsatz zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderem das Bundesverdienstkreuz – und im März dieses Jahres den Benediktpreis von Mönchengladbach. Mit dem Preisgeld will er die durch die Flutkatastrophe im Ahrtal verlorenen Steine erneuern. (Bernd Lindenthal)

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