Heute gibt es ein Bier für alle

50 Jahre Stadtgründung: Fusion Schwalmstadts zum Jahreswechsel

Landrat Albert Pfuhl und Erster Stadtrat Helmut George tauschen zum Jahreswechsel 1971 das Ortsschild. Die Ziegenhainer hatten ihr altes Schild mit bunten Luftschlangen geschmückt.  
Repro: HNA
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Landrat Albert Pfuhl und Erster Stadtrat Helmut George tauschen zum Jahreswechsel 1971 das Ortsschild. Die Ziegenhainer hatten ihr altes Schild mit bunten Luftschlangen geschmückt. Repro: HNA

Schwalmstadt besteht heute aus Allendorf, Ascherode, Dittershausen, Florshain, Frankenhain, Michelsberg, Niedergrenzebach, Rörshain, Rommershausen, Treysa, Trutzhain, Wiera und Ziegenhain. Wir blicken auf die Gründung zurück.

Schwalmstadt. Mit gemischten Gefühlen aus Wehmut und Zuversicht wurde zum Jahreswechsel vor 50 Jahres im Rahmen eines Festaktes in der Festhalle die Gründung Schwalmstadt vollzogen. Landrat Albert Pfuhl überreichte die Urkunde der Landesregierung an Ernst Hohmeyer, der als Beauftragter für die Wahrnehmung der Bürgermeisteraufgaben fungierte.

Am Festakt, der nicht nur Treysa und Ziegenhain, sondern auch Ascherode, Florshain, Frankenhain, Niedergrenzebach, Rommershausen und Trutzhain miteinander verband, nahmen zahlreiche Vertreter des kommunalen, kirchlichen und wirtschaftlichen Lebens teil. Aus zwei Städten und sechs Gemeinden erwuchs Schwalmstadt mit rund 17 000 Einwohnern.

„Gerade bei den Städten Ziegenhain und Treysa trafen unterschiedlichste Mentalitäten aufeinander. Die Historie der beiden Städte machten den Prozess des Zusammenwachsens nicht einfach. Treysa hatte den Hintergrund des Kaisers und der Klöster, und Ziegenhain gehörte einst zum Besitz des Landgrafen. Das waren gewachsene Strukturen, die sich nicht einfach auflösen ließen“, erinnert sich Hannelene Staloch, die als junge Berufsschullehrerin aus Marburg nach Ziegenhain gezogen war und damals als kommunalpolitisch Aktive die Animositäten selbst nicht so recht nachvollziehen konnte. „Ziegenhain war ein Nest, aber es wehrte sich vehement“, so Staloch. Allein das Thema der Tracht erhitzte die Gemüter, hatten die Treysaer doch keinen Bezug zum Schwälmer Schnatz. In der eigenen Familiengeschichte habe sich die Gründung Schwalmstadts vor allem in den unterschiedlichen Geburtsurkunden der Kinder gezeigt. Tochter Corinna sei 1970 noch in Ziegenhain geboren und bei Sohn Olaf stand drei Jahre später Schwalmstadt in der Geburtsurkunde.

Unterschrift ohne Krawatte

Karl Blumenauer hatte als Beigeordneter von Rommershausen im Dezember die Unterschrift für den Zusammenschluss seiner Gemeinde geleistet. „Diesen Tag werde ich niemals vergessen, denn ich hatte, da ich gerade vom Lokführerdienst kam und keine Zeit mehr zum Umziehen hatte, als einziger keine Krawatte an, als die Unterschriften geleistet wurden“, schmunzelt Blumenauer. In jedem Ort hätte es lange Diskussionsabende geben, wo das Für und Wider des Zusammenschlusses abgewogen wurde.

Gerade als kleiner Ort hatte man Angst, dass man im Großgebilde keine Beachtung mehr erfahre. Viele Gemeinden hätten noch schnell vor dem Zusammenschluss Projekte verwirklicht, die ihnen wichtig waren. „Allein hätte Rommershausen aber keinesfalls Bestand haben können. Es war die richtige Entscheidung“, sagt Blumenauer, der weiß, dass die Romershäuser sehr darauf geachtet haben, dass man von den Schwalmstädtern nicht benachteiligt wird.

„Wir haben zehn Bauplätze und einen Kinderspielplatz mit nach Schwalmstadt gebracht, dafür sollte es das Sportheim als Gegenleistung geben“, so Blumenauer, „man war skeptisch, aber hoffnungsvoll, Nörgler gab es halt schon immer“.

Das galt in den ersten Jahren der Stadtgeschichte als Tabu: Fassanstich mit Haaße-Bier bei der Saltakirmes in Ziegenhain, von links, Dirk Spahn, Wilhelm Kröll, Markus Lappe und Eckhard Haaß im Festzelt Alleeplatz.

Als Wiera sich 1971 Schwalmstadt nachträglich anschloss, so erinnert sich Helmut Schaub, sei der Widerstand gar nicht so groß gewesen. Zwar habe man auch noch schnell die neue Friedhofshalle auf den Weg gebracht, doch auch positiv in die Zukunft geblickt.

Schaub war damals schon bei der Stadtverwaltung beschäftigt und erinnert sich, dass der angedachte Bau eines neues Rathauses immer wieder für Diskussionsstoff sorgte.

„Die Ziegenhainer waren sogar mit Sicheln und Dreschflegeln in eine Sitzung in der Kulturhalle einmarschiert“, so Schaub, und weiter: „Die beiden Städte Ziegenhain und Treysa konnten sich einfach nicht riechen. Gerade beim Karneval wurde dann immer wieder ausgeteilt“, so Schaub.

Hessentag 1995 war Aushängeschild

Heute seien die Querelen zwar weitestgehend erledigt, doch habe er selbst in seiner Dienstzeit als Hessentagsbeauftragter peinlichst darauf geachtet, dass alle Schwalmstädter auf ihre Kosten kamen und sowohl in Ziegenhain wie in Treysa Veranstaltungen stattfanden. „Reibereien gab es dann keine mehr. Alle Gemeinden beteiligten sich mit Gruppierungen am Festzug. Der Hessentag war 1995 Aushängeschild Schwalmstadts“, so Schaub.

Dass aber auch 1995 noch nicht alle Animositäten beigelegt waren, lässt sich an der Tatsache ausmachen, dass die Ziegenhainer kein Haaße-Bier aus Treysa ausschenkten.

„Als es Haaße-Bier geben sollte, legten Kirmes-Verantwortliche ihre Ämter nieder“, erinnert sich Hannelene Staloch. Tatsächlich durfte die Brauerei Haaß erst das erste Festbier zur Salatkirmes liefern. „Wir durften zuvor kein Angebot abgeben. Man bestand auf Alsfelder Bier. Bürgermeister Kröll setzte sich für Bier aus Treysa ein“, so Eckhard Haaß, der in diesem Jahr dann aber doch schon zum 20. Mal das Festbier geliefert hätte, wenn die Kirmes nicht wegen Corona hätte abgesagt werden müssen.

Von Regina Ziegler-dörhöfer

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