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Immer mehr Haustiere im Schwalm-Eder-Kreis in Not

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Von: Maike Lorenz

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Die Katzenbabys sind bei der Tiernothilfe Katz und Co. Frielendorf-Leuderode untergebracht.
Die Tiernothilfe musste im abgelaufenen Jahr deutlich mehr Vierbeiner unterbringen als gewöhnlich. (Symbolbild) © Jutta Pflug

Die Tiernothilfe musste im abgelaufenen Jahr deutlich mehr Vierbeiner unterbringen als gewöhnlich.

Schwalm-Eder – Immer mehr Halter von Haustieren können oder wollen nicht mehr für ihre Tiere sorgen, wie etwa Sabine Ascher und Petra Ziegert-Postleb von der Tiernothilfe Schwalmstadt beobachten. Statt 70 Tieren wie 2021 summierte sich die Anzahl verwaister Tiere bis Dezember auf mehr als 110 Tiere, berichtet Vorsitzende Petra Ziegert-Postleb.

Im Tierheim Beuern ist die Lage ganz ähnlich. Vorstandsvorsitzender Ralf Pomplun sagt: „Wir bekommen deutlich mehr Tiere und laufen ziemlich am Limit.“ Er schätzt, dass das Tierheim 2022 bis zu 100 Hunde und Katzen mehr aufgenommen hat als im Jahr zuvor. Weil es sich oft um recht junge Tiere handelt, vermutet Pomplun stark, dass es sich um unbedachte Anschaffungen aus der Zeit der ersten Coronawellen handelt.

Auffällig sei der bedenkliche Zustand, sagt Pomplun: „Wir nehmen kaum noch Tiere ohne gesundheitliche Schäden auf.“ Vor anderthalb Jahren sei das noch anders gewesen.

Ursächlich dafür, dass nun offenbar mehr Halter ihre Tiere vernachlässigen, sind laut Pomplun eindeutig die allgemein stark gestiegenen Kosten, mit denen die Menschen fertig werden müssen. „Wir sehen, dass sich eine Behandlungsverschleppung einstellt und dass das Tierwohl nicht mehr so im Vordergrund steht.“

Dazu kommen gestiegene Tierarztkosten, so zum Beispiel Dr. Ulrich Paul, Tierarzt in Fritzlar. Im November trat nach langer Zeit eine neue Tierärztegebührenordnung in Kraft, die einfachste Untersuchung kostet nun 23,62 Euro, vorher waren es für Katzen 8,98 Euro und für Hunde 13,47 Euro – ohne Umsatzsteuer.

Die Preise für Impfungen von Hund und Katze verdoppeln sich nahezu. Die Anhebung sei zwar erforderlich gewesen, aber der Zeitpunkt denkbar ungünstig. Die Verteuerung wird gerade auch den organisierten Tierschützern zu schaffen machen, so rechnen sie im Tierheim Beuern mit einem Anstieg der Tierarztkosten um 25 Prozent, sagt Ralf Pomplun. Archivfoto: Tierheim

Tiernothilfe kann die Probleme kaum noch stemmen

„Die hätten die Nacht gar nicht überlebt“, sagt Sabine Ascher, 2. Vorsitzende der Tiernothilfe. „Entweder wären sie erfroren oder gefressen worden.“ Empört berichtet die 60-Jährige von drei Kaninchen, die durch ihren Besitzer kürzlich an der Kaserne in Treysa ausgesetzt worden sind.

Nun leben die Kaninchen bei Sabine Ascher in einem Raum unterm Dach. Sieben Kleintierkäfige stehen hier, denn die drei Kaninchen sind nicht die einzigen Tiere, die bei Sabine Ascher ein vorübergehendes Zuhause finden. Seit 2011 hat die Rentnerin bereits so viele Tiere bei sich aufgenommen, dass sie bei der Namensgebung ganz schön kreativ werden muss, erzählt sie.

Eine Herausforderung, die die 1. Vorsitzende des Vereins kennt: Petra Ziegert-Postleb (61) erzählt: „2022 habe ich meine Tiere nach Sängern benannt und dieses Jahr werden es Alkoholarten.“ Insgesamt acht Menschen im Verein haben sich dazu bereit erklärt, „Tiere in Not“ bei sich aufzunehmen.

Diese Pflegestellen benötigt die Tiernothilfe nun noch dringender als in vorherigen Jahren. „Jetzt werden wesentlich mehr Tiere abgegeben als vor Corona“, berichtet Sabine Ascher. Petra Ziegert-Postleb sagt: „Wir sind überfüllt.“ Anderen Tiernothilfen und Tierheimen in der Region geht es ganz ähnlich, berichten beide Frauen.

In den zurückliegenden Jahren erhält die Tiernothilfe in Schwalmstadt deshalb sogar Anrufe von Tierbesitzern aus Kassel. Doch nicht immer ist es möglich, Tiere aufzunehmen. Aktuell würden zum Beispiel etwa fünf Kaninchen auf einen Platz bei der Tiernothilfe warten, so Sabine Ascher.

Dass in letzter Zeit ungewöhnlich viele Menschen ihre Haustiere abgeben und sogar aussetzen, stehe in engem Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. In Zeiten von Homeoffice, Homeschooling und Kontaktbeschränkungen hätten sich Menschen ein Haustier angeschafft, für welches ihnen jetzt die Zeit fehle.

Hinzu komme, dass die Tierhaltungskosten steigen. Sabine Ascher sagt: „Durch die angehobenen Tierarztgebühren rechnen wir nun mit noch mehr Tieren.“ Das Problem betrifft auch die Schutz-Initiativen sehr. „Unser größter Kostenfaktor ist der Tierarzt“, sagt Petra Ziegert-Postleb. „Jedes unserer Tiere geht da mindestens ein Mal hin.“

Ein Kaninchenbock müsse zum Beispiel geimpft, gechipt und zumeist kastriert werden. Die Kosten lägen dann bereits bei 130 Euro, berichtet sie. Sabine Ascher ergänzt: „Und die Kosten für das Futter sind noch nicht dabei.“ Diese Ausgaben deckt der Verein mit Spenden, Mitgliedsbeiträgen und einer finanziellen Unterstützung von der Stadt.

Montags und freitags verkauft der Verein in Ziegenhain im eigenen Ladenlokal in der Wiederholdstraße zudem Tierfutter, das zum Beispiel der Hagebaumarkt oder das Futterhaus gespendet haben. Dennoch stellt die Vorsitzende fest: „Das Geld reicht nicht mehr.“ Die Tierhaltungskosten steigen, „die Spendenbereitschaft der Firmen und Menschen sinkt“. (Maike Lorenz)

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