Vom Pflege- zum Sozialfall

Zu teuer: Heimbewohner können Kosten für ihren Pflegeplatz nicht mehr tragen

Das Seniorenzentrum Wagnergasse in Treysa: Hier kostet ein Pflegeheimplatz bei Pflegegrad 3 etwa 1975 Euro pro Monat.
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Das Seniorenzentrum Wagnergasse in Treysa: Hier kostet ein Pflegeheimplatz bei Pflegegrad 3 etwa 1975 Euro pro Monat.

Wer im Schwalm-Eder-Kreis in einem Pflegeheim lebt, muss immer mehr Kosten selbst tragen. Die Folge ist, dass Senioren Unterstützung beim Sozialamt beantragen müssen.

Schwalm – Die Kosten für Pflegeheime im Schwalm-Eder-Kreis steigen stetig weiter. Begründet wird dies häufig mit höheren Personalkosten wie zum Beispiel spürbaren Verbesserungen für Auszubildende oder mehr Mitarbeiter für die Bewohner. Als Ergebnis müssen sich immer häufiger Senioren bei den Sozialämtern melden, denn wer seinen Pflegeheimplatz nicht mehr allein bezahlen kann, ist schnell auf staatliche Unterstützung angewiesen.

Wurden 2018 noch 187 Anträge gestellt, stieg die Zahl, im Folgejahr schon auf 205. 2020 wendeten sich 313 Personen an das Sozialamt und stellten einen Antrag auf finanzielle Unterstützung. Das teilte die Kreisverwaltung in Homberg auf HNA-Anfrage mit. Mittlerweile ist die Zahl der Hilfeempfänger im Kreis auf 783 Personen insgesamt angewachsen.

Kosten für Pflegeheim im Schwalm-Eder-Kreis: Im Schnitt sind 30 Prozent der Bewohner bedürftig

Nicht jeder, der einen Antrag stellt, bekommt diesen auch bewilligt – die Bedürftigkeit muss nachgewiesen sein. Ist sie gegeben, ermittelt das Sozialamt die Höhe der finanziellen Unterstützung. Diese setzt sich zusammen aus den Kosten des Pflegeheimes, einem Taschengeld für persönliche Bedürfnisse sowie einer Bekleidungspauschale. Hiervon werden das Pflegegeld sowie eine etwaig vorhandene Rente in Abzug gebracht. Die Differenz trägt dann das Sozialamt.

Bevor das Sozialamt aber die Zahlungen übernimmt, muss der Heimbewohner zunächst sein eigenes Vermögen bis zu einem Betrag von 5000 Euro verwenden. Der Anteil an Betroffenen schwankt von Einrichtung zu Einrichtung. Im Schnitt sind aber etwa 30 Prozent der Bewohner betroffen.

Platz im Pflegeheim in Treysa wird teurer: Deutlicher Kosten-Anstieg

Wie stark die Kosten in den vergangenen Jahren für Bewohner gestiegen sind, zeigt sich bei der Preisentwicklung eines stationären Pflegeheimplatz in der Treysaer Wagnergasse bei Pflegegrad 3. „Aktuell belaufen sich die Kosten auf 1975 Euro, vor fünf Jahren waren es hingegen noch 1338 Euro“, erläutert dazu etwa Hermann-Josef Nelles, Geschäftsführer der Hephata Soziale Dienste (hsde).

Mit der Preisentwicklung liegt die Einrichtung in Schwalmstadt im Mittelfeld. Das grundsätzliche Problem: „Es gibt eine allgemeine Preissteigerung“, so Nelles. „Der Finanzierungsanteil der Pflegekassen ist seit Jahren gleich geblieben, die Steigerungen werden somit im Wesentlichen von den Bewohnern getragen.“

Heimbewohner im Schwalm-Eder-Kreis können Kosten nicht mehr tragen

Die Kosten für Pflegeheime im Schwalm-Eder-Kreis steigen stetig weiter. Begründet wird dies häufig mit höheren Personalkosten wie zum Beispiel spürbaren Verbesserungen für Auszubildende oder mehr Mitarbeiter für die Bewohner. Als Ergebnis müssen sich immer häufiger Senioren bei den Sozialämtern melden, denn wer seinen Pflegeheimplatz nicht mehr allein bezahlen kann, ist schnell auf staatliche Unterstützung angewiesen.

Wie rasant sich die Kosten für einen Pflegeheimplatz entwickeln können, musste auch ein Bürger aus dem südlichen Schwalm-Eder-Kreis, der anonym bleiben will, feststellen. Der monatliche Eigenanteil der Pflegeheimkosten seiner Mutter stieg bei gleichbleibendem Pflegegrad von etwa 1500 Euro auf über 2200 Euro innerhalb von 36 Monaten. Das entspricht einer Erhöhung von über 45 Prozent.

Pflegeheime nicht mehr alleine bezahlbar: Jeder Dritte auf Unterstützung angewiesen

Der Eigenanteil wird in der Regel aus eigenen Einkünften bezahlt, etwa durch Renten, Ersparnisse oder Eigenheimverkauf. Dass die steigenden Kosten für viele Senioren im Schwalm-Eder-Kreis eine zunehmende Herausforderung darstellen, zeigt ein Blick auf die jährlichen Förderanträge beim Sozialamt.

Aus Pflegeheimen in der Region wird von einer steigenden Zahl an Sozialhilfeempfängern unter den Bewohnern berichtet. In vielen Einrichtungen sei mittlerweile jeder Dritte auf Unterstützung angewiesen. Es gibt auch Heime, in denen der Anteil über 40 Prozent beträgt. „Die Steigerung des Pflegesatzes wurde von der Pflegekasse nicht berücksichtigt“, heißt es seitens der Phönix-Leitung (Hessenallee Ziegenhain). Da der Anteil der Kasse gleichgeblieben sei, führe dies zu einer überprozentualen Steigerung des Eigenanteils für die Bewohner.

Kosten für Platz im Pflegeheim: Etwa zwei Drittel für Löhne

„Ungefähr zwei Drittel unserer Gesamtkosten machen die Löhne für unsere Mitarbeitenden aus“, verdeutlicht Hermann-Josef Nelles, Geschäftsführer der Hephata Soziale Dienste und Einrichtung gGmbH (hsde). „Bei Fachkräften gab es in den vergangenen Jahren eine Steigerung um 35 Prozent.“ Aktuell koste ein stationärer Pflegeheimplatz in der Treysaer Wagnergasse bei Pflegegrad 3 1975 Euro, vor fünf Jahren waren es hingegen noch 1338 Euro.

Die Einrichtung liegt damit in der Region im Mittelfeld: In Häusern des Deutschen Roten Kreuzes liegt der monatliche Gesamtbetrag aktuell bei 2065 Euro – 2017 lagen die Kosten noch bei 1487 Euro. Von einer Kostenanhebung von ungefähr 20 Prozent berichtet auch eine Pflegeeinrichtung in Homberg, das liege unter anderem an gestiegenen Kosten für das Personal.

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Kosten im Pflegeheim: Auszubildende erhalten eine höhere Vergütung

Der Blick auf die Ausbildungsvergütungen in Pflegeheimen unterstreicht dies. So erhielt ein Lehrling in den DRK-Einrichtungen im Frühjahr 2020 über 1100 Euro im dritten Lehrjahr, 2015 musste er sich noch mit etwa 910 Euro begnügen.

Seit dem 1. Oktober 2020 zahlen die Pflegeeinrichtungen einen Ausbildungszuschlag in einen Fonds ein, aus dem die Vergütungen der Auszubildenden geleistet werden. „Davon profitieren die Auszubildenden – im dritten Lehrjahr erhalten sie bei uns eine Vergütung von 1350 Euro“, sagt Nelles. Lehrlinge im Phönix-Haus Hessenallee erhalten ebenfalls um die 1300 Euro. Zudem habe man die Ausbildungsplätze in den vergangenen Jahren verdoppeln können.

Die Auslastung der Pflegeheime in der Region schwankt aktuell, ist aber durchgängig und dauerhaft hoch. Von der HNA angefragte Einrichtungen meldeten Belegungen zwischen 75 und 99 Prozent. (Felix Busjaeger)

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