Interview: Schausteller-Branche in großer Not

Daniel Geibel war zur Schausteller-Demo in Berlin: „Auch wir können Hygienekonzepte entwickeln“

Daniel Geibel und sein Schwiegervater Norbert Weiher stehen bei einer Schausteller-Demonstration vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Hinter ihnen sind zudem Polizisten zu sehen.
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Daniel Geibel und sein Schwiegervater Norbert Weiher, beide aus Schwalmstadt, war nur Demo in Berlin. Aus ganz Deutschland waren Schausteller mit über 1000 Zugmaschinen für ihren Demonstrationszug angereist.

Mit einer Kundgebung in Berlin haben am Donnerstag, 2. Juli, mehrere Tausend Menschen von Schaustellerbetrieben aus ganz Deutschland dafür demonstriert, dass rund 10 000 jährlichen Volksfeste unter Einhaltung der Regeln stattfinden dürfen. Daniel Geibel über die große Not der Branche:

Herr Geibel, vieles ist in der Viruskrise unmöglich, warum gehen Sie und Ihre Kollegen jetzt auf die Straße?
Es geht uns überhaupt nicht um Soforthilfen und Kredite, die hat es durchaus gegeben. Viele Schausteller sind inzwischen wirklich verzweifelt, die Situation bedeutet ein Berufsverbot, und das seit nun bald sechs Monaten. Es wurde wirklich alles mobilisiert quer durch die ganze Republik, da gibt es ganz heftige Emotionen.
Was wollen Sie denn konkret erreichen?
Die Branche will die gleichen Konditionen wie die Gastronomie und Freizeitparks, jetzt, wo Schwimmbäder, Cafés und Strandpromenaden wieder geöffnet sind. Auch wir können Hygiene- und Abstandsregeln gewährleisten, wenn das auch Veränderungen gegenüber der Zeit vor der Pandemie bedeutet.
Was meinen Sie damit?
Wenn man zum Beispiel an den Kasseler Weihnachtsmarkt denkt, wo wir seit Jahren vertreten sind, so sind Glühweinstände wie man sie kennt im kommenden Winter sicher nicht möglich. Aber es müssen den Schaustellern doch unbedingt Möglichkeiten gelassen werden, wenigstens in veränderter Form zu arbeiten, in denen die Vorgaben erfüllbar sind. Auch wir können Hygienekonzepte entwickeln und umsetzen.
Wie schauen Sie denn auf die kommenden Monate?
Voller großer Sorgen. Es sind ja nun Großveranstaltungen bis Ende Oktober verboten, dabei hatten wir so auf den Herbst gesetzt, wenn auch noch gute Veranstaltungen hätten laufen könnten. Diese Hoffnungen sind allen genommen. Anfangs waren wir ja nur von Wochen des Stillstands ausgegangen. Jetzt dauert es schon ein halbes Jahr, dass viele Kollegen überhaupt nichts tun können, Geschäft gleich Null. Die sind kurz vorm Durchdrehen, gerade, wenn sie ausschließlich in ihren Wohnmobilen leben, was durchaus viele tun.
Wie schauen Sie persönlich auf die Situation, gehen Sie davon aus, dass es ab November besser wird?
Wir denken schon voller Sorge an unsere Traditionsstände beim Kasseler Weihnachtsmarkt. Wir wissen ja inzwischen noch nicht einmal, ob es überhaupt dieses Jahr irgendwelche Weihnachtsmärkte geben wird. Dabei sind die Innenstädte schon jetzt schlecht besucht. Die Märkte werden schmerzlich fehlen, wenn sie alle ausfallen müssen. Und: Dass es nächstes Jahr wieder einigermaßen wie gewohnt laufen kann, das ist ja auch überhaupt noch nicht ausgemacht.
Wie ernst sieht die ganze Branche ihre Situation?
Als hochgefährdet. Meine Frau und ich stammen aus alten und weitverzweigten Schaustellerfamilien, allen geht es sehr schlecht. Da sind ebenso sehr große Player, die vor Kurzem weitere enorme Investitionen getätigt hatten, wie auch viele kleinere. Aber wir erinnern daran, dass wir eine Jahrhunderte lange Geschichte haben, die es zu retten gilt. Unser Präsident Albert Ritter ruft den Leuten dabei zu, dass wir das Antidepressivum fürs Volk sind, die Tradition darf nicht zugrunde gehen. Wir verstehen nicht, dass Kinder miteinander im Freibad planschen und in der Schule lernen, aber kein Karussell fahren dürfen.

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