Kältechaos in Texas

Ziegenhainerin berichtet über Extreme im US-Bundesstaat

Leere Regale in den Megasupermärkten: In den Läden gab es keine Grundnahrungsmittel mehr zu kaufen.
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Leere Regale in den Megasupermärkten: In den Läden gab es keine Grundnahrungsmittel mehr zu kaufen.

Aus dem Extremwinter im US-amerikanischen Texas berichtet die Ziegenhainerin Simone de Santiago Ramos. Die promovierte Historikerin und Leiterin des Museums der Schwalm lebt dort derzeit.

Schwalm – Kurze Wintereinbrüche seien gerade im Januar und Februar dort nichts so Ungewöhnliches, über die Prognosen machte man sich zunächst in dem US-Staat kaum Sorgen. Doch was sich seit 10. Februar abspielte, sei zunehmend extrem gewesen, von da an sei es jede Nacht kälter geworden. Seit 13. Februar sei es dann auch tagsüber unter Null geblieben, Glatteis und Unfälle häuften sich. Dann begann es zu schneien, auch tagsüber stieg das Thermometer nicht über minus 15 Grad. Montag vor einer Woche schlossen auch die meisten Fastfood-Restaurants, ebenso die Megasupermärkte, „der Grund war, dass ab Montag sogenannte rolling blackout im Stromversorgungsnetz auftraten – man hatte mal 30 Minuten, oft bis zu einer Stunde Strom im Haus gefolgt von drei bis vier Stunden ohne Strom“. Wann dies der Fall sein würde, wusste man nicht. Gab es Strom, begannen die Menschen sofort zu kochen, Tee oder Suppen, um wenigstens etwas Warmes essen und trinken zu können. „Leider hatte ich aber wie Millionen anderer Texaner nicht so viel Glück: Die Wasserrohre im Haus waren komplett eingefroren.“ In ihrem Haus froren die Bananen in der Küche und das Wasser im Hundenapf ein.

Das ganze öffentliche Leben kam zum Erliegen, nur noch ein großer, der Walmart, öffnete, es bildeten sich lange Schlangen, obwohl es schon seit dem Valentinstag (14. Februar) keine Grundnahrungsmittel mehr zu kaufen gab. „Ab Dienstag, 16. Februar, dann der totale Zusammenbruch, bei maximal 30 Minuten Strom.“ In etlichen Häusern platzten unterdessen die Wasserleitungen, man kam kaum hinterher, diese auch nur notdürftig zu reparieren, Trinkwasser musste bis zum Wochenende abgekocht werden. Restaurants blieben tagelang geschlossen, zum einen wegen der Versorgungsprobleme, zum anderen weil aufgrund der ständigen Stromausfälle die Ladenkassen verrückt spielten. „So hatten selbst die Megaläden Schilder an den Türen – keine Kreditkarte oder nur Barzahlung.“

Kältechaos in Texas: Texaner erwarten hohe Stromrechnungen

Natürlich schlossen auch alle Schulen und Universitäten, nach Rohrbrüchen habe in vielen dieser Gebäude Zentimeter hoch das Wasser gestanden. Von Überflutungen waren besonders neuere Häuser betroffen, wo die Leitungen nicht mehr in Kriechkellern verlegt sind. Viele Texaner sind jetzt von enormen Stromrechnungen gebeutelt, weil sie variable Verträge haben, statt 20 Dollar werden dann schon mal Rechnungssummen von 9000 Dollar fällig. In die Höhe geschnellt sind auch die Benzinpreise, die gesamte Gas-Frackingindustrie in Westtexas war lahmgelegt, die Pumpen sind schlichtweg eingefroren.

Der Zusammenbruch des Stromnetzes lässt sich nicht so leicht erklären. Das ganze System ist auf die texanischen Sommer mit über 40 Grad Celsius ausgelegt, aber nicht auf solche Kalteeinbrüche. Zudem ist es ein geschlossenes, eigenständiges System, man „tauscht“ nicht wie in anderen Staaten der USA den Strom untereinander aus. Bundesstaatliche Hilfe ist jetzt angelaufen – viel zu spät, denn die Tagestemperaturen sind wieder um 20 Grad, „jetzt braucht Texas auch keine Generatoren mehr“. Der neugewählte Präsident hatte es auch vorgezogen, sich nicht sehen zu lassen. Mit Ruhm bekleckert hat sich allerdings auch Senator Ted Cruz nicht, der es vorzog, mit Familie und Freunden nach Cancun ins Ritz Carlton abzuhauen. Er kehrte allein zurück, als die Medien davon berichteten. Und eines darf man nicht außer Acht lassen, Texas kämpft noch immer mit Covid-19, Neuerkrankungen und Toten. Sämtliche Impfstationen im Staat waren ab letzten Sonntag geschlossen und werden ihren Betrieb erst diese Woche aufnehmen. (Simone De Santiago Ramos)

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