Blick nach vorn – es gibt viel zu tun

Keine Landesgartenschau für Schwalmstadt: Reaktionen auf die Entscheidung

Das Foto von Alexandra Knoch-Harnisch entstand am Ziegenhainer Damm bei Sonnenaufgang.
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Stadt mit weitläufigem Wiesengürtel: Das Foto von Alexandra Knoch-Harnisch entstand am Ziegenhainer Damm bei Sonnenaufgang.

Auch nach der Ablehung der Schwalmstädter Bewerbung um die Hessische Gartenschau 2027 behalten ihre Vorschläge und Ziele volle Gültigkeit.

Schwalmstadt – Keine Landesgartenschau in Schwalmstadt, diese Nachricht vom Mittwoch (HNA berichtete) wurde von den allermeisten Schwälmern sehr gelassen aufgenommen. Nur zweimal wurde der HNA-Facebook-Post dazu geteilt, nur ein Leser kommentierte: „Vielleicht wäre es angebracht, wenn die Stadt Schwalmstadt mal selbst was auf die Beine stellt zwecks Natur, Parks etc. und im Tourismus. Aus dem Alten Bahngelände am Südbahnhof Ziegenhain oder Chinatown könnte man was Ansehnliches machen [...].“ Auch an anderen Stellen im größten sozialen Netzwerk facebook findet sich das Thema nur sporadisch. Die wenigen Kommentare reichen von einem Wort „schade“ bis „Herzblut fehlte“. Klar ist allenthalben, dass auf den Erkenntnissen aus der Bewerbung aufgebaut werden sollte.

Das steht auch in den Pressemitteilungen, die uns erreichten, nachdem der Zuschlag für die oberhessische Gemeinschaftsbewerbung (Büdingen, Echzell, Gedern, Glauburg, Hirzenhain, Kefenrod, Limeshain, Nidda, Ortenberg, Ranstadt und Schotten) offiziell war. Eine neue Richtlinie hatte es erstmals ermöglicht, dass auch interkommunale Landesgartenschauen in Hessen stattfinden können.

Die FDP-Landtagsabgeordnete Wiebke Knell bedauert die Entscheidung der Landesregierung in einer Pressemitteilung, „als Schwälmerin hatte ich gehofft, dass das sehr ausgewogene Konzept der größten Stadt des Schwalm-Eder-Kreises bei der Jury entsprechende Anerkennung finden würde“. Sie habe sich eingesetzt, und die Entscheidung leuchte ihr auch nicht ein, denn in Oberhessen, in dem ausgedehnten Gebiet, wo die Schau nun stattfinde, müsse das „Auto sowohl zur Anreise als auch zwischen den einzelnen Kommunen“ genutzt werden, während „das Schwalmstädter Konzept durch den vorhandenen ICE-Bahnhof in Treysa sicherlich klimaneutral darstellbar gewesen“ wäre und der angestrebte Bezug zum Wasser da war. Schwalmstadt werde aber von der Bewerbung profitieren können.

Stadt mit historischer Bausubstanz: Annemarie Stuchel schickte uns diese Treysaansicht.

„Leider wurde das tolle Schwalmstädter Konzept mit anschaulichen Videos und Präsentationen nicht angenommen“, beklagt der Freie Wähler-Fraktionsvorsitzende Engin Eroglu. Sie hätte „beitragen können, vorhandene städtebauliche Defizite in ganz Schwalmstadt zu reduzieren und strukturfördernd zu beheben“. Jetzt solle die Machbarkeitsstudie aufgearbeitet werden. Dazu hätten die FW den offiziellen Antrag gestellt, einen Bürgerrat mit Sachkundigen zu bilden. Der solle zusammen mit der Wirtschaftsförderung Anregungen der Studie realisieren. FotoS:Anna Lysikow/privat

Analyse: Die Machbarkeitsstudie zeigt viele Ausbaufelder in Schwalmstadt auf

Nach dem Aus für die Landesgartenschau in Schwalmstadt lenken sich die Blicke auf die Machbarkeitsstudie. Eine Analyse.

  • Was bleibt, ist die Machbarkeits-Studie mit 126 Seiten im Format eines gediegenen Zeitschriftenmagazins, eine unter dem Strich durchaus ehrliche Bestandsaufnahme. Anders als der Youtube-Imagefilm „Blütenschwalm – eine Ode an die Schwalm“, der die paradiesische Idylle einer völlig intakten Landschaft mit fröhlichen Trachtenschwälmern und Christenmenschen in Reimform präsentiert, liegt dieses Werk nun wie eine große, schwere Hausaufgabe stapelweise in der Wirtschaftsförderung. Übrigens wurde der Film 4280 mal aufgerufen und erhielt 90 Gefällt-mir-Daumen, was eher sehr überschaubar ist in über fünf Monaten. Die Werbevideos der Schwalm-Aue-Bürgermeister oder von Bundestagsabgeordnetem Edgar Franke klickten je teils deutlich weniger als 100 Interessierte, was unterstreicht, wie schwer Aufmerksamkeit auf diesem Kanal erreichbar ist.
  • In der Studie wird zunächst entwickelt, dass Schwalmstadt in der Leaderregion Schwalm-Aue mit den Nachbarn Borken, Wabern, Neuental, Willingshausen und Schrecksbach das Zentrum einer Region sei. Das Problem, dass Schwalmstadt eben aus „um das Hochwasserrückhaltebecken verstreute Teilorte“ besteht, wird aber nicht verschwiegen. These der Macher: Eine Landesgartenschau „als großes Gemeinschaftsprojekt“ wäre die „einmalige Chance, eine ganz neue Identität zu entwickeln und sich mit Schwalmstadt neu zu identifizieren“. Anders herum gelesen ist das ein recht trübes Ausgangsszenario nach 50 Jahren der städtischen Einheit.
  • Was den Status Quo im Tourismus angeht, kommt die Studie zu dem ebenfalls nüchternen Schluss, dass vieles möglich scheint, aber „insbesondere im Ausbau von regionalen Serviceleistungen und Kooperationen steckt noch viel Entwicklungspotential“, also Luft nach oben, ist.
  • Die Innenstädte von Treysa und Ziegenhain werden neutral beschrieben. Die Studienmacher sehen viel Ehrwürdiges, aber auch „große innerstädtische Brachflächen“, raumgreifende Parkplätze und Unkrautwüsten. Die Festung Ziegenhain wird in gestelzter Sprache als etwas Herausragendes geschildert, das aber aufgrund des dichten Verkehrs, der geparkten Autos und schwerer Auffindbarkeit kaum erlebbar sei. Der zentrale Alleeplatz „stellt eine städtebaulich völlig unbefriedigende Situation dar“.
  • Die Studie enthält viele konkrete Vorschläge wie einen Gleispark, einen Hochseilgarten mit Aussichtsplattform, Schau- und Erlebnisbauernhof und einen wirklichen Aufbruch für mehr Fußgänger- und Radfahrerfreundlichkeit. Viele Skizzen und eingestreute Fotos zeichnen bereits ein heiteres Bild.

Fazit: Durch die Bewerbung traten viele ausbaufähige Stärken im Radius von Treysa und Ziegenhain hervor. Sie kontrastiert zugleich viele Schwächen, die Einheimische kaum noch wahrnehmen, jedenfalls wenn man die allzu beschönigende Ausdrucksweise in Prosa übersetzt: Asphalt, Autos und Zweckmäßigkeit dominieren in Schwalmstadt und weisen Gäste ab.

Die vorgeschlagenen Ideen wirken zum Teil stereotyp, etwa ein Kletterpark oder ein Schaubauernhof. Auf jeden Fall macht die Lektüre nachdenklich und mitunter niedergeschlagen darüber, dass die verbindende Klammer Landesgartenschau mit schönen, bleibenden Anlagen so nicht kommt und auch, dass bei Licht betrachtet die Lebensqualität im öffentlichen Raum viel besser sein könnte und müsste. Das sollten die Bürgerschaft und die Lokalpolitik als Aufgabe annehmen. (Anne Quehl)

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