Kirche voller als an Weihnachten - Margot Käßmann rät zum Altwerden in Gelassenheit 

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Lesung vor vollem Kirchenschiff: von links Pfarrer Dierk Glitzenhirn, Margot Käßmann und Doris Schäfer, Vorsitzende von Gemeinsam ins Alter Schwalmstadt.

Treysa. Ein dicht an dicht besetztes Gotteshaus und einen Autogramm-Marathon erlebten die Zuhörer, die zur Lesung von Margot Käßmann nach Treysa kamen.

Es war in einem Bahnhofs-Buchladen, auf der Reise von einem Enkelkind zum anderen, als Doris Schäfer, Vorsitzende des Schwalmstädter Vereins Gemeinsam ins Alter, der Titel ins Auge sprang: „Schöne Aussichten auf die besten Jahre“, heißt der neueste Lebensratgeber von Margot Käßmann, aus dem sie in der mit 541 verkauften Karten bis auf die letzte Treppenstufe besetzten Stadtkirche Treysa las. Die Kirche war voller als an Weihnachten und die Stimmung unter den Besucher ebenso erwartungsvoll.

Käßmann, deren Leben sich nach eigenen Angaben zwischen Usedom, wo sie für sich und ihre Familie ein Haus gekauft hat, und Hannover, wo sie von 1999 bis 2010 Landesbischöfin war, einpendelt, bestach durch ihre offene und unprätentiöse Art, über sich und ihr Leben zu sprechen – und anderen Mut zu machen, gelassen älter zu werden. 

Die Entscheidung, im Juni 2018 mit 60 in den Ruhestand zu gehen, habe sie bislang ebenso wenig bereut, wie im Jahr 2010 den Entschluss, von heut’ auf morgen ihr Amt als Ratsvorsitzend der Evangelischen Kirche Deutschlandes niederzulegen.

Jetzt im Ruhestand erfahre sei eine ganz neue Form der Freiheit: „Ich kann entscheiden, wie ich leben möchte.“ Mit 60 sei man tatsächlich schon alt, so die in Stadtallendorf aufgewachsene Pfarrerin, die zu Anfang ihres Berufslebens sieben Jahre lang in Spieskappel wirkte. Von 60 als der „zweiten Lebenshälfte“ oder „der neuen 40“ zu sprechen sei Humbug, „ich werde keine 120 Jahre alt, und mein Körper ist nicht mehr so vital wie mit 40“ – das erlebe sie spätestens beim Joggen mit ihren Töchtern. Aber alt sein und glücklich sein, dies müsse sich nicht ausschließen.

Sie könne sich mehr freuen, nehme das Leben bewusster wahr. „Ich bin dankbar über das Leben, das war, und freue mich über das, was ist.“ Der 61-Jährigen gelang es immer wieder, spontane Heiterkeit hervorzurufen – etwa wenn sie von den Strapazen las, wie sie als Schülerin mit dem Zug von Stadtallendorf nach Marburg kommen musste oder vom Skypen mit ihren Enkeln – nirgends wirkten Falten grausamer als bei Facetime, dem Bildschirm-Telefonieren.

Es ist ihre authentische Art, die sie so sympathisch macht und die für so viele Wiedererkennungsmomente sorgt – etwa wenn sie davon erzählt, wie sie immer häufiger Todesanzeigen liest, ihre Handoberflächen braune Flecken bekommen. Mit 66 fange das Leben zwar nicht an, „aber mit 66 hat man Spaß daran“, so Käßmann, die dazu appellierte, Frieden zu finden mit den eigenen Entscheidungen des Lebens, das Leben zu leben und über den Tod zu sprechen, denn gerade die Endlichkeit mache das Leben so besonders. Ganz in dem Sinne, wie es in der Bibel im 5. Buch Mose stehe: „Seid getrost und unverzagt“. 

Der positive Blick aufs Alter gefällt mir“, sagte Doris Schäfer,  „und er passt auch zu unserem Wohnprojekt“. Das dachte auf Anhieb auch Margot Käßmann, die gern der Einladung von Gemeinsam ins Alter, der Evangelischen Kirchengemeinde Franz von Roques und des Buchladens Am Hexenturm gefolgt sei, so die Pfarrerin am Rande der Lesung, die mit einem wahren Autogramm-Marathon schloss. In einem genossenschaftlichen Haus sollen in Treysa zwölf Wohneinheiten entstehen, in dem „jüngere Ältere und ältere Ältere“ zusammen wohnen, so Schäfer – jeder für sich und doch auch gemeinsamen – einige der geplanten Wohnungen sind noch frei. 

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