Kleider für das ganze Leben: Schwälmer Tracht gibt es nur noch selten

Brunhilde Miehe

Schwalmstadt. Die Schwälmer Tracht zeigte Herkunft und Standeszugehörigkeit an, heute wird sie nur noch von wenigen Frauen getragen - warum das so ist, hat Trachtenkennerin Brunhilde Miehe im HNA-Interview erklärt.

Die Tracht ist Tradition in der Schwalm. Warum wird sie getragen?

Brunhilde Miehe: Die Tracht ist ein Relikt aus der alten Standesordnung. Menschen vom Land haben Tracht getragen und so deutlich gemacht, welchem Stand sie angehörten.

Es gibt keine Standesordnung mehr, einige Frauen tragen aber noch immer Tracht.

Miehe: Die Kleidung war früher sehr wertvoll und gab es meist als Aussteuer zur Hochzeit. Die behielt man ein Leben lang. Die Frauen sind an diese Kleidung gewöhnt und schätzen sie, weil sie sich die hart erarbeiten mussten.

Kann es im normalen Alltag zu Problemen kommen, wenn Frauen ausschließlich Tracht tragen? 

Miehe: Wenn die Frauen zum Arzt müssen, kann es mit dem Aus- und Ankleiden schwierig werden, weil sie viele Röcke tragen. Im Krankenhaus oder Altenheim ziehen einige gerne einen modischen Jogginganzug an. Manche Frauen haben die Tracht aber auch abgelegt, weil es ihnen unangenehm war, in der Öffentlichkeit aufzufallen.

Sie sagten, die Frauen tragen viele Röcke. Aus was setzt sich eine Tracht zusammen?

Miehe: Einige Frauen ziehen bis heute für wichtige Anlässe noch handgearbeitete Schuhe vom Schuhmacher an. Die Kniestrümpfe waren bis zum Zweiten Weltkrieg weiß und selbstgestrickt. Jetzt werden schwarze Strümpfe gekauft, die weißen werden nur noch für die Kirche angezogen. Die Röcke sind leichter geworden. Früher trug man acht Röcke übereinander, heute nur noch drei. Die Jacke ist gerade geschnitten. Der Zopf blieb immer gleich, wird geflochten und dann in eine Kappe gesteckt.

Tragen in der Schwalm noch viele Menschen diese Tracht? 

Miehe: In 2015 gab es nur noch 27 Frauen, die Tracht getragen haben. Von ihnen sind nur noch wenige in der Öffentlichkeit zu sehen, die jüngste Trachtenträgerin ist 80 Jahre alt. Der letzte Trachtenträger ist 2003 gestorben.

Also gibt es kaum noch Menschen, die Tracht tragen. Sieht es in anderen ländlichen Regionen ähnlich aus?

Miehe: Im Raum Hersfeld ist die letzte Trachtenträgerin 2009 gestorben. Im Marburger Land werden noch zwei unterschiedliche Trachten getragen - einerseits von evangelischen, in anderer Form von katholischen Frauen. Unter den katholischen ist die jüngste Trägerin erst 70 Jahre alt.

Warum wird es bald keine Trachtenträgerinnen mehr geben? 

Miehe: Die Normen haben sich stark verändert. Es gibt keine Standesordnung mehr. Wir müssen nicht mehr mit einer Tracht zeigen, welche Herkunft wir haben.

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