Kleine Schnitte, große Wirkung

Schwalmstadt: Blick in den OP - So wird eine Gallenblase entnommen

Während der Gallenblasen-Operation: Links Dr. Felix Meuschke leitet den Eingriff, sechs weitere Mitarbeiter bilden sein Team dabei.
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Während der Gallenblasen-Operation: Links Dr. Felix Meuschke leitet den Eingriff, sechs weitere Mitarbeiter bilden sein Team dabei.

In der Asklepios-Klinik versorgen über 560 Mitarbeiter 10 000 Patienten im Jahr, in fünf OPs wird täglich mehrmals operiert. Wir durften Dr. Felix Meuschke und seinem Team einmal zusehen.

Ziegenhain. Acht Uhr morgens, der Nebel hängt noch tief in den Tälern von Schwalmstadt. Während es vor den Krankenhaustüren der Asklepios-Klinik in Ziegenhain wärmer wird und die Sonne einen schönen Tag verspricht, bleibt es hinter den schweren Türen des Operations-Raumes im Krankenhaus kalt. Gallenblasenentfernung – das ist die erste von fünf Operationen für die Spezialisten am heutigen Tag. Chefarzt Dr. med. Felix Meuschke und sein Team stehen schon fertig umgezogen im OP-Saal bereit.

Operieren in fünf Sälen

- 5 Operationssäle stehen für Patienten bereit, davon einer als Hybrid-OP. Etwa fünf Operationen finden pro Tag je Saal statt.

- 233 Betten können im Krankenhaus Schwalmstadt belegt werden.

- 565 Mitarbeiter versorgen im Klinikum jährlich etwa 10 000 Patienten. (kir)

Der Umkleideraum, die sogenannte Personenschleuse, ähnelt einer Sportumkleide. Mit grüner Krankenhaus-Kleidung und lila Haarnetzen fehlen auch uns zum perfekten OP-Outfit nur noch die knallgrünen Gummischlappen. Nach dem Desinfizieren der Hände geht es über einen Flur in den Operationsraum.

Alles liegt bereit: Blick auf einen Tisch im Operationssaal.

Operation mit Kameraunterstützung

Die Patientin ist schon in den Operationsraum gebracht worden und sechs Mitarbeiter sind mit im Raum, um die Operation vorzubereiten. Viel metallenes Werkzeug, grelles Licht und Rollwagen. Alles, bis auf den Bauch der Patientin, ist mit grünen Tüchern abgedeckt. Ihre entzündete Gallenblase wird heute entfernt, laparoskopisch, also mit Hilfe einer bestimmten Kameratechnik.

Einer der Vorteile: Die Technologie unterstützt den Chirurgen dabei, die Konzentration auf hohem Niveau zu halten, auch bei langen Operationen. Es ist mittlerweile ein standardisierter Eingriff und fast alle Operationen können mit dieser Technik durchgeführt werden, wie uns Dr. Meuschke erklärt.

Dazu setzt der Arzt vier kleine Schnitte – fünf bis zehn Millimeter lang. Kleine Röhrchen werden eingesetzt, um Kamera und Werkzeuge, wie Klemmen und Zangen, in den Bauchraum einzuführen.

Zuvor wurde der Bauch mit CO2 aufgepumpt, damit der Arzt mehr erkennen kann. Gefährlich ist das nicht, denn das CO2 kann später einfach abgeatmet werden.

Mit 3D-Brillen ausgestattet, fühlen wir uns ein bisschen wie im Kino, Es können nicht nur Operateur und Helfer die inneren Organe auf einem Bildschirm genauestens sehen, sondern auch wir: Die Gallenblase liegt unter dem Leberflügel, einem glatten, recht großen Organ. Daneben der Magen und die Innenseite des Bauches.

Mit einer Art „Mini-Lötkolben“ löst Meuschke die Gallenblase von Magen und Leber. In präzisen Bewegungen durchtrennt er das Gewebe – es dampft dort, wo die Haut verkocht.

Ist die letzte Verbindung zwischen Gallenblase und Leber gekappt, wird durch eins der Röhrchen eine kleine Tüte, eingeführt. Sie entfaltet sich im Bauchraum und Meuschke packt die entzündete Galle vorsichtig ein, verschnürt die Tüte und holt sie durch eines der Röhrchen wieder heraus. „Die Gallenblase ist entzündet und soll nichts im Körper berühren“, erklärt Meuschke.

Gallensteine: Manche Patienten nehmen sie sich später mit nach Hause.

Eine Assistentin schneidet die Gallenblase auf und entfernt die Gallensteine. Der Becher ist dann mit den Kieseln gut gefüllt, einer der gelblichen Steine ist geradezu zwei Zentimeter groß. „Viele der Patienten wollen sie mit nach Hause nehmen“, sagt Meuschke und lächelt. (Anmerkung der Redaktion: Wie es die Patientin, deren OP wir verfolgten, diesbezüglich entschied, erfuhren wir nicht. Selbstverständlich hatte sie ihr Einverständnis gegeben für diese Reportage.)

Wunde wird verklebt

Anschließend muss die Wunde nur noch geschlossen werden: Wie Meuschke erklärt, wird die Körperhülle genäht, die Haut zusammengeklebt. Durch die Klebung soll eine starke Narbenbildung verhindert werden.

Auf die Frage, was jetzt mit der entnommenen Gallenblase passiert, antwortet Meuschke, dass diese nach der Operation an einen Pathologen geschickt wird, der das Gewebe etwa auf bösartige Zellen untersucht.

Während wir anderthalb Stunden später von der Sonne auf dem Krankenhaus-Parkplatz empfangen werden, steht Meuschke schon wieder im Operationssaal. In grüner OP-Kleidung und hochkonzentriert operiert er seinem Team einen Zwerchfellbruch. (Kira Müller und Celine Kühn)

„Ich würde den Job immer wieder wählen“

Dr. Felix Meuschke arbeitet seit 2013 in der Viszeralchirurgie (Chirurgie der inneren Organe) im Schwalmstädter Krankenhaus. „Ich würde den Job immer wieder wählen“, sagt Meuschke. Warum ist für den 46-Jährigen klar: Er wollte etwas Feines machen, nichts mit Knochen und Schrauben, so, wie er es früher geplant hatte.

Der Vater des gelernten Holzhändlers ist an Krebs gestorben, ein weiterer Punkt, der Meuschke zum Chirurgenjob motivierte.

„Ich wollte was tun“, sagt der Arzt. Außerdem war es für ihn wichtig, nicht zu viel im Büro zu sitzen. „Je besser der Chirurg ist, desto mehr kann er arbeiten“. Man müsse ein Gefühl für das Gewebe entwickeln und diese Arbeit bereite ihm große Freude. „Außerdem spielt man ein bisschen Sherlock Holmes, weil man ja erst rausfinden muss, was der Patient hat“, sagt Meuschke und lacht. Ob er Tage hat, an denen er sich den Feierabend sehnlichst herbeiwünscht? Nein: „Das hatte ich noch nie. Die Zeit im OP verfliegt so schnell, da habe ich gar kein Zeitgefühl.“

Der Chefarzt liebt seinen Beruf und ist immer mit Freude dabei. Die Anspannung während einer Operation verhindere die Ermüdung, sodass er immer konzentriert bleibe. Allerdings habe ihn eines mehr gestresst und psychisch belastet als der OP-Alltag: „Man könnte mich vier Stunden in den OP stellen, das fände ich nicht so anstrengend, wie die Zeit während Corona“, erklärt er. Die Langzeit-Auswirkungen der Pandemie seien auch in der Chirurgie stark zu bemerken. „Die Menschen hatten Angst und waren wahnsinnig verunsichert“, hat Meuschke immer wieder festgestellt.

Coronazeit

Demnach haben viele Patienten ihre Vorsorgetermine ausfallen lassen. Es sei „prophylaktisch sehr viel hinten runter gefallen“, so Meuschke. Er und sein Team stellen sich nun auf vermehrte Operationen ein, vor allem im Bereich Darmkrebs.

Besonders kräftezehrend war es für den Chefarzt während der ersten Corona-Welle. Die Ärzte der Klinik durften nicht alle geplanten Operationen durchführen. Wer ein Notfall war und zeitnah operiert werden musste, entschieden Meuschke und seine Kollegen.

Er habe sich viel mit anderen Ärzten ausgetauscht, aber dennoch war es psychisch sehr belastend für ihn. „Ich konnte nicht richtig abschalten. Corona war ja überall und nicht nur in der Klinik“, erklärt er.

Vor allem in dieser Zeit habe er am besten beim Sport den Kopf freikriegen können. „Wir haben eine Mucki-Bude zu Hause, da trainiere ich nach dem Laufengehen gerne mit meinem Sohn.“ (kir)

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