Am Freitag kamen die Panzer

Kriegsende: Ende März 1945 erreichten die Amerikaner die Schwalm

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Luftangriff: Am Ende des Zweiten Weltkriegs bombardierten die Alliierten den Militärflugplatz Rörshain. Bis heute vermutet der Kampfmittelräumdienst dort Blindgänger.

In Treysa war am 28. März 1945 Major Josef Boll eingetroffen, der vom Oberkommando des Heeres beauftragt war, in Hessen an der Reorganisation zerschlagener Divisionen des Westheeres mitzuwirken.

Als er seine Vorgesetzten von der aussichtslosen Lage unterrichtete, erhielt er jedoch den Befehl, Treysa unter allen Umständen zu halten. Verstärkung wurde versprochen.

Gegen 7.30 Uhr am Morgen des 30. März (Karfreitag) rückten amerikanische Panzer, von Kirchhain und Stadtallendorf her kommend, gegen Treysa vor. 

In Kirchhain hatte ein fanatischer Hauptmann mit einer Anzahl junger und schlecht ausgebildeter Leute eine Verteidigungsstellung aufgebaut. 42 Menschenleben kostete der heftige Kampf. 

Sinnloser Kampf in der Stadt

Fast hätte sich dieses Drama vor Treysa wiederholt. Ein junger Leutnant mit etwa 50 Halbgenesenden, schlecht bewaffneten Verwundeten und Kranken, war entschlossen, die Stadt zu verteidigen. Dieser verblendete Offizier hatte tags zuvor Schreinermeister Justus Merz die Erschießung angedroht, weil dieser in Vertretung des erkrankten Bürgermeisters sich dafür eingesetzt hatte, die Stadt mit Rücksicht auf drei hier vorhandene Lazarette kampflos zu übergeben. 

Kriegsende in der Schwalm: Die Amerikaner rückten ab 28. März in Richtung Schwalm vor. Wo genau dieses Foto entstanden ist, ist nicht bekannt. 

Währrend des kurzen, sinnlosen Gefechts in der Wierastraße wurden zwei Stallgebäude in Brand geschossen und zwei Soldaten getötet. Danach kapitulierte die Stadt. Alle noch vorhandenen Soldaten wurden auf dem Marktplatz gesammelt und galten als Gefangene.

Inzwischen näherten sich die Amerikaner über die heutige Friedrich-Ebert-Straße Ziegenhain. Der Hauptteil bog aber an den Gerichtsbäumen nach Allendorf/L. ab. Nur drei Panzer fuhren gegen 10 Uhr über die Hessenallee in die Stadt. 

Deutscher Panzer wird abgeschossen

Auf der Höhe der Metzgerei Effenberger wurden sie von einem deutschen Panzer beschossen. Nach der Zerstörung dieses Geschützes war auch der Krieg für Ziegenhain zu Ende. Eine Frau, die während des ungleichen Kampfes in Panik einen Keller verlassen hatte, wurde schwer verletzt und starb. 

Todesmarsch der Zwangsarbeiter

Am 28. März durchquerten in der Dämmerung mehrere tausend Frauen Ziegenhain, ungarische Jüdinnen, Zwangsarbeiterinnen aus der Munitionsfabrik in Allendorf auf einem Todesmarsch. Viele flohen und versteckten sich in den Häusern. 

Foto zeigt einen amerikanischen Soldaten nach der Befreiung der Munitionsfabrik in Stadttallendorf vor einem mit Erdauflage getarnten Trockenhaus.

Ein Zeitzeuge, Heinrich Meyer aus Bremen, wohnhaft Wiederholdstraße 1, berichtet: „Sie waren mangelhaft bekleidet, meist hatten sie über dünnen Kleidern nur helle Gummiregenmäntel. Die Schuhe waren zumeist zerfetzt. Heute (Donnerstag) schon hat sich das Bild gewandelt. Die Mädchen sind hier und in Niedergrenzebach in allen Familien untergebracht und die Bevölkerung im Ganzen mit dem Verhalten der Mädchen zufrieden. Sie sind anstellig, über das Mittelmaß hinaus gebildet (Studentinnen) und greifen im Haushalt tüchtig zu.“

Gefängnis wird geräumt

Ein anderer Strom gequälter Menschen wurde am Donnerstag zum Nordbahnhof geführt. 2000 Gefangene aus dem Zuchthaus Ziegenhain, zumeist wegen Vergehen gegen das NS-Regime verurteilt, sollten evakuiert und auf andere Gefängnisse verteilt werden. 

Ihre wochenlange Irrfahrt durch Deutschland in Viehwaggons endete in Hamburg, wo sie von den Engländern befreit werden. Der Zeitzeuge berichtet weiter: „Mittwoch: Auf der Wiese hinter der Polizeistation werden Hakenkreuzfahnen verbrannt. Schneidermeister Schindler und Schuster Greza, ein treuer Katholik, entfernten die für 1000 Jahre an ihren Häusern befestigten Stürmerkästen.“ Bürgermeister Simon hatte sich mit dem Fahrrad aus dem Staub gemacht, Landrat Wisch auf einem Auto des Postamtes Treysa.

Zeitzeuge erinnert sich

Meyer: „Die französischen Kriegsgefangenen, die Judenmädchen aus Budapest sammelten sich an den Straßenrändern und mit begeistertem Winken mit Händen und Tüchern begrüßten sie ihre Befreier. Wir hielten uns beschämt und traurig im Hintergrund.“ Vielleicht waren er und andere auch beschämt und traurig angesichts des militärischen Potentials der Amerikaner darüber, dass sie sich auf das kriegslüsterne NS-Regime eingelassen hatten.

VON BERND LINDENTHAL

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