Eine Stadt liegt im Koma

Künstlerin Dagmar Sippel berichtet aus Paris

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Menschenleer: Am Boulevard Berthier im 17. Bezirk in Paris lebt die aus Treysa stammende Künstlerin Dagmar Sippel.

Seit inzwischen mehr als 33 Jahren lebt die aus Treysa stammende Künstlerin Dagmar Sippel in Paris. „Die sonst so lebendige Stadt liegt derzeit im Koma“, berichtet die Fotografin.

 „Es ist eine vollkommen neue Situation, surrealistisch, abenteuerlich, still. Nach den Gelbwestenprotesten, den Streiks im Januar und Februar, halte jetzt das Coronavirus in Atem „Oder besser: es nimmt, raubt uns den Atem“, meint die 58-Jährige.

Mit ihrem Mann wohnt sie an der Porte de Champerret, in der Boulevard Berthier im 17. Stadtviertel von Paris. Von ihrem Balkon aus blickt sie auf eine normalerweise extrem viel befahrene Kreuzung. Jetzt ist sie lautlos und menschenleer.

Nach der letzten Bilanz in Frankreich vor ihrem Bericht aus Paris seien es 60 000 Erkrankte gewesen, 4000 Todesfälle, 500 in den Krankenhäusern kämen noch dazu in den vergangenen 24 Stunden.

6000 Menschen befinden sich derzeit auf der Reanimations- Wiederbelebungsstation in ganz Frankreich. Von 25 000 offiziell gezählten Patienten seien 11 000 geheilt und entlassen (Anmerkung der Redaktion: Stand Freitagmorgen).

Zahlen und Statistiken machen Angst

All diese Zahlen, Ziffern und Statistiken empfindet sie als sehr beängstigend, Millionen von Masken fehlen, Medikamente werden knapp, es fehlen Betten und Atemgeräte. Die Pariser Krankenhäuser und das Personal seien überlastet, einige der Schwerkranken würden in Narkose per Zug in andere Krankenhäuser transferiert, um Platz für all die neuen Fälle zu schaffen.

Herzlichst: Jeden Abend um 20 Uhr klatscht Dagmar Sippel in Paris vom Balkon aus für die Menschen, die jeden Tag ihr Leben riskieren, um anderen zu helfen. „Von ganzem Herzen“ applaudiere sie, sagt die Künstlerin.

Die angeordnete Ausgangssperre werde ziemlich gut eingehalten, ist ihr Eindruck. Wolle man das Haus verlassen, benötigen die Franzosen derzeit eine Computer ausgedruckte Erlaubnis, mit Personalausweis und Nachweis des Wohnsitzes. Man darf sich maximal einen Kilometer entfernen, muss die genaue Uhrzeit angeben und selbstverständlich darf der Zettel nicht mit Bleistift ausgefüllt werden.

Die Polizei kontrolliert und wenn man sich nicht an die Vorschriften hält, muss man 135 Euro Strafe zahlen.

Applaus für Helfer 

Am besten geht man alleine oder in Abständen von einem Meter, berichtet Dagmar Sippel. Die öffentlichen Gemüsemärkte seien derzeit alle verboten und im Supermarkt warte man ganz brav und artig, bis man an der Reihe ist. „Nach meiner ganz persönlichen Erfahrung funktioniert das alles sehr gut. Ausnahmen soll es geben, wie von anderen berichtet wird.“

Jeden Abend um 20 Uhr, stehen sehr viele Pariser in den Fenstern oder auf den Balkonen und klatschen drei Minuten lang. Das sei der verdiente Applaus für all die Krankenschwestern, Ärzte, und Personal, für all diejenigen, die jeden Tag ihr Leben riskieren, um andere zu retten. „Ich finde, dies ist eine sehr schöne Geste und applaudiere jeden Abend mit sehr viel Elan von unserem Balkon aus mit. Von ganzem Herzen“

Von Sylke Grede

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