Die Schwalm

Lieber in den Fluss als in die Badeanstalt: Erinnerungen an Planschspaß, aber auch tödliche Unfälle

Baden in der Schwalm, im Hintergrund Treysa: Das Foto soll um 1950 entstanden sein, Näheres ist nicht bekannt.
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Baden in der Schwalm, im Hintergrund Treysa: Das Foto soll um 1950 entstanden sein, Näheres ist nicht bekannt.

Die Schwalm ist vor allem der Namensgeber der Region Schwalm mit ihrer einzigartigen Tracht und bäuerlichen Kultur. In unserer Serie steht das Gewässer selbst im Zentrum, heute geht es um ihre Badequalitäten.

Treysa/Ziegenhain – Flüsse sind für die Menschheit Wasserstraßen und Wasserreservoirs, sie sind Energiequelle und Nahrungslieferant, aber sie laden auch schon immer zum Waschen sowie zum Spielen, Waschen sowie im Winter manchmal zum Eislaufen und im Sommer zum Baden ein.

Marianne Friauf aus Treysa

Dass es mehrere schriftlich fixierte Erinnerung ans Schwimmvergnügen in Treysa gibt, ist Marianne Friauf aus Treysa zu verdanken. Vor Jahren regte sie in einem kirchengemeindlichen Kreis an, Badegeschichten zu erzählen. In einem dicken Ordner sin d sie heute zusammen mit vielen anderen Erinnerungen nachzulesen.

Im Archiv des Stadtgeschichtlichen Arbeitskreises (Altes Hospital) wird übrigens ein Duplikat der Sammlung verwahrt. Dort erhielten wir auch die hier abgedruckten Schwarz-Weiß-Fotos.

Auch diese Aufnahmen zeigen Badespaß an und in der Schwalm bei Treysa, sie sollen aus den 1930er Jahren stammen.

Das Bombenloch der Schwalm

Marianne Friauf lebte selbst seit Herbst 1945 in Treysa, im Sommer 1946 schwamm sie, zusammen mit einer Freundin, zum ersten Mal in dem Gewässer. Glücklicherweise kam es alsbald nicht zu einer Tragödie, als sie einer fünf Jahre alten Verwandten das Schwimmen beibringen wollte: Am sogenannten „Bombenloch“, das nicht gesichert oder markiert war, hatte die heute 91-Jährige den Grund verloren und geriet mehrmals unter Wasser, ebenso das kleine Mädchen, das über Wasser zu halten die junge Marianne mit aller Kraft versuchte. Glücklicherweise habe das ein Jugendlicher am Ufer bemerkt, „er sprang mit Kopfsprung in die Schwalm, nahm mir das Kind aus den Händen und brachte es ans Ufer. Ich konnte mir selbst helfen“.

In der Sammlung erzählt Ursula geb. Billeck übers Schwimmenlernen in der Schwalm: „Wir rissen am Ufer Schilf aus, packten es zu einem Klumpen unter den Bauch und dann wurde geübt.“ Wer einen Fahrradschlauch hatte, wurde beneidet. „Ins Wasser kamen wir, indem wir auf dem Hintern die Flussufer runter rutschten, das waren richtige Knatschrutschen. Und raus kamen wir wieder im Knatsch an anderer Stelle und waren immer dreckig. Gefährlich war das Bombenloch in der Schwalm. Da ging es plötzlich ganz steil und tief runter.“

Auch diese Aufnahmen zeigen Badespaß an und in der Schwalm bei Treysa, sie sollen aus den 1930er Jahren stammen.

Immer wieder tödliche Unfälle

Es sind auch immer wieder tödliche Unfälle belegt. Marianne Friauf berichtet, dass vor der Eisenbahnbrücke ein Kind der Familie Gsänger und eines der Familie Faßbender ertrank. Namentlich überliefert ist Eberhard Jaguste, der mit neun Jahren in der Schwalm umkam. Und „am 30. Juni 1925 ertrank August Knoch, ein Kind vom Lokführer Karl Knoch“. Im städtischen Schwimmbad [in der Schmelzau] ertrank ein Kind von Dr. Wittneben, so ihre Aufzeichnungen.

Hildegard Dengler geb. Kohl beschreibt dieses öffentliche Bad auch: „Vor dem Krieg baute die Stadt ein Schwimmbad neben der Walkmühle im Wiesengrund. Leider war das undicht, weil es auf Treibsand stand. Es hatte keine Treppe, nur eine Schräge, und die war immer glitschig. Überhaupt war alles immer moosig mit abgestandenem Schwalmwasser.“ Die Kinder badeten eigentlich lieber in der fließenden Schwalm.

Erinnerungen an Badetage

Das weiß auch Renate Müller geb. Hofmann, Jahrgang 1936, noch: In Ziegenhain war der „Zusammenfluss“ ein beliebter Treffpunkt zum sommerlichen Wasserspaß, obwohl es das Schwimmbad am Badeweg, heute Fischzuchtbecken, schon gab. „Hier konnten wir, meine Freundin Ursel Bock und ich, stehen, und taten mit rudernden Armen so, als könnten wir schwimmen.“ Denn wirklich Schwimmer seien damals die wenigsten Kinder gewesen.

Das Schwimmbad am Badeweg Ziegenhain wurde, solange es in Betrieb war, mit Schwalmwassser gespeist. Bis heute erzählen sich die, die es noch besuchten, von Schlangen, die manchmal gesichtet wurden, und vom grünlich-trüben Nass.

Renate Müller aus Obergrenzebach

Zurück nach Treysa: Elsbeet Haaß erzählte, dass ihr Großvater einen ersten, komfortablen Badesteg baute, die Grundstücke der Brauerei grenzten an die Schwalm. Drauf setzte man eine hölzerne Kabine, die aber nicht allgemein genutzt werden durfte, „die anderen Leute zogen ihre Badesachen hinter Weidenbüschen an“, die Frauen waren in „Vollkleidung“. Dass die Jünglinge es wagten und sich anschlichen, um durch ein Astloch in die Kabine spähen zu können, ist in den 1920er Jahren nicht anders gewesen als noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg im Ziegenhainer Bad.

In der Schwalm Schwimmen gelernt

Dr. Hans-Joachim Zeiß (Treysa) schreibt auf HNA-Anfrage: „Ich habe Schwimmen als Fünf- bis sechsjähriger in der Schwalm gelernt, und zwar unterhalb des Häuschens der Farbwerke. Dort hatten einige eifrige Schwimmer an beiden Schwalmufern jeweils ein Treppchen gebaut, sodass man mühelos ins Wasser gelangen konnte. Meine Eltern und ich sind bei schönem Wetter im Sommer jedes Wochenende dort gewesen.“

Zweifellos wurde auch an vielen anderen Stellen der Schwalm traditionell gebadet. In jüngster Zeit – vor der Pandemie – war der sicherlich lebhafteste Betrieb in Loshausen während der World Music Festivals.

Die Wasserqualität dürfte heute wieder eine Güte haben, die Baden erlaubt, trotzdem sind die Badeseen in der Gegend klar die weitaus beliebtere Wahl für Menschen, die in der Natur schwimmen wollen. (Anne Quehl)

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