Gutachter gefragt

Prozess: Mann soll Marder mehrfach mit Motorrad überfahren haben

Schwalmstadt. Für die einen war es brutale Tierquälerei, für die anderen wurde ein bereits schwer verletztes Tier von seinem Leiden erlöst.

Zwei Welten prallten im Amtsgericht Treysa aufeinander. Die Staatsanwaltschaft hatte einem Mann aus dem Altkreis Ziegenhain vorgeworfen, mit Absicht einen Marder mit einem Motorrad mehrfach überfahren und das Tier zum Schluss mit einem Beil erschlagen zu haben. Dabei war der 62-jährige Mann von einem jungen Paar beobachtet worden, das vom Vorfall sichtlich erschüttert Anzeige erstattet hatte.

Der Angeklagte sah den Sachverhalt ganz anders. Das Tier habe regungslos vor der Hofeinfahrt seiner Freundin gelegen. Er selber hätte den Marder gar nicht gesehen, eine Nachbarin habe ihn erst darauf aufmerksam gemacht.

„Erst habe ich versucht, den Marder vom Gebäude wegzudrängen, dann habe ich mit der stumpfen Seite zugeschlagen, bis das Tier tot war.“

„Ich vermutete sofort, dass das an der Straße stehende Pärchen das Tier mit dem Auto angefahren hatte. Die standen wie angewurzelt neben ihrem Auto“, berichtete der Mann dem Gericht seine Version. Er sei dann mit dem Motorrad an das Tier herangefahren und habe es leicht mit dem Vorderrad angestupst: „Das Tier hat sich aber nicht bewegt. Erst als ich weggefahren bin, hat es sich weiter in den Hof geschleppt.“

Als der Marder dann durch das offene Kellerfenster in das Wohnhaus zu flüchten drohte, ergriff der 62-Jährige ein Beil: „Erst habe ich versucht, den Marder vom Gebäude wegzudrängen, dann habe ich mit der stumpfen Seite zugeschlagen, bis das Tier tot war.“ „Sie wollten es dann quasi erlösen oder wie?“, hakte der Vorsitzende Richter noch mal nach, woraufhin der sichtlich angespannt wirkende Angeklagte bejahend nickte.

Auf die Frage der Staatsanwältin, warum er denn keinen Jäger oder eine andere kundige Person gerufen habe, antwortete der Mann achselzuckend: „Es war halt eine Notsituation.“

Als weitere Zeugen befragte das Gericht das junge Pärchen, das die Sache mit einer Anzeige erst ins Rollen gebracht hatte. Das Tier sei lebendig und wach gewesen, schilderte die 22-jährige Zeugin die Situation im vergangenen Sommer: „Ich dachte noch, oh wie süß. Dann kam der Angeklagte und ist dann mit aller Kraft vor und zurück über den Hals gefahren.“ Zum Schluss habe der Mann das fliehende Tier wie ein „Bekloppter mit dem Motorrad verfolgt und auf voller Länge überfahren“. „Ich war tagelang fix und fertig, es war furchtbar“, erzählte die angehende Heilerziehungspflegerin immer noch empört. Ihr Freund bestätigte die Aussage.

Auf die Nachfrage des Verteidigers, an welcher Körperstelle der Angeklagte den Marder überfahren habe, sagten beide übereinstimmend: Am Hals. Der Anwalt wandt sich daraufhin an den Richter und stellte den Antrag auf ein Gutachten, welches klären solle, ob ein Marder überhaupt noch leben würde, wenn ihm ein Motorrad mehrfach über das Genick fährt.

Das Gericht nahm den Antrag der Verteidigung an und vertagte die Verhandlung: „Mal sehen ob wir jemanden finden, der uns dazu etwas sagen kann“, sagte der Vorsitzende. Unabhängig vom Ergebnis des Gutachtens bleibt der Vorwurf der Tierquälerei bestehen.

Von Matthias Haaß

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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