Bundestag lehnt Widerspruchslösung ab

Ärzte zur Organspende-Debatte: Jede Entscheidung besser als keine

Transplantationsbeauftragte aus dem Schwalm-Eder-Kreis haben mit Spannung die Entscheidung im Bundestag verfolgt. "Jede Entscheidung ist besser als keine", lautet das Fazit.

  • Transplantationsbeauftragte nehmen Stellung zur Bundestagsentscheidung.
  • "Erweiterte Zustimmungslösung" laut Experten die zweitbeste Variante.
  • Rund 9000 Menschen in Deutschland warten auf ein Spenderorgan.

Die Entscheidung im Bundestag über die Neuregelung der Organspende haben sie teils live am Bildschirm verfolgt. Die Enttäuschung darüber, dass der Vorschlag zur Widerspruchslösung abgelehnt wurde, machte dann doch so etwas wie verhaltene Freude Platz bei Dr. Andreas Hettel und Dr. Matthias Zwinger.

Neuregelung der Organspende in Deutschland: Freude auch über kleine Verbesserung

Freude darüber, dass die Überlebenschancen von derzeit 9000 Menschen zumindest ein wenig verbessert werden. So viele warten in Deutschland dringend auf ein Spenderorgan. Dialyse-Patienten, die auf eine Niere warten, seien dabei gar nicht eingerechnet. 

Zum Vergleich: Voriges Jahr spendeten in ganz Deutschland 932 nach ihrem Tod ein oder mehrere Organe. In der Asklepiosklinik in Ziegenhain als zugelassenem Entnahmekrankenhaus gab es in den zurückliegenden drei Jahren zwei Entnahmen. Erst im Dezember vergangenen Jahres habe es eine Organspende in Fritzlar gegeben, berichtet Dr. Carsten Bismarck, Medizinischer Geschäftsführer der Klinik. „Dabei wurde drei Menschen das Leben gerettet.“

Experten zru Organspende-Regelung: "Erweiterte Zustimmungslösung" ist ein Fortschritt

Die am Donnerstag (16.01.2020) in Berlin beschlossene „erweiterte Zustimmungslösung“ ist für die Transplantationsbeauftragten bei Asklepios zumindest die zweitbeste Variante, Gesundheitsminister Spahns Widerspruchslösung hätten sie besser gefunden. Hettel und Zwinger werten aber die derzeit breite Diskussion als einen Schritt nach vorn, jede Regelung über die bisherige hinaus sei erstmal nicht schlecht.

Sie betrachten es als Fortschritt, dass sich jeder mit der Thematik auseinandersetzen muss, spätestens durch die aktive Abfrage alle zehn Jahre. Dabei setzen sie nicht nur darauf, dass die persönliche Entscheidung pro Spendenbereitschaft ausfällt. Auch eine klare Ablehnung kann aus der Erfahrung von Hettel und Zwinger im Fall des Falles sehr hilfreich sein – für die Angehörigen genauso wie für die Mediziner.

Schließt ein Mensch Organspende für sich selbst ausdrücklich aus, müssen sich die Angehörigen der womöglich schweren Entscheidung nicht stellen. Ein fehlender Wille hingegen bedeute für die Angehörigen im Ernstfall eine schwere Bürde, viele seien damit völlig überfordert.

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Es fehlen tausende Organspender in Deutschland: Im zurückliegenden Jahr (Stichtag: 31.12.2019) warteten mehr als 9000 Menschen auf ein Spenderorgan, doch nur die Organe von 932 Menschen konnten entnommen werden. In Deutschland ist das Verfahren bislang so geregelt: Organe und Gewebe werden nur dann gespendet, wenn der Verstorbene zu Lebzeiten zugestimmt hat, ansonsten entscheiden die Angehörigen. Damit es künftig mehr Organspender gibt soll sich die Regelung ändern. Die Abgeordneten im Bundestag entscheiden sich heute zwischen zwei Entwürfen: Der Erste sieht eine doppelte Widerspruchslösung vor. Das heißt: Jeder wird automatisch zum Organspender, wenn er dem zu Lebzeiten nicht widersprochen hat. Dafür soll es ein bundesweites Register geben. Der zweite Entwurf setzt auf eine ausdrückliche Zustimmung zur Organspende. Dafür sollen alle Bürger regelmäßig befragt werden, z.B. beim Abholen von Ausweispapieren, ob sie nach ihrem Tod Organe spenden wollen. #tagesschau #deutschland #organspende #bundestag

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Thema Organspende ist oft erst zu spät ein Thema

Bislang, so wissen sie, beschäftigen sich viele erst dann ernsthaft mit dem Thema, wenn eine eigene Betroffenheit entstanden ist – viel zu spät. Die meisten Menschen würden sich einfach drücken, die Entscheidung, sich zur Organspende bereitzuerklären, vermeiden. Das liege vor allem an fehlenden oder falschen Informationen.

Organspende: Unsicherheit beim Thema Hirntod

Im Mittelpunkt der Unsicherheit vieler steht die Definition des Hirntods, so die Erfahrung der Leitenden Notärzte. Dabei, so betonen beide, herrschen strikte Reglements und ein strenges Protokoll. Bei der Feststellung des Hirntodes bedürfe es einer ganzen Reihe von Nachweisen. Als Ärzte des Entnahmekrankenhauses sind sie selbst von den Untersuchungen ausgeschlossen, dürfen die Prozesse nur begleiten.

Die Anzahl der Organspenden in Ziegenhain – zwei in drei Jahren – finden Anästhesist Hettel und Internist Zwinger vergleichsweise nicht sehr gering, sie sei im Verhältnis zu manchem Maximalversorger durchaus achtbar.

Aufklärung über Organspende ist wichtig

Hettel, Chefarzt der Anästhesie, Intensiv- und Notfallmedizin: „Weil so wenige als Spender infrage kommen, ist es so wichtig, dass sich möglichst viele bereit erklären. Das sei vergleichbar der Knochenmarkspende – da sei die Chance, den genetischen Zwilling zu finden, ähnlich winzig. „Erklären sich mehr Menschen bereit, wachsen die Chancen.“ Aufklärung ist für beide deshalb ein sehr wichtiges Anliegen, gerne gehen sie dazu in Schulen oder bieten Veranstaltungen an.

Transplantationsbeauftragte bei Asklepios: Dr. Andreas Hettel und Dr. Matthias Zwinger.

Fragen und Antworten zur Organspende und den streng kontrollierten Abläufen

Wird bei tödlich Verunglückten am Unfallort nach einem Organspendeausweis gesucht?

Nein, nur Menschen, die in einer Klinik gestorben sind, können potenziell Organe entnommen werden. Das verbreitete Bild vom jungen Motorradfahrer, für den es am Unfallort keine Hilfe mehr gab und der nun Spender sein könnte, ist falsch. Die Entscheidung braucht viel Zeit und kann nur auf der Intensivstation getroffen werden.

Können Hirntote ins Leben zurückkehren?

Nein. Dr. Matthias Zwinger: „Man kann 100-prozentig sicher sein.“

Wer kann Spender sein? 

In der Regel Menschen mit einer primären oder sekundären Gehirnschädigung, ausgelöst zum Beispiel durch Schlaganfall oder Hirnblutung, medizinisch heißt das dann „irreversibler Hirnfunktionsausfall“ – es gibt kein Zurück ins Leben.

Was ist die Aufgabe der Transplantationsbeauftragten der Klinik? 

Sie müssen potenzielle Spender identfizieren, die Feststellung des Hirntodes oder gar die Organentnahme ist ihnen nicht gestattet. Weil sie beteiligt sind, müsssen sie dabei außenvorbleiben.

Wer kann kein Spender sein? 

So sieht ein Organspendeausweis aus.

Es gibt zunächst wenige Ausschlusskriterien, zum Beispiel kann auch ein alter Mensch geeignet sein. Aber Spender können festlegen, welches Organ oder Organe entnommen werden dürfen. Aber Menschen, die zum Beispiel an Organversagen gestorben sind, können nicht Spender werden. Auch Krebserkrankungen stellen ein Ausschlusskriterium dar, um den Empfänger zu schützen.

Wer entnimmt die Organe, wenn es die Ärzte der Klinik nicht dürfen? 

Es kommen externe Entnahmeteams vor Ort, es ist zumeist auch das Team, das das Organ verpflanzen wird. Die gesamte Logistik der Anreise in der Luft und auf dem Boden sowie des Transports der Organe ist exakt durchgeplant. Wenn eine Organspende ansteht, beginnt ein „riesiger logistischer Aufwand“, so Dr. Andreas Hettel. Parallel zur Entnahme läuft im Transplantationszentrum, in dem sich der Empfänger befindet, die Vorbereitung.

Wer koordiniert das in Deutschland? 

Die DSO (Deutsche Stiftung Organtransplantation) ist die bundesweite Koordinierungsstelle für die postmortale Organspende (nicht die Lebensspende). Sie organisiert alle Schritte des Organspendeablaufs von der Mitteilung eines möglichen Spenders in einem Krankenhaus bis zur Übergabe der Organe an die Transplantationszentren. „Ein hervorragendes, logistisch ausgefeiltes System“, so Hettel und Zwinger.

Gibt es auch internationale Wege? 

Eurotransplant ist heute die Vermittlungsstelle für Organspenden in acht Staaten, den Benelux-Ländern, Deutschland, Österreich, Slowenien, Kroatien und Ungarn.

Ist ein weiter Transport möglich? 

Bedingt, die Zeit ist begrenzt, bei Herz und Lunge bleiben nur vier bis sechs Stunden, Leber und Niere länger.

Was passiert mit einem Hirntoten bis zur Entnahme? 

Sein Körper wird auf der Intensivstation weiter gepflegt, die Organfunktionen künstlich erhalten. Dies wird in speziellen Seminaren geschult, nicht alle Intensivpfleger sind dazu in der Lage, sie dürfen es ablehnen. „Die Pflege eines Toten belastet“, so Matthias Zwinger.

Videografik: So funktioniert die Organspende

Drei Organentnahmen im Landkreis Schwalm-Eder seit 2017

  • Die statistische Kurve von Organspenden entwickelt sich in Hessen seit 2010 schlecht. Waren es damals 95 Fälle, betrug der Wert voriges Jahr 60, 2018 wurden hessenweit 62 postmortale Spender verzeichnet, besagen Zahlen der Deutschen Stiftung Organspende (DSO).
  • In Ziegenhain wurden in den zurückliegenden drei Jahren zweimal hirntoten Menschen Organe entnommen. Auch dort vor Ort gibt es auch ausgeklügelte Ablaufpläne bis hin zur Ausleuchtung des Flugplatzes am Damm. Direkt vor der Klinik reihen sich im Ernstfall mehrere Fahrzeuge auf. Es geht um den Transport der Verpflanzunsteams und den Abtransport der entnommenen Organe und größtem Zeitdruck. In Fritzlar gab es im Dezember 2019 eine Entnahme.
  • 36 Prozent haben einen Organspendeausweis. Auf diesem kann man einer Organ- und Gewebespende zustimmen, sie ablehnen oder nur bestimmte Organe und Gewebe freigeben. Zudem kann eine Person benannt werden, die über eine Organ- und Gewebespende entscheiden soll. Es gibt ihn kostenlos unter organspende-info.de.
  • Auch nach dem Beschluss des Bundestages bleibt es bei der Rechtslage, der sogenannten Entscheidungslösung: Eine Organspende ist grundsätzlich nur dann möglich, wenn der mögliche Organspender zu Lebzeiten eingewilligt hat oder sein nächster Angehöriger zustimmt. Neu kommt ein bundesweites Register, Ausweisstellen werden eingebunden, Hausärzte sollen alle zwei Jahre ergebnisoffen beraten.

Die Umstellung des Organspende-Gesetzes ist nicht so groß wie von manch einem erhofft - doch auch mit dem neuen Organspende-Gesetz gibt es Änderungen.

Noch keinen Organsendeausweis - kein Problem: Hier kann man den Organspendeausweis kostenlos herunterladen.

Rubriklistenbild: © Anne Quehl

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