Ein ganz besonderes Gewässer

Paradies für die Pionierart: Flussregenpfeifer ist an der Schwalm heimisch

Renaturierung zieht seltene Vögel an: Jörg Haafke, Landschaftsplaner und Naturschützer, freut sich über die Ansiedlung des Flussregenpfeifers – er ist auch Teil des Wildtierparcours im Rückhaltebecken.
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Renaturierung zieht seltene Vögel an: Jörg Haafke, Landschaftsplaner und Naturschützer, freut sich über die Ansiedlung des Flussregenpfeifers – er ist auch Teil des Wildtierparcours im Rückhaltebecken.

Die Schwalm, fast 100 Kilometer lang, ist auch und vor allem der Namensgeber der Region Schwalm mit ihrer einzigartigen Tracht und bäuerlichen Kultur. In unserer neuen Serie steht das Gewässer selbst im Zentrum.

Schwalm – In den Auen entlang der Schwalm gibt es viel zu sehen, zu erleben und noch mehr zu hören: Stetes Vogelgezwitscher erfüllt die Luft, in der Ferne sammeln sich die ersten Störche zum Zug in den Süden – in diesem Serienteil widmen wir uns der Fauna der Schwalm. Und die ist spannend, faszinierend und vielfältig.

Überlebensgroß beispielsweise lässt sich am renaturierten Bereich der Schwalm nahe Treysa der Flussregenpfeifer bewundern – der heimische Vogel ist Teil der „Schwalm statt Safari“ und selten. „Der Vogel ist typisch für ungebändigte, größere Fließgewässer. Er bewohnt Schotterbänke und vegetationsarme Untergründe“, erklärt der Landschaftsplaner und Tierschützer Jörg Haafke. Damit ist der Flussregenpfeifer eine Pionierart – „er besiedelt ein Gebiet als erster und fühlt sich dabei top getarnt“.

„Sie sehen aus wie laufende Kieselsteine“

Laut Haafke hat der Vogel, der auch in Kies- und Tongruben oder auf Industriebauten vorkommt, an der Schwalm bereits gebrütet. Denn am frisch renaturierten Teilstück findet der Vogel aktuell perfekte Bedingungen. Dass das allerdings so bleibt, dürfte eher schwierig werden. „Der Pflegeaufwand ist groß – dann müsste immer wieder für frische, angerissene Oberflächen gesorgt werden“, erläutert Haafke. In der Vogelkunde gehören die Regenpfeiferartigen zu den sogenannten Limikolen.

Typisch sind für sie unter anderem die langen Beine. „Offene Situationen sind für sie ein Paradies“, verdeutlicht der 64-jährige Willingshäuser, der sich seit vielen Jahrzehnten mit der Tier- und Vogelwelt beschäftigt. Als Nestflüchter würden sich die Nachkommen bereits nach kurzer Zeit im Freien bewegen – „sie sehen aus wie laufende Kieselsteine“. Für die Nahrungssuche – Insekten, Weichtiere, Larve – reichten schon Pfützen.

Vögel, Insekten, Biber, Bisamratten und sogar Otter leben an der Schwalm

Während die Renaturierung nun für einen fast wild anmutenden Bachlauf gesorgt hat, verläuft die Schwalm zwischen Schrecksbach und Treysa als Niederungsfluss eher gemächlich. In ruhigeren Bereichen lässt sich beispielsweise das Teichhuhn beobachten. Wo sich Röhricht entwickelt, dürfte die Rohrammer profitieren, erklärt Haafke, der besonders die Qualität der Auen hervorhebt: „Die Auen bieten perfekte Rastmöglichkeiten. Das ist in unseren waldreichen Gebieten hier in Waldhessen eher selten.“

Auch, dass sich die Störche in der Schwalm wohlfühlen, freut den Willingshäuser. „Es gibt für sie einfach genug gute Gründe, auch hier zu brüten.“ Deshalb möchte Haafke auch für Rücksicht bei den Spaziergängern werben. „Wer seine Hunde frei laufen lässt, scheucht rastende Vögel auf.“

Neben seltenen Vögeln wird die Fauna an der Schwalm von Bibern, Bisamratten und sogar Ottern bereichert. Letztere galten als ausgestorben. In einer Kartierung des Landes Hessen aus 2015 wurde der Fischotter an mehreren Punkten, meist unter Brücken, an der Schwalm per Losung nachgewiesen. Jörg Haafke hat die Tiere, deren Bejagung verboten ist, schon selbst gesichtet und berichtet von einem faszinierenden Schauspiel: „Fischotter bewegen sich im Wasser wie Delfine.“ In der Schwälmer Tracht wurde früher das Fell der seltenen Tiere verarbeitet – an der mit Goldlitze verzierten Otterfellmütze.

Schillernd anzusehen: Auch der auffällig bunte Eisvogel ist seit vielen Jahren an der Schwalm heimisch.

Libellen, Muscheln und der Eisvogel 

Typisch für die Schwalm sind auch Libellen – die Blauflügel-Prachtlibelle und die Gebänderte Prachtlibelle. Sie vermehren sich über die Eiablage in Wasserpflanzen. Auch gibt es Muschelvorkommen: In den langsam fließenden Abschnitten mit schlammigem Bodengrund leben Malermuschel, Kleine Teichmuschel und Schwanenmuschel.

Anmutig: Die Blauflügel-Prachtlibelle ist eine typische Fließgewässerlibelle.

Auch weist Jörg Haafke auf den Eisvogel hin, der an der Schwalm brütet. Die Bruthöhle legt der Vogel in ausreichend hohen Uferabbrüchen an. „Ich habe die Art nicht ausdrücklich im Kopf, obwohl sie gemeinhin als „Edelstein“ gehandelt wird – es ist ja auch ein ausgesprochen schöner Vogel –, jedoch würde ich ein solches Vorkommen an einem fischreichen Fließgewässer grundsätzlich als gewöhnlich ansehen“, erklärt er. Winterliche Verluste könne die Art durch bis zu drei Jahresbruten immer wieder schnell aufholen. Als repräsentative Art eines Brutvogels gilt der Kiebitz, auch der Wiesenpieper. Hin und wieder werde auch der Wachtelkönig gesichtet: „Er kommt alle Jubeljahre – und das ist eine große Freude“, sagt Haafke. (Sandra Rose)

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