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Pfarrer Dieter Schindelmann geht in Rente, Sohn Jonas startet in Oberaula

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Von: Sandra Rose

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Dieter Schindelmann und Jonas Schindelmann stehen nebeneinander in der Totenkirche.
Der eine geht, der andere kommt: Pfarrer Dieter Schindelmann (65) geht in Ruhestand. Sohn Jonas Schindelmann ist ebenfalls Pfarrer geworden und seit dem Sommer für Oberaula zuständig. © Sandra Rose

Nach mehr als 40 Jahren im Dienst der Kirchengemeinde Franz von Roques geht Pfarrer Dieter Schindelmann (65) in Ruhestand.

Schwalmstadt/Oberaula – Es war das Bild des Nachbars, der immer Zeit für ein Gespräch hat, das Dieter Schindelmann dazu motivierte, Theologie zu studieren. Auch wenn die Zeit manchmal knapp war im Alltag des Seelsorgers, so dürfte Dieter Schindelmann bei vielen Schwalmstädtern genau dieses Bild perfekt ausgefüllt haben – als Pfarrer und Wahl-Treysaer fand der 65-Jährige stets die richtigen Worte zur richtigen Zeit.

Empathisch, herzlich und manchmal unverfroren ehrlich. Und genau das wissen die, die ihn kennen, zu schätzen. Sein Wort wird weiter Gewicht haben in der Schwalm, auch wenn Schindelmann jetzt in Ruhestand geht – seinen finalen Gottesdienst hält er an Heiligabend an der Totenkirche, den er 1989 hier erstmals mit Gläubigen feierte. Eine Verabschiedung mit „ewig langen Grußworten“ hätte nicht zu ihm gepasst, sagt er.

Pfarrer Dieter Schindelmann trägt ein gelbes Shirt mit dem Aufdruck „Fußballgott“. In der Hand hält er einen Fußball.
Das Runde muss in das Gotische: 2006 warb der Pfarrer für die WM-Übertragung an der Ruine. © Ulrich Mendelin

Die Totenkirche ist für Dieter Schindelmann bis heute ein „magischer Ort“ – kein Wunder, schrieb er doch als „Baupfarrer“ ein Stück Geschichte weiter. Die Sanierung lag ab 1995 zusammen mit dem Förderverein und Bauverantwortlichen bis zu ihrem Abschluss in 2006 in seinen Händen.

Überschwänglich ist er nicht, der Schwälmer, aber verlässlich

Dieter Schindelmann

Schindelmann, der gebürtige Königsteiner und Sohn eines Schreiners, absolvierte bereits sein Vikariat in Treysa. Mit den Schwälmern ins Gespräch zu kommen, fiel ihm leicht, „aber meine Frau hatte anfangs furchtbares Heimweh“. Überschwänglich sei er nicht, der Schwälmer, gibt Schindelmann zu. „Aber verlässlich – wir haben gute Freunde gefunden.“

Dieter Schindelmann ist Mentor für seinen Sohn

Das gilt auch für die Schindelmann-Kinder, derer fünf an der Zahl. Sohn Jonas Schindelmann (35) ist ebenfalls Pfarrer geworden, auch wenn ihm der Vater eher nicht zugeraten hatte. „Zu schwer, die ganzen Ochsentour mit den Sprachen, lass das lieber“, hatte Dieter Schindelmann gesagt. Doch Jonas entschied sich statt des Sonderschullehramts für Theologie und hat es nicht bereut. Im Sommer ist er von seiner Pfarrstelle aus der Rhön nach Oberaula gewechselt, wohnt zusammen mit seiner Lebensgefährtin – Merzhausens Pfarrerin Katharina Betz – im Pfarrhaus des Willingshäuser Ortsteil.

Ob er sich manchmal Rat vom Vater holt? „Sicher, das mache ich. Er ist ein guter Mentor“, sagt der 35-jährige passionierte Läufer. Und Dieter Schindelmann, der ist ein bisschen stolz, das merkt man ihm an. „Beim Predigen bist du noch kreativer“, merkt er im Vater-Sohn-Gespräch an.

Dieter Schindelmann trägt eine blaue Latzhose. Im Getränkewagen hinter ihm steht Wolfgang Plag.
Teil der „Blueman-Group“: Beim Aufbau für den Kirchentag 2013, dahinter Wolfgang Plag. © Uli Köster/Kirchengemeinde

An viele besondere, immer freie Predigten werden sich die Schwalmstädter mit Dieter Schindelmann gern erinnern. Die Erinnerungen aus der eigenen Anfangszeit als Pfarrer sind dem 65-Jährigen bis heute präsent: „Die erste Pfarrerkonferenz vor 40 Jahren bestand aus zwei Frauen und ansonsten jeder Menge eloquenten Anzugträgern – da waren alle Rollen besetzt, vom Kasperl bis zum Star“, erzählt er. In Pfarrer Wolfgang Köster habe er einen tollen Mentor gehabt.

Schindelmann führte viele Trauergespräche

Freud und Leid, beides gehört zum Berufsbild des Pfarrers. 1000 Beerdigungen hat Dieter Schindelmann in seiner Amtszeit gemacht. „Sicher, vor den ersten Trauergesprächen hat man Herzklopfen, aber diese Gespräche sind einfacher, als man denkt“, sind sich Vater und Sohn einig. „Trauernde Menschen sind sehr offen und meist auch unendlich dankbar.“

Allerdings sagt Dieter Schindelmann heute: „Ich habe immer funktioniert, auch mir sehr nahe stehende Menschen beerdigt – das kostet zu viel Kraft. Das würde ich heute anders machen.“ Nicht selten Kurioses begegnete dem Pfarrer wiederum bei Hochzeiten: „Alles, was man aus Hollywoodfilmen kennt, gibt es auch in echt“, sagt er.

Ganz real ist auch die Totenkirche, in der Schindelmann jeden Winkel vom Sockel bis zur Kirchturmspitze kennt: „Und jeder Stein wurde von der HNA begleitet“, kommentiert er den Bau. Seine Rolle dabei werde überschätzt, sagt er augenzwinkernd: „Ich hab nur mit den Ergebnissen geglänzt.“

Dieter Schindelmann steht auf einer Holzleiter im Glockenturm der Totenkirche und blickt nach oben in die Kamera. Unter ihm ist Dr. Gerold Kreuter zu sehen.
Hier kennt der Pfarrer jeden Winkel: Dieter Schindelmann und Dr. Gerold Kreuter beim Aufstieg in den Glockenturm der Totenkirche. © Ulrich Mendelin

Jonas Schindelmann startet in Oberaula

Über seine aktuelle Rolle in Oberaula berichtet Jonas Schindelmann: „Ich muss die Scherben aufkehren und wieder Vertrauen wecken“, sagt er über die Kirchengemeinde, in der es mit seinem Vorgänger einige Probleme gab. Hoffnungsvoll sei aber der Start gewesen, mit guten Kontakten zur Schule, ersten Treffen mit Flüchtlingen und Aktivitäten wie dem Rübenschnitzfest.

Für Dieter Schindelmann bleibt Treysa auch im Ruhestand der Lebensmittelpunkt: Zeit für Hobbys wird sein, fürs Kanufahren, Fußballspielen, Bergwandern. „Ich werde mich ehrenamtlich engagieren, die Kirchengemeinde plant den Aufbau eines Hilfsnetzes. Und ich möchte gern das Schreinern lernen – also ein bisschen zurück zu den Familienwurzeln.“ (Sandra Rose)

Information

Der Abschiedsgottesdienst von Dieter Schindelmann ist am Heiligabend, 23 Uhr, an der Totenkirche, im Anschluss gesellige Runde mit Punsch, Glühwein und Gesprächen.

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