Wertvoller Überblick über das Wirken Karl Rumpfs

Schenkung für Schwälmer Heimatverbund: Ein Dokumentar der Volkskunst

16 Aktenordner für den Schwälmer Heimatbund: Birgit Roth, Leiterin des Archivs der Schwalm, präsentiert die umfangreiche Schenkung.
+
16 Aktenordner für den Schwälmer Heimatbund: Birgit Roth, Leiterin des Archivs der Schwalm, präsentiert die umfangreiche Schenkung.

In diesem Sommer übergab Karl Ludwig Bonitz, der Enkel des Architekten und Volkskundlers Karl Rumpf, ein Konvolut von 16 Aktenordnern sowie drei Bücher an den Vorsitzenden des Schwälmer Heimatbundes Peter Reuter.

Schwalm – Es handelt sich dabei um Fotos von Zeichnungen, die das Bildarchiv Foto Marburg für die Tochter von Karl Rumpf auf ihren Wunsch hin angefertigt hatte, nachdem sie die Originale an das Staatsarchiv Marburg abgegeben hatte. In dem umfangreichen Material, das nach Themen, wie z. B. „Stühle“, „Fachwerk, Kratzputz“, „Türen und Tore“, sortiert ist, befinden sich auch unzählige Fotografien von Gebäuden und bäuerlichem Gebrauchsgut.

Für Birgit Roth, Leiterin des Archivs der Schwalm, eine wertvolle Schenkung, die sicher von vielen Regionalforschern gerne genutzt wird, zumal Rumpf in der Schwalm einen Schwerpunkt seiner Arbeit hatte. Eine nach Gehalt und Umfang vergleichbare Übergabe, etwa 700 Bücher aus der Bibliothek von Prof. Friedrich Karl Azzola, so erinnert sich Frau Roth, liegt schon mehr als 10 Jahre zurück.

Karl Rumpf (1885-1968) aus Marburg war ausgebildeter Architekt und Volkskundler aus Passion (siehe Hintergrund). Die für damalige Planer und Baumeister unerlässliche Fähigkeit zu zeichnen besaß er als Talent im Übermaße und nutzte sie, indem er hunderte Zeugnisse alter bäuerlicher Handwerkskunst vor allem in technischen Aufnahmezeichnungen dokumentierte. Die Gruppe der Brautstühle aus der Schwalm hatte es ihm besonders angetan. Er hatte mit ihnen schon 1918 Bekanntschaft gemacht, als er die Sammlungen des Marburger Kunst- und Altertumsvereins betreute.

Architekt Karl Rumpf

Anerkannter Experte

Nach der Ausbildung an der Baugewerkeschule in Kassel studierte Karl Rumpf in Karlsruhe, Danzig und München Architektur. Während eines Aufenthaltes in Ägypten geriet er 1914 in Gefangenschaft und wurde in ein Lager nach Malta verbracht. Krankheitsbedingt wurde er 1916 gegen verwundete Engländer ausgetauscht. 1920 heiratete er Lina Spellerbeck und eröffnete 1926 ein eigenes Architekturbüro in Marburg. Bis ins hohe Alter hinein war er berufstätig und zugleich an volkskundlichen Themen interessiert. Die Philipps-Universität ehrte ihn 1955 mit der Ehrendoktorwürde. Seine lebenslange Sammelarbeit, die in zahlreichen Veröffentlichungen und der ungewöhnlich hohen Zahl an Skizzen und Reinzeichnungen ihren Niederschlag fand, hat ihm in der Reihe der hessischen Landes- und Volkskundler eine herausragende Stellung verschafft. red

Er zeichnete diese Denkmale bäuerlicher Kultur nicht nur akribisch, sondern deutete auch ihre geometrische Ornamentik und erkannte in ihnen ein ursprüngliches Rechtsmittel. Der Ehepartner wird durch Einbringen des mit seinem Namen bezeichneten Brautstuhls in den ihm bis dahin fremden Hof Miteigentümer.

Löffelkörbchen aus der Schwalm 1837, Zeichnung von Karl Rumpf aus dem Jahr 1918.

In der hessischen Kernlandschaft Schwalm mit ihren etwa 30 Dörfern war der Brautstuhl das Prunkstück des Kammerwagens, auf dem meist einige Wochen nach der Hochzeit der Hausrat des zuziehenden Teils der Eheleute eingeholt wurde. Die Brautstühle waren aus Buchenholz gefertigt, ihre Bemalung war mannigfaltig, bestand aber aus nur wenigen Farben. Die „papageienhafte Vielfalt“ der Farben kennzeichnet nach Rumpf den Verfall in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Lehne eines Schwälmer Brautstuhls von Anna Catharina Süßmann aus Leimbach 1843, Zeichnung Karl Rumpf.

In einem Brief an den Direktor des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg beschrieb Karl Rumpf seine beiden Leidenschaften 1936 wie folgt: „Mich geht ja eigentlich das nichts an und ich sollte lieber meine Gedanken auf meine Architektur und mein Bureau richten, das wäre meinem Einkommen dienlicher, doch es wohnen - ach, zwei Seelen in meiner Brust!

Karl Rumpf setzte sich intensiv mit den Dingen auseinander: hier das Schwälmer Butterfass.

Wenn ich mich prüfe, wem gilt nun meine größere Liebe, dem Bauen oder dem alten Handwerk?, so muss ich sagen: der Beruf des Architekten ist herrlich und es ist schon eine Freude, einen Bau wachsen zu sehen und ihn auszubauen, z. B. eine Dorfkirche neu zu bauen und jeden kleinen Farbton abstimmen zu können, jedes kleine Profil, dem Ganzen dienend, auszuwägen - doch wenn ich eine schöne alte Schreinerarbeit sehe und der Konstruktion, dem Schmuck nachgehe, dann kann ich Herzklopfen bekommen und ich ertappe mich immer mehr dabei, dass ich während der Arbeit mit meinen Gedanken nicht beim neuen Bauen, sondern beim alten Handwerk bin.“ (Bernd Lindenthal)

Interesse am ländlichen Leben

Objekte sollen dem kollektiven Gedächtnis bewahrt bleiben 

Neben den erwähnten Dorfkirchen (in Moischt, Linsingen, Birkenbringhausen und Simtshausen) hat Karl Rumpf Wohnhäuser gebaut sowie unter anderem das Verbindungshaus der Nibelungia (1927) und die Elisabeth-Klinik in Marburg, das Kriegerdenkmal in Kirchhhain (1921) und die Schulen in Caldern und Moischt. Einen größeren Auftrag erhielt er 1939 von der WASAG (Westfälisch-Anhaltische Sprengstoff AG) zum Bau von Betriebswohnhäusern, Wirtschaftsgebäuden, Garagen und dem Pförtnerhaus in Stadtallendorf und Neustadt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte er sich, wie Carl Bantzer und Otto Ubbelohde Jahrzehnte zuvor, vehement für den Erhalt alter Bürgerhäuser und Bauernhöfe ein. „Ich glaube, in einem Menschenalter ist von unseren hessischen Dörfern, wie wir sie lieben, nicht mehr viel zu sehen. Was der Krieg verschont hat, vernichtet der Grüne Plan und andere Unternehmungen zur Hilfe der Bauern“, klagte er 1962 in einem Brief. Umso fleißiger versuchte er durch zeichnen und fotografieren die Objekte dem kollektiven Gedächtnis zu bewahren.

Dabei bevorzugte er eindeutig die Zeichnung. Mit ihr könne er bei noch vorhandenen Farbspuren und mit zweifelfreien Ergänzungen „den Originalzustand auf dem Papier so wiederherstellen, wie er dem Handwerker bei der Herstellung vorgeschwebt hat“. Die Fotografie hingegen bilde nur den verbrauchten und beschädigten Erhaltungszustand ab. Karl Rumpf war an allen Zeugnissen deutscher Bauernkunst interessiert. Er dokumentierte Geräte aus der Flachsbereitung, Truhen, Kinderwiegen, Melkschemel, Wäscheklopfer, Lichtknechte und Blumenbänke ebenso wie Scheunentore, Haustüren, Haustreppen, Kratzputz, Grabsteine sowie Teile der Schwälmer Tracht und Weißstickerei. Besonders reizvoll fand er wohl die Schwälmer Löffelkörbchen, vielleicht weil sie in Konstruktion, Form und Schmuck den Brautstühlen nachgebildet sind und aus den Werkstätten der Brautstuhlmeister kommen.

Der Löffel wurde erst im 17. Jahrhundert allgemeines Essgerät. In der Schwalm aß man gemeinschaftlich aus demselben Napf, niemand benutzte einen Teller. Der Holzlöffel war mit dem Namen versehen und wurde nach der Mahlzeit mit dem „Brottuch“ sauber abgewischt und in das an der Wand hängende Löffelkörbchen eingesteckt. Im Zusammenhang mit einer großen Ausstellung von Zeichnungen von Karl Rumpf, die 1989 im Ballhaus am Schloss Wilhelmshöhe gezeigt wurde, erschien auch ein vollständiger Werkkatalog mit 1443 Arbeiten. red

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.