Schuhhaus Herche in Treysa wird 125 Jahre alt

Christian Herche

Treysa. Am Angel in Treysa, unmittelbar in der Altstadt, eröffnete Schuhmachermeister Wilhelm Herche im Jahre 1890 seinen ersten Betrieb: In der Werkstatt wurden Schuhe gefertigt und repariert.

1904, mit dem Bau des Bahnhofes in Treysa, entschied sich Herche zum Bau eines neuen Geschäftshauses in der Bahnhofstraße, wo zwei Jahre später die neuen Räumen eröffnet wurden. Dort ist das Schuhhaus bis heute ansässig, in vierter Generation geleitet von Christian Herche. In diesem Jahr feiert der Betrieb 125. Geburtstag.

Der 45-Jährige wuchs genau wie sein Vater August quasi in den Betrieb hinein. Kein Wunder also, dass Christian Herches Blick heute meist zunächst vom Gesicht direkt auf die Füße geht: „Das ist eine Berufskrankheit“, sagt er.

Schon als Kind sei er häufig im Geschäft mit dabei gewesen. Gut erinnert er sich an Räumungs- oder Schlussverkäufe: „Da stand morgens eine Schlange vor der Tür.“ 3000 Paar Schuhe seien an einem Tag verkauft worden. Die Kartons landeten kurzerhand im Hof. „Und als Kinder sind wir mit größtem Vergnügen in den riesigen Papp-Haufen gesprungen.“

Bis 1996 lenkten Großvater Friedrich und Vater August Herche die Geschicke. Mitte der 1990er-Jahre übernahm Christian Herche das Geschäft. Wobei der Ururgroßvater auch in der Bahnhofstraße zunächst klein anfing: Der Laden war damals in der heutigen Kinderabteilung untergebracht. Dafür gab es im hinteren Bereich eine große Werkstatt mit bis zu fünf Gesellen. „Bedient wurde im Laden quasi aus der Schublade“, erzählt der Treysaer. Das heutige Bedienungssystem, auch Vorwahlsystem genannt, wo Kunden direkt zum Schuh greifen könnten, gebe es erst seit Ende der 1970er-Jahre. Damals sei auch das Kunden- und vor allem das Kaufverhalten anders gewesen, sagt Herche: „90 Prozent derer, die reinkommen, wollen sich informieren und umschauen.“

Die Kunden stets im Blick: die Belegschaft des Schuhhauses Herche Ende der 1970er-Jahre. Repro: privat

Waren es ursprünglich um die 300 bis 400 Paar, die den Kunden zur Auswahl standen, finden sich heute in den immer wieder erweiterten Geschäftsräumen 4000 Paar Schuhe.

Auch die Lagerhaltung habe sich dadurch verändert, erklärt der Einzelhändler: „Heute sind wir mit der Lieferung näher an der Saison, in der wir den Schuh brauchen.“

An der Geschichte des Schuhhauses schrieben maßgeblich auch die Mitarbeiter mit: Von 1943 bis 45 war der französische Kriegsgefangene Camille Linage im Betrieb tätig. Daraus sei eine intensive Freundschaft entstanden, erinnert sich Herche: „Bis in die 1990er-Jahre gab es Besuche, Camille kam gern mit seiner Ehefrau Juju, wir fuhren als Kinder mit den Eltern nach Frankreich.“ Ende der Neunziger ging auch Altgeselle Karl Schminke in Ruhestand. Er war 65 Jahre bei Herches beschäftigt.

Als langjährige Mitarbeiter wird Herche im Jubiläumsjahr Roswitha Fischer für 53-jährige und Sandra Götze-Morsch für 30-jährige Betriebszugehörigkeit auszeichnen.

Doch der Unternehmer setzt neben Beständigkeit und Kundennähe auch auf Neues: Im Jahr 2010 mietete Herche den Laden nebenan und eröffnete dort den ersten Tamaris-Shop im Umkreis von 60 Kilometern.

Von Sandra Rose

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