Hunger und Stahlmonster

Schwalm: Chroniken berichten vom Ersten Weltkrieg

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Die neue Panzerwaffe: Hier ein kleiner französischer Renault-Panzer, der mühelos Hindernisse vor den Schützengräben umlegt.

Schwalm. Auch in der Schwalm mehrten sich die Zeichen, dass der Krieg, der im August 1914 so euphorisch begonnen worden war, 1918 in einer Niederlage enden würde.

Verschiedene Schulchroniken legen davon Zeugnis ab. Die immer knapper werdenden Nahrungsmittel sind ein Dauerthema in diesen Quellen. Auf dem Lande müssen Großstadtkinder aufgenommen werden. Röllshausen zum Beispiel erhält 1917 38 Kinder aus den Industriezentren Westfalens.

Immer häufiger tauchen dort und in anderen Dörfern Hamsterer aus der Siegener Gegend auf, um Lebensmittel zu erbetteln oder zu erwerben. Am 26. Juli 1918 notierte Lehrer Katzwinkel in Frankenhain: „Infolge der Nahrungsmittelnot kommen oftmals Kinder von Kassel selbst in hiesige Gegend und in hiesigen Ort und bitten um Brot und andere Lebensmittel.“

Zwei Tage später trug er ein: „Wie selbst in unserm Ort die Nahrungsmittelknappheit ist, beweist der Fall, dass vor einigen Wochen drei Frauen von hier in die Nachbardörfer gehen mussten, Brot und etwas Butter zu kaufen, um die hungrigen Mäuler ihrer Kinder zu stopfen.“

Pakete kommen von der Front

Die Zeit der Liebesgaben an die Front ist vorbei. Jetzt gehen umgekehrt Bestellungen an die Soldaten. Katzwinkel: „Mehrere Familien bekommen von ihren Angehörigen, die als Soldaten im besetzten Gebiet (Russland, Rumänien, Frankreich und Belgien) weilen, Paketchen mit Seife, allerlei Fettigkeiten, Mais und Maismehl und Brot gesandt.“

In der Schulchronik Loshausen (Lehrer Konrad Schmidt) ist unter dem 6. März 1917 eingetragen: „Häufig kommen jetzt Kasselaner und Frankfurter, um sich etwas für den Hunger zu holen, besonders sonntags früh sieht man namentlich wieder Kasseler Kinder.“ Auch Loshausen nimmt Kasseler Kinder in den Sommerferien auf.

Bei Amiens bricht Verteidigung zusammen

Ein anderes Thema in den Schulchroniken betrifft die militärischen Ereignisse. Folgende Notiz findet sich in Röllshausen: „Im September 1917 eine große Offensive der Engländer in Flandern. Sie endete mit einem geringen Geländegewinn und großen Menschenverlusten. Zum ersten Mal traten hierbei die Tanks auf, große gepanzerte Automobile, die vermöge ihrer eigenartigen Konstruktion sich über Granattrichter und Schützengräben fortbewegen können. Die Hoffnungen, die die Engländer auf ihrer Erfindung setzten, schlugen fehl. Mehrere Treffer unserer Artillerie machten sie kampfunfähig.“

Es blieb aber nicht bei Misserfolgen. In der Tankschlacht von Cambrai vom 20. November 1917 gelang 400 Panzern ein nicht für möglich gehaltener tiefer Einbruch in die Siegfried-Stellung. Und am 8. August 1918, dem „schwarzen Tag des deutschen Heeres“, brach die deutsche Verteidigung bei Amiens auf breiter Linie zusammen.

Der Widerstandswille war erlahmt, 30 000 deutsche Soldaten begaben sich an diesem Tag lieber in Gefangenschaft als den hoffnungslosen Kampf weiterzuführen. 450 britische Tanks waren im Einsatz gewesen.

Von Bernd Lindenthal

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