Alarmierung

Schwalm-Eder-Kreis: Flächendeckendes Sirenennetz soll im Notfall hilfreich sein

Klassiker: Die Sirene des Typs E57 mit dem pilzförmigen Dach ist wohl noch das vorherrschende Modell in Landkreis.
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Klassiker: Die Sirene des Typs E57 mit dem pilzförmigen Dach ist wohl noch das vorherrschende Modell in Landkreis.

Die katastrophalen Ereignisse in Westdeutschland vergangenen Sommer haben gezeigt, welch großen Stellenwert das Thema Bevölkerungswarnung hat beziehungsweise haben sollte. 184 Menschen starben in der Flutnacht.

Schwalm-Eder – Schon kurz nach der Katastrophe waren sich Fachleute darüber einig, dass Sirenen als robustes Mittel der Bevölkerungswarnung wieder eine Renaissance erleben sollten.

Diese Ansinnen befürwortete auch Landrat Winfried Becker und spricht sich im Gespräch mit der HNA eindringlich für den Erhalt der noch vorhandenen Sirenen im Landkreis aus: „Das ist das erste Warnmittel für die Bevölkerung.“ Aktuell gibt es nach Angaben aus dem Kreishaus im Schwalm-Eder-Kreis noch gut 350 Sirenen – überwiegend ältere Versionen des Typs E57 – gut erkennbar an dem typischen Pilzdach.

Wenn es um die Weckfunktion im Notfall geht, dann sei die altbewährte Sirene das Mittel der Wahl, ist der Landrat überzeugt. Das Problem: Die Technik ist in die Jahre gekommen. Noch wird überwiegend analog alarmiert. In den meisten Fällen sind die Sirenen Überbleibsel des bis zum Ende des Kalten Krieges vom Bund flächendeckend betriebenen Warnnetzes für den Zivilschutz. Deutschlandweit gab es einst gut 80 000 Sirenen. Mehr als die Hälfte wurde in den vergangenen Jahren abgebaut. Landrat Becker fordert vom Bund ein Umdenken und mehr Engagement. Zivilschutz dürfe sich nicht mehr nur auf den Verteidigungsfall beschränken, fordert Becker.

Dass der Bund den Aufbau neuer Sirenen nun fördern wolle, bewertet der Kreis positiv. Die Förderung könne aber nur ein erster Schritt sein. Im Krisenfall seien ein bundesweit einheitliches Warnsystem mit einheitlichen, im Idealfall sinnvoll abgestuften Strukturen sowie klare Verantwortlichkeiten stets von Vorteil, so ein Kreissprecher gegenüber unsrer Zeitung: „Außerdem würde es die Kommunen vor allem hier bei uns im ländlichen Raum entlasten, denen mit der Aufgabe Warnung der Bevölkerung einiges an finanzieller und organisatorischer Belastung aufgebürdet wird.“

Katastrophenschutz ist Länderaufgabe

Zivil- und Katastrophenschutz sind unterschiedliche Dinge und im Grundgesetz geregelt. Für den Zivilschutz ist der Bund verantwortlich. Er hat die Aufgabe, die Bevölkerung vor kriegsbedingten Gefahren zu schützen. Die Bundesländer sind für den Schutz vor großen Unglücken und Katastrophen in Friedenszeiten zuständig. In Hessen engagieren sich rund 23 000 Ehrenamtliche in mehr als 680 Einheiten im Katastrophenschutz. 

Neue Debatte um altes Warnsystem

Schwalm-Eder – Ob ausreichend Sirenen verfügbar sind, wird in den größeren Städten im Schwalm-Eder-Kreis durchaus unterschiedlich betrachtet. Für die Dörfer stellt sich die Frage hingegen weniger, da die Sirenen dank der Doppelfunktion Feuerwehralarmierung/Warnung in der Regel vorhanden sind.

Die Pflicht zur Bevölkerungswarnung obliegt den Kommunen und ergibt sich aus Paragraf 3 des Hessischen Brand- und Katastrophenschutzgesetzes (HBKG). Die Landkreise sollen beraten und unterstützen.

Die Reichweite der wohl noch überwiegend im Schwalm-Eder-Kreis vorhandenen alten Motorsirenen des Typs E57 – das sind die mit dem Pilzdach – gibt ein Hersteller für städtische Gebiete mit 350 bis 500 Meter an. Eine flächendenkende Warnung ist also nur mit einem entsprechend ausgebauten oder modernisierten Sirenennetz möglich. Und das kann schnell ins Geld gehen, kostet eine moderne elektronische Sirene doch bis zu 25 000 Euro.

Homberg

In der Kreisstadt Homberg fühlt man sich für den Ernstfall gut gewappnet. Man sei in der Lage, sowohl in der Kernstadt wie auch in den Stadtteilen flächendeckend die Bevölkerung zu warnen, erklärte ein Sprecher der Stadt auf Anfrage: „Die vorhandenen Sirenen reichen aus. Wir haben zum Beispiel in Neubaugebieten das Sirenennetz ausgebaut.“

Wenn neue Gebiete bebaut werden, werden in Homberg nach Angaben der Stadt auch die Warnanlagen mitgeplant. Bestehende Sirenenanlagen sollen modernisiert werden. Vorgesehen ist eine Umstellung auf elektronisch betriebene Sirenen mit Batteriebetrieben, die auch bei Stromausfällen weiter funktionieren.

Fritzlar

Durch die Ereignisse in Westdeutschland sensibilisiert, möchte auch Fritzlar in die Bevölkerungswarnung investieren.

Aktuell werde die Reichweite der Sirenen und deren Abdeckung in der Stadt geprüft und es sei davon auszugehen, dass für Fritzlar zusätzliche Sirenen angeschafft werden müssen, so Bürgermeister Hartmut Spogat: „Es existiert ein entsprechendes Förderprogramm, an diesem werden wir uns beteiligen. Dazu sind finanzielle Mittel für den Haushalt 2022 eingestellt.“

Melsungen

In Melsungen gibt es derzeit keine Pläne für den Ausbau des Warnnetzes. Zur Warnung der Menschen in der Stadt seien ausreichend Sirenen vorhanden, heißt es dazu aus dem Rathaus. Die vorhanden Sirenen sollen aber von analogen auf digitale Empfangsanlagen umgerüstet werden.

Der Brand- und Katastrophenschutz sei unter anderem auch Aufgabe des Landkreises und somit bestehe auch dort die Pflicht der Bevölkerungswarnung, schreibt der Leiter des Ordnungsamts, Frank Werner, auf schriftliche Anfrage unsere Zeitung.

Schwalmstadt

In Schwalmstadt sind derzeit nach Angaben der Stadt 18 funktionstüchtige Sirenen installiert. Dabei verfüge jeder Stadtteil über mindestens eine Anlage, heißt es aus dem Rathaus. Ob die akustische Wahrnehmung überall und zu jeder Zeit sichergestellt werden kann, lässt sich aus Sicht der Verantwortlichen nicht beantworten. Parallel mit der Digitalisierung der Empfangsanlagen möchte auch Schwalmstadt die Sirenenstandorte überprüfen. Ob dadurch ein Ausbau des Sirenennetzes erforderlich werde, sei nicht absehbar, teilte die Stadt mit.

In der Pflicht für die Bevölkerungswarnung sieht Schwalmstadt die Träger des Katastrophenschutzes. Dabei geht der Blick aus der Schwalm offenbar nach Wiesbaden, denn verantwortlich für den Katastrophenschutz ist laut Gesetz das Land.

Behelfslösung im Landkreis

Bis zum Ende des Kalten Kriegs konnten die Sirenen mehr als nur Feueralarm auslösen. Es gab Fliegeralarm, ABC-Alarm und Entwarnung.

Nachdem der Bund sich aus der Unterhaltung der Sirenen zurückgezogen hatte, fehlt auch die zentrale Steuerung. Erst mit der Digitalisierung der Empfangsgeräte wird es zukünftig technisch wieder möglich sein, andere Sirenensignale, darunter auch das Signal „Warnung der Bevölkerung“ (eine Minute auf- und abschwellender Heulton) auszulösen.

Um im Fall der Fälle trotzdem eine Sirenenwarnung zu haben, entwickelte der damalige Kreisbrandinspektor Werner Bähr eine Behelfslösung für den Schwalm-Eder-Kreis: Im Ernstfall soll an den Sirenen dreimal hintereinander das Signal Feueralarm (dreimal zwölf Sekunden Dauerton jeweils unterbrochen mit zwölf Sekunden Pause) ausgelöst werden. Bähr habe schon damals die enorme Wichtigkeit des Themas Warnung der Bevölkerung erkannt. Nicht zuletzt deshalb habe der Schwalm-Eder-Kreis im Jahr 2012 als einer der ersten hessischen Landkreise KATWARN zur Warnung der Bevölkerung eingeführt, so ein Sprecher des Landkreises: „Leider nutzen bis heute lediglich 22 000 Menschen aus dem Schwalm-Eder-Kreis diese Warnmöglichkeit. Die Behelfslösung mit der dreimaligen Auslösung des Feueralarms hat naturgemäß Grenzen.

Nach HNA-Informationen wurde die Behelfslösung noch nie ausprobiert.

Bund und Land fördern Ausbau des Sirenennetzes 

In Hessen gibt es nach Angaben des Hessisches Ministeriums des Innern und für Sport ungefähr 4500 Sirenen. Rund zwei Drittel der Kommunen halten Sirenen in Betrieb.

In Hessen sei die Warnung der Bevölkerung nach dem Hessischen Brand- und Katastrophenschutzgesetz eine kommunale Aufgabe, daher entscheiden Städte und Gemeinden, ob Sirenen zur Alarmierung vor Ort eingesetzt werden oder nicht, erklärte ein Sprecher des Ministeriums. Das Land Hessen unterstützt seit 2020 mit einem Fördervolumen von etwa 1.8 Millionen Euro die Städte und Gemeinden mit der Umstellung der Sirenenalarmierung per Digitalfunk. Dafür werden bestehende Anlagen landesweit sukzessive modernisiert. „Außerdem werden die Alarmtöne harmonisiert und eine zentrale Alarmierung für ganz Hessen innerhalb von wenigen Sekunden wird möglich“, so der Pressesprecher.

Zudem hat Hessen mit dem Bund eine „Verwaltungsvereinbarung zur Durchführung des Förderprogramms des Bundes für Sirenen“ geschlossen. Der Bund hat Hessen zum Ausbau der Sirenenalarmierung 6,4 Millionen Euro bis Juni 2022 bereitgestellt. Alle hessischen Kommunen seien darüber schriftlich informiert worden, heißt es aus Wiesbaden. (Matthias Haaß)

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