Kriegsende vor 75 Jahren

Schwalmstadt: Am 30. März 1945, wurde das Lager Trutzhain befreit

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Kriegsende: Die historische Aufnahme zeigt einen Teil der befreiten Kriegsfangenen in Trutzhain. Am 30. Märerreichten amerikanische Panzer Stalag IX A. 

Kriegsende vor 75 Jahren: Am 30. März 1945, wurde das Lager Trutzhain befreit. Zeitzeugen erinnern sich an die Ankunft der amerikanischen Truppen. 

Am Mittwoch, dem 28. März 1945, gegen 16 gab der Lagerkommandant, Oberst Mangelsdorf, im Wissen um die näher rückenden Amerikaner den Befehl, das Lager am nächsten Tag zu räumen. 

Die Gefangenen des Stalag IX A Ziegenhain wussten ebenfalls mit Hilfe eines illegalen Radios, dass ihre Befreier nur noch etwa 30 Kilometer entfernt waren. Wegen des Gerüchts, die SS wolle die Baracken in die Luft sprengen, hatten Franzosen die Telefonleitung gekappt, so dass ein etwaiger Befehl das Lager nicht erreichen konnte.

Briten verzögern Abmarsch

Am Donnerstag, ab 7 Uhr, begann die Aufstellung zum Marsch Richtung Thüringen. Vor allem die Briten sahen sich außer Stande zu marschieren. Die meisten von ihnen waren erst am 12. März 1945 nach einem siebenwöchigen Marsch vom Stalag VIII F Lamsdorf (heute Polen) hier angekommen und hausten in Zelten, weil das Lager überfüllt war. Sie verabredeten sich mit den Amerikanern, den Abmarsch zu boykottieren.

Der damals 20-jährige Richard Peterson berichtet: „Wir verzögerten das Aufstehen aus den Betten so lange wie möglich. Als wir herumliefen, um den Vorgang zu verlangsamen, stürmten Wachen mit Hunden in die Baracke. Die Hunde knurrten und schnappen, als die Wachen uns anschrien. Wir rannten heraus und versuchten, so den scharfen Zähnen der großen Tiere zu entgehen. Dann traten wir draußen zur letzten Zählung an, bevor wir uns die Straße hinunter zum Tor in Bewegung setzen sollten.

Soldaten versteckten sich in der Latrine

Einige Männer versteckten sich unter der Baracke oder in den Latrinen. Das Durcheinander würde das Fehl in der Zählung verdecken. Offensichtlich machten sich die Deutschen an diesem Morgen nicht viel aus einer genauen Zählung. Die Franzosen marschierten vor uns heraus. Als der Befehl zum Marsch kam, gingen wir nur einige Schritte, bevor Männer in wirklicher oder vorgetäuschter Schwäche in Ohnmacht fielen. Ich tat es ihnen gleich, stöhnte und fiel etwa hundert Yards von der Baracke entfernt in den Matsch.

Die Wachen liefen schreiend auf und ab und traten die auf dem Boden Liegenden. Die Hunde bellten und knurrten. Wir klagten lauter. Einige hatten etwas Seife in den Mund genommen, um Schaum zu machen. Wir griffen uns an den Bauch und schrien unseren Schmerz hinaus. Die Möglichkeit, einen Kopfschuss zu erhalten, intensivierte unser Geschrei. Die von den Hunden Gebissenen jammerten. Nach einiger Zeit, was uns wie eine Ewigkeit vorkam, stoppte die Kolonne und stolperte zurück in die Baracke. Wir hofften, dass unser letzter Albtraum beendet sei.“

Handvoll Wachen bleibt zurück

Der marschierende Teil der Gefangenen erreichte das Stalag IX C Bad Sulza, wo sie am 11. April 1945 von den Amerikanern befreit wurden. Etwa 4600 Kriegsgefangene verblieben im Lager, darunter 1279 Amerikaner, 1227 Angehörige der britischen Armee, ca. 1000 Sowjets und 942 Franzosen. Außerdem Sonderführer Fritz Täuber mit einer Handvoll nicht marschfähiger Wachsoldaten, die das Lager übergeben sollten.

Die Vertrauensleute der verschiedenen Nationen vereinbarten mit ihm eine neue Lagerordnung, die nur einen Tag Bestand haben sollte. Die Befehlsgewalt über das Lager übernahmen die amerikanischen und britischen Offiziere. Sie schlossen das Lager, öffneten die Bekleidungskammer, verteilten die Rot-Kreuz-Päckchen und warteten ab.

Gefechtslärm in der Stadt

Am nächsten Morgen hörten die Gefangenen den Lärm des kurzen Gefechts in Ziegenhain und waren in Sorge, etwa von der einen oder anderen Seite beschossen zu werden. Sie sahen, dass viele Häuser in Ziegenhain mit weißen Betttüchern als Zeichen der Kapitulation beflaggt waren.

Um 15 Uhr war es dann soweit. Panzer, von Ziegenhain kommend, bogen am Wachturm ein und fuhren durch den Zaun auf die Hauptstraße des Lagers. „Wir brüllten vor Begeisterung, als wir wieder amerikanische Panzer sahen.“ (R. Peterson)

Der Gefreite Russell Gunvalson notierte: „Wir waren natürlich alle auf den Beinen, um sie zu begrüßen. Jeder haute dem anderen auf die Schulter. Die Yanks waren da! Wir waren frei! Wir schrien und lachten, es war eine Freude, frei zu sein.“ Georg Patton, Befehlshaber der 3. US-Armee, hatte sie befreit, der nächste Gedanke drehte sich um gute Verpflegung (parcels), aber Friede (peace) war noch nicht erreicht.

Soldaten sind frei

Viele nutzten die neue Freiheit, in Ziegenhain und anderswo um Lebensmittel zu bitten, zu tauschen oder auch zu plündern.

In diesem Zusammenhang lobte Zeitzeuge Heinrich Meyer, Wiederholdstraße 1, die Franzosen in den höchsten Tönen. Es sei nicht einer unter ihnen gewesen, „der sich in den tumultuösesten Tagen an fremdem Gut vergriffen hätte. Jeder einzelne von ihnen war ein Kristallisationspunkt zur Ordnung und Sicherheit, wirklich Polizei in den Tagen, da es nichts derartiges in Ziegenhain gab.“

VON BERND LINDENTHAL

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