STALAG IXA: Ehemaliger Kriegsgefangener erinnert sich

Gefangenenlager Ziegenhain: "Sie bespuckten und beschimpften uns"

Erinnerungen an das STALAG: Der ehemaliger Kriegsgefangene Giorgio Cerchiaro beim Besuch der Gedenkstätte Breitenau. Foto: nh

Schwalmstadt. Sie waren Kriegsgefangene in Ziegenhain: Männer aus Italien und Frankreich erinnern sich an unerbittliche Härte und Verachtung im Kriegsgefangenenlager Stalag Ziegenhain.

Nach dem Sturz Mussolinis 1943 wechselten die Italiener die Fronten. Erstmals kamen danach auch italienische Kriegsgefangene ins Lager nach Ziegenhain. In der Gedenkstätte in Trutzhain sind ihre Erinnerungen dokumentiert:

„Ende September 1943 kamen die Italiener, Zwei- oder Dreitausend vielleicht (…), die unter den Beleidigungen, dem Sarkasmus und den Gewehrkolbenschlägen einen bemitleidenswerten Stolz behielten. Die Deutschen behandelten sie mit unerbittlicher Härte, fast wie die Russen, darüber hinaus mit einer Spur Verachtung, worunter sie sichtlich litten", sagt der französische Gefangene Robert Lieubray.

Im Deutschen Reich entlud sich die Empörung über den „Verrat“ und die Frustration über eigene militärische Niederlagen in einer Woge des Hasses gegenüber den eintreffenden Italienern. Zudem hatten die italienischen Arbeitskräfte, die vor dem Bruch der „Achse“ im Reich lebten, entgegen offizieller Freundschaft und Bündnis in der deutschen Bevölkerung keinen guten Ruf genossen. So befanden sie sich in einer deprimierenden Lage, die sich nach kurzer Zeit auch in ihrem schlechten Gesundheitszustand widerspiegelte.

Settimio Righi erinnert sich: „Bei unserer Ankunft in Ziegenhain mussten wir vom Bahnhof zu Fuß auf einem Stück Landstraße zum Lager laufen. Rechts und links vom Straßenrand hatten sie Kinder aufgestellt, die uns beschimpften, uns anspuckten und nach uns traten.“

Ähnliches berichtet Herr Visentini aus Manzano: „Als wir am Sonntag, 19. September, in Kolonnen durch Ziegenhain getrieben wurden, waren da überall Menschen, unzählige Frauen. Die schimpften alle durcheinander und bespuckten uns. Das einzige, was wir verstehen konnten, war: Badoglio, Verdammter!“

Auch Giovanni Battista Costigliolo, Jahrgang 1923, hat die eisige Ablehnung empfunden: „Während wir wie verloren gegangene Schafe vorgingen, sahen wir in den Höfen verschiedene Baracken, auch durch Stacheldraht geschützt. Die anderen schrien alle: Italianaschi, Italianaschi (…) Wir wurden in Gruppen aufgeteilt und vernommen. Sie fragten uns, ob wir dem deutschen Heer beitreten würden.

Ich antwortete: "Nein, ich trete nicht bei, ich folge meinem Schicksal. (…) Sie nannten uns IMI, aber in der Werteskala kamen wir nach den Juden und den Zigeunern; wir waren nur Stücke, also bis zur Erschöpfung auszunutzen und dann wegzuschmeißen.“

Von Bernd Lindenthal

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