Stimmen der Überlebenden

Trutzhain: Regisseurin Eva Stocker erinnert mit einem Film an Holocaust

Im Gespräch: Jürgen Junker, Lehrer und Moderator des Nachmittags und Regisseurin Eva Stocker waren in Trutzhain zu Gast.
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Im Gespräch: Jürgen Junker, Lehrer und Moderator des Nachmittags und Regisseurin Eva Stocker waren in Trutzhain zu Gast.

Filme gegen das Vergessen. Am Wochenende zeigte die Regisseurin Eva Stocker in der Gedenkstätte Filmmaterial von Holocaust-Überlebenden.

Trutzhain. „In Ausschwitz wurden Kinder lebendig ins Feuer geworfen, damit Gas gespart werden konnte. Das war der Nullpunkt der Zivilisation. Wie gerne würde ich mit Björn Höcke oder Alexander Gauland, die all das Geschehen als Vogelschiss der Geschichte abtun, ein Interview führen“, sagt die Filmregisseurin Eva Stocker, die am Sonntag im Dorfgemeinschaftshaus einen Zusammenschnitt ihres Filmmaterials von Holocaust-Überlebenden zeigte.

Eva Stocker selbst überlebte als Baby einen Transport ins Konzentrationslager nur, weil ihre Mutter den Mut aufbrachte, sie an einer ungarischen Bahnstation als Baby aus dem Waggon zu reichen und ein Bahnmitarbeiter sie in ein Waisenhaus brachte. Sie wuchs bei gewaltvollen Adoptiveltern auf und fand als Zwölfjährige durch das Auffinden eines kleinen Notizzettels in einem Schuhkarton die Umstände ihrer Herkunft heraus. „Da Orban die ungarischen Archive für 100 Jahre geschlossen hat, habe ich keine Chance, an weitere Akten des Waisenhauses, die mir vielleicht mehr über meine Herkunft sagen könnten, heranzukommen“, erklärt Stocker, die ihren dreiteiligen Film ihrer Mutter widmete.

Lebensgeschichten im Dorfgemeinschaftshaus

Während sich der erste, bereits fertiggestellte Filmpart auf die Erinnerungen der Überlebenden auf die Erlebnisse während des Holocausts beschränkt, geht es im zweiten Teil um das „Zweite Leben“ der Überlebenden und im dritten Part kommen auch Nachkömmlinge zu Wort.

Drei von insgesamt 16 aufgezeichneten Lebensgeschichten zeigte Stocker im Dorfgemeinschaftshaus. Mit dabei Katharina Hardy, eine begnadete Violinistin, die den Holocaust überlebte, weil sie als 16-Jährige aus dem Konzentrationslager in ein Lazarett gebracht worden war. Im Leben nach dem Holocaust kämpfte sie für ihren Berufstraum der Geigerin und widersetzte sich damit den allgemeinen Lebensvorstellungen der Zeit, wo Mütter nur an den Herd gehörten.

Die damals 18-jährige Ungarin Eva Fahidi überlebte, weil sie sich bei einem Marsch in einer Scheune verstecken und so auf die Befreier warten konnte. Fahidi arbeitete in ihrem zweiten Leben als Korrespondentin im Außenhandel und wurde Ende der 1980er-Jahre gar Unternehmerin. Ihre Schwester überlebte den Holocaust nicht, doch findet sich ein kleines Nachthemd ihrer Schwester heute im Museum in Stadtallendorf. Eva Fahidi bekam es bei einem Besuch ihrer alten Heimat von einer Nachbarin, die die zu klein gewordenen Kleidungsstücke der Mädchen für ihre Kinder übernommen hatte, als Erinnerung geschenkt.

Zuschauer loben Konzept

Die dritte im Film gezeigte Überlebende war Esther Bejarano. Sie überlebte, weil sie einen Platz im Mädchenorchester ergattern konnte, obwohl sie gar kein Akkordeon spielte. „Ich musste es aber schaffen und zumindest wusste ich, dass man am Akkordeon ziehen muss, damit Luft hinein strömt“, erzählt Bejarano in den Filmsequenzen.

Bejarano hielt sich in ihrem zweiten Leben mit dem Spielen von Konzerten über Wasser, um sich ihr Studium zu finanzieren. Als eines Tages unweit ihrer Geschäftstür Neonazis einen Werbestand hatten und die Polizei Gegendemonstranten, die sich für „Nie wieder Krieg“ aussprachen, zurückdrängte, erkannte Bejarano, dass es Zeit wurde, über die erlebten Dinge zu berichten. Sie gründete eine Musikgruppe und sprach sich bis ins hohe Alter gegen eine hassvolle Welt aus.

„Die Überlebenden sind so starke Persönlichkeiten. Gut, dass deren Erlebnisse im Film festgehalten sind“, lobten die Zuschauer den Film. Stocker fügte ihren Filmsequenzen an, dass der Holocaust eben nicht mit den Gaskammern, sondern mit Mobbing in der Schule begonnen habe und so sei es ihr ein Herzensanliegen, gerade junge Menschen für die zunehmenden Gefahren des Rechtsextremismus zu sensibilisieren. (Regina Ziegler-Dörhöfer)

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