Jägerregiment Schwarzenborn: Toilettenbesuch wurde zur Fahnenflucht

Treysa. Zwei ehemalige Zeitsoldaten des Schwarzenbörner Jägerregiments standen nacheinander wegen Fahnenflucht vor dem Amtsgericht in Treysa.

Beide hatten sich ursprünglich auf mindestens vier Jahre zum Dienst bei der Bundeswehr verpflichtet.

Im ersten Fall handelte es sich um einen heute in Frankfurt lebenden 23-Jährigen. Der unscheinbar wirkende junge Mann war laut Staatsanwaltschaft zwischen Januar und April vier Mal unerlaubt der Truppe in Schwarzenborn ferngeblieben. „Ich weiß, dass es falsch war, wusste aber keinen Ausweg“, bezog der ehemalige Hauptgefreite zu den Vorwürfen Stellung. Seine Mutter sei damals als selbstmordgefährdet ins Krankenhaus gekommen, und er hätte sich nicht anders zu helfen gewusst. Außerdem sei er mit Kameraden in seiner Einheit nicht klargekommen.

Der als Zeuge anwesende damalige Vorgesetzte bestätige die Vorwürfe der Anklage und zeigte sich enttäuscht vom Verhalten seines Untergebenen. Nachdem er von der Suizidgefahr der Mutter erfahren hatte, habe er dem Soldaten sofort Urlaub genehmigt. Über Wochen sei es hin und her gegangen. Unter anderem habe der 23-Jährige fingierte Krankmeldungen vorgeschoben, gelogen und sich immer wieder nicht gemeldet, berichtete der Oberleutnant. Letzten Endes wurde der Soldat von Feldjägern in Gewahrsam genommen und in die Knüllkaserne gebracht. Am Ende der Verhandlung plädierte der Staatsanwalt aufgrund des familiären Hintergrunds für sechs Monate Haft auf Bewährung und Zahlung von 500 Euro für eine gemeinnützige Einrichtung. Der Vorsitzende Richter schloss sich dem Antrag an: "Es spricht einiges dafür, dass Sie einfach keinen Bock mehr hatten."

Direkt danach musste ein 23-jähriger aus Gera auf der Anklagebank Platz nehmen. Mit seinem militärischem Haarschnitt und einem T-Shirt der Bundeswehr hätte der Kontrast zu seinem Vorgänger nicht größer sein können. Der ehemalige Hauptgefreite hatte im März einen Lehrgang besucht. Mit den Worten: „Ich muss mal auf Toilette“, verließ er den Lehrsaal und die Truppe. Auf die Frage des Gerichts, warum er das gemacht habe, antwortete der Ex-Soldat: „Meine Freundin hat mit einem anderen Typ rumgemacht.“ Er habe sie in flagranti erwischt, sagte der Angeklagte. Nach zwei Wochen unerlaubter Abwesenheit wurde der Mann von Feldjägern eingefangen.

Der Angeklagte zeigte sich reumütig: „Ich könnte mich in den Hintern beißen. Ich hätte einfach mit den Leuten reden müssen.“ So sah es auch das Gericht. Da der Angeklagte die Tat in vollem Umfang gestand, verurteilte es den heute arbeitslosen Koch zu sechs Monaten Haft auf Bewährung und 100 Stunden gemeinnützige Arbeit.

Von Matthias Haass

Rubriklistenbild: © Symbolbild: Archiv/HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.