Chinapark in neuen Händen

Ziegenhain: Bauunternehmer und Apotheker kaufen Gelände am Stadtrand

Das war der Plan: Neben großen Gewässeranlagen sollten ein Teilstück der Chinesischen Mauer, Kloster- und Tempelgebäude und ein Bonsaigarten im Chinapark entstehen.
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Das war der Plan: Neben großen Gewässeranlagen sollten ein Teilstück der Chinesischen Mauer, Kloster- und Tempelgebäude und ein Bonsaigarten im Chinapark entstehen.

Die wechselvolle Geschichte des Chinaparks geht in die nächste Runde: Das siebeneinhalb Hektar große Areal südlich der Wasserfestung in Ziegenhain ist verkauft.

Ziegenhain. Die Wohnpark-Schwalmstadt-Gesellschaft und die Wir-bauen-es-Gesellschaft übernehmen das Gelände samt Bebauung. Hinter den beiden Gesellschaften stehen Bernd Adam und Adrian Schmidt aus Schwalmstadt.

Ursprünglich hatte die vorherige Eigentümerin, die Kreissparkasse (KSK), das Gelände selbst entwickeln wollen und entsprechende Planungen vorgestellt (HNA berichtete). Bereits im vergangenen Jahr war bekannt geworden, dass die Sparkasse mit potenziellen Käufern in Verhandlung stünde. Folglich waren die eigenen Pläne vom Tisch. Daran wollen die neuen Eigentümer aber im Wesentlichen festhalten. „Die KSK-Planung einer Wohnbebauung ist nicht gestorben“, sagt Adam.

Chinapark in Ziegenhain

Der 53-jährige Apotheker und der 44-jährige Bauunternehmer teilen sich die Fläche auf. Adrian Schmidt hat den bebauten Teil gekauft, Bernd Adam die unbebaute Fläche in Richtung Ascherode. Zwei Eigentümer – die aber für eine gemeinsame Entwicklung des Areals stehen. Das betonen die beiden beim Ortstermin. Dort wird sichtbar, dass bereits erste Aufräumarbeiten stattgefunden haben. Offenbar hätten einige das Gelände als illegale Mülldeponie angesehen, meint Adam.

Gemischte Wohnbebauung könnte entstehen

Anders als die KSK wollen die beiden die große Chinapark-Halle vor der Abrissbirne retten. Das imposante Gebäude wurde in den 1930er-Jahren von der Treysaer Landmaschinenfabrik Helwig als Betriebserweiterung errichtet. „Die Bausubstanz und auch die Architektur sind zu wertvoll, um das Gebäude abzureißen“, meint Bauunternehmer Schmidt. Wie es allerdings künftig genutzt werden soll, wissen die beiden noch nicht. Bereits klar ist allerdings, was damit nicht passiert: Es komme kein weiterer Supermarkt nach Ziegenhain, auch dürfe die Nutzung der Wohnbebauung nicht im Wege stehen, erklärt Adam.

Mit den Planungen haben die neuen Eigentümer das Kasseler Büro betraut, das bereits die Pläne für die KSK entwickelt hat.

Der Kreissparkasse gehörte das ausgedehnte Gelände der ehemaligen Landmaschinenfabrik über viele Jahre. Im Oktober des Jahres 2018 waren Pläne vorgestellt worden, an denen sich die neuen Eigentümer orientieren wollen. Eine Mischung aus Ein- und Doppelhäusern, Reihen- und Apartmenthäusern mit mehreren Etagen war vorgesehen, insgesamt über 200 Wohneinheiten wollte die Kreissparkasse dort entstehen lassen. syg

Chinapark: Ein Gelände mit Vergangenheit

Luftaufnahme von 1990: Die Pläne vom Chinapark werden bereits deutlich sichtbar.

Das Chinapark-Areal ist geprägt von Insolvenzen. Drei Mal wurde dadurch die Kreissparkasse Eigentümerin des Geländes. Wir blicken zurück. Schwalmstadt – Neben der historischen Wasserfestung ist der Chinapark eines der zentralen Elemente Ziegenhains.

Landmaschinenfabrik

1887 machte Wilhelm Helwig Senior aus seinem Schmiedebetrieb in Treysa eine Pflugfabrik. Im Jahr 1938 verlegte die Firma Helwig und Söhne den Großteil der Fertigung auf das jetzige Chinapark-Grundstück in Ziegenhain. Die große Halle entstand. In den 1980er-Jahren schloss das Unternehmen dort seine Tore.

Rode-Chinapark

1987 erwarb Richard Rode das Anwesen. In einem Bauantrag meldete er für das Areal einen „Bierpark Chinadorf“ an. In einer Anzeige in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bewarb er den Chinapark als „außergewöhnlichste Immobilie Europas, der weltweit erste chinesische Wirtschafts-, Kultur- und Freizeitpark“. Auf 100 000 Quadratmetern sollten Messehallen, Läden, Ausstellungsräume, Wirtschaftsvertretungen, Arztpraxen für traditionelle chinesische Medizin, Restaurants und Freizeiteinrichtungen entstehen. Auch sollten die Pekingoper, der chinesische Staatszirkus und die Terrakotta-Armee von Xian nach Ziegenhain geholt werden. Spuren seiner Ideen wie die Mauern des chinesischen Bauernhofes und die Reihenhäuser, in den er Chinesen in Ziegenhain ansiedeln wollte, sind heute noch zu sehen. Unvergessen für viele auch die Diskothek Chinatown. Ziegenhainer berichten zudem von großen Betonrohren, die im Erdreich verlegt wurde. Darin wollte Rode eine Geisterbahn betreiben.

Aufnahme aus dem Jahr 1992: Die Diskothek Chinatown ist vielen noch in Erinnerung.

Wirtschaftsmesse

Ebenso unvergessen im Stadtgedächtnis ist das Jahr 1989, als die Chinesen wirklich kamen. Die internationalen Beziehungen Chinas waren nach den Protesten auf dem „Platz des himmlischen Friedens“ erheblich gestört. Händeringend suchten sie nach einem Standort für eine große chinesische Wirtschaftsmesse. Und wo fand sie statt? Im Chinapark in Ziegenhain. Hunderte Chinesen präsentierten sich dort in der großen Halle und in Zelten. Sie übernachteten in ganz Nordhessen. Vertreter der deutschen Wirtschaft sollen sich nur inkognito haben blicken lassen. Übrig blieben davon nicht nur die Erinnerungen, sondern auch die Nachbildungen der berühmten Terrakotta-Armee, die Rode in dem 2014 geplanten Seniorenfreizeitpark in Borken ausstellen wollte.

Insolvenz

Einsam und verlassen stand diese Figur im Chinapark – mehr Torso als Park. Im Hintergrund die Appartements, in denen Chinesen wohnen sollten.

Der chinesische Traum währte nur kurz, Anfang der 1990er-Jahre wurde das Insolvenzverfahren für den Chinapark eröffnet. Ein Kleinkrieg zwischen Rode und der Kreissparkasse als Hauptgläubigerin samt Anzeigen und Strafverfahren begann. Am Ende gehörte das Areal der Kreissparkasse.

Der Chinapark ist aus der jüngeren Geschichte von Ziegenhain nicht wegzudenken. Deshalb wollen wir in einer der nächsten Ausgaben die weiteren Nutzungen beleuchten. (Sylke Grede)

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