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Handwerk mit Tradition: Weberei Egelkraut fertigt seit 100 Jahren edelste Stoffe

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Helmut Egelkraut und der neue Inhaber Udo van der Kolk vor einem modernen Webstuhl.
In der Weberei in Trutzhain: rechts Helmut Egelkraut und der neue Inhaber Udo van der Kolk vor einem modernen Webstuhl. © Bernd Lindenthal

Die Weberei Egelkraut besteht seit genau 100 Jahren. Bis heute fertigt man hier auf traditionelle Art Gewebe, die international begehrt sind - unter anderem den Stoff für „Aschenbrödels“ berühmtes Hochzeitskleid.

Trutzhain – Oswald Egelkraut (1869 - 1957) eröffnete seine Webwaren-Fabrik am 21. April 1922 in Rossbach bei Eger (heute Tschechien). Die Deutschen haben sich mit den Tschechen in der jungen, 1918 gegründeten Tschechoslowakei gut vertragen, erzählt Helmut Egelkraut, der Enkel des Gründers. Erst mit der Agitation der 1933 in Eger durch Henlein gegründeten „Sudetendeutschen Heimatfront“ sei das Verhältnis vergiftet worden.

Bestellungen aus London, Paris, Amsterdam, Südafrika, Bombay, Casablanca und Mexiko

Die Weberei nahm bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges eine sehr gute Entwicklung. Helmut Egelkraut hat Papiere bewahrt, die Bestellungen zum Beispiel aus London, Paris, Amsterdam, Südafrika, Bombay, Casablanca und Mexiko belegen. Die Semperoper in Dresden wurde zu DDR-Zeiten auch beliefert.

Der zweisprachige Gewerbeschein vom 21. April 1922 belegt die 100-jährige Geschichte.
Der zweisprachige Gewerbeschein vom 21. April 1922 belegt die 100-jährige Geschichte. © Privat

Im ersten Halbjahr 1936 waren 15 Personen (neun Frauen, sechs Männer) beschäftigt. Auf Handwebstühlen wurden Brokate und andere edle Stoffe hergestellt.

Nach dem Krieg in Schwalmstadt angesiedelt

Nach dem Kriege fand die Familie durch den Suchdienst des Roten Kreuzes wieder zusammen und man kaufte in Trutzhain 1947 eine Baracke des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Stalag IX A. Hugo Egelkraut (1916 - 1993), der Vater von Helmut, war in amerikanische Gefangenschaft geraten und wurde als Lkw-Fahrer beschäftigt. Es war ein Glücksfall, dass er im Mai 1945, noch vor der gewaltsamen Vertreibung der Deutschen, mit seinem Lastwagen sechs Handwebstühle und den Hausstand von Rossbach in das nahe Bayern bringen konnte.

Jugendstilmuster: Die Vorlage für diesen Stoff stammt bereits aus dem aus dem Jahr 1902.
Jugendstilmuster: Die Vorlage für diesen Stoff stammt bereits aus dem aus dem Jahr 1902. © Privat

In Trutzhain begannen die Brüder Rudolf, Robert und Hugo dann erst einmal mit der Herstellung von Geld-, Post-, Kartoffel- und Zwiebelsäcken aus Leinen, auch Schwälmer Schultertücher stellten sie her. 1953 wurde eine neue Fabrikhalle errichtet, Erweiterungsbauten folgten 1958 und 1964. Die Zahl der Mitarbeiter war mit 36 Personen im Jahr 1963 am höchsten.

Die Rudolf Egelkraut KG wurde am 1. Januar 1989 von seinem Neffen Helmut Egelkraut, Jahrgang 1941, übernommen. Er profitierte auch von einem Boom für Kunstblumen, der aber schlagartig 1995 wegen der Konkurrenz aus Fernost endete.

Opernhäuser und Theater beliefert

Es blieben als Stützen des Geschäfts die Bereiche Theater, Kirche und Karneval. Beliefert wurden alle bedeutenden Opernhäuser und Theater weltweit. Besondere Aufträge waren etwa ein Rokoko-Gehrock des 18. Jahrhunderts für ein Museum in Kopenhagen, das Hochzeitskleid für eine Swarovski-Tochter nach einem italienischen Muster und der Brokatstoff für das Brautkleid von Aschenbrödel in dem Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“.

Brokatstoff für „Aschenbrödels“ Hochzeitkleid

Fast hätte Helmut Egelkraut einen Riesenauftrag von Mercedes über 50 000 Meter Stoff pro Monat für die Airbags ergattert. Aber die Bank wollte den Millionenkredit dafür nicht geben und Helmut Egelkraut sagt heute: „Es war vielleicht besser so, denn aus einem Handwerksbetrieb für individuelle schöne Stoffe wäre eine Massenproduktion geworden“. (Bernd Lindenthal)

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