Mammutprozess vor dem Landgericht Marburg

Überraschendes Urteil gegen Brandstifter-Trio aus dem Schwalm-Eder-Kreis

Im April 2019 wurde die Grillhütte am Auwelsloch bei Riebelsdorf ein Raub der Flammen. Ursache für das verheerende Feuer oberhalb des Neukirchener Stadtteils war Brandstiftung.
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Im April 2019 wurde die Grillhütte am Auwelsloch bei Riebelsdorf ein Raub der Flammen. Ursache für das verheerende Feuer oberhalb des Neukirchener Stadtteils war Brandstiftung.

Ein Mammutgericht vor dem Marburger Landgericht wegen Brandstiftung und gefährlichem Eingriff in den Bahnverkehr ist mit einem überraschenden Urteil zu Ende gegangen.

Marburg/Schwalm-Eder – Das Gericht verurteilte die drei Männer aus dem Schwalm-Eder-Kreis zu zehn Jahren, sieben Jahren und viereinhalb Jahren Haft. Sie waren des gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr und Brandstiftung beschuldigt. Ein 51-Jähriger ist demnach wegen schweren gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr in sechs Fällen, einer vorsätzlichen schweren Brandstiftung und zwölf weiteren Brandstiftungen schuldig: zehn Jahre. Der 30-Jährige hat vier schwere gefährliche Eingriffe in den Bahnverkehr begangen und acht Brandstiftungen, – er muss dafür sieben Jahre absitzen. Wegen vier schwerer gefährlicher Eingriffe in den Bahnverkehr, einer vorsätzlichen schweren Brandstiftung und drei weiteren Brandstiftungen lautet das Urteil für den 27-Jährigen viereinhalb Jahre.

Für den 51-jährigen, der nach einer früheren Haftstrafe für 34 Brandstiftungen diese weitere Serie begangen hatte, ordnete Dr. Frank Oehm, Präsident des Landgerichts, keine Sicherungsverwahrung an. Warum? „Die Kaliber, die in der Sicherungsverwahrung sitzen, sind schwerste Gewalttäter, Vergewaltiger, Leute, die hier nur mit Hand- und Fußfesseln vorgeführt werden können. Das, was Sie machen, ist dagegen fünfte Amateurliga“, sagt der Vorsitzende und fasst kurz und bündig zusammen: „Es scheitert schlichtweg an der Prognose.“ Denn eines gilt laut Gericht für alle drei: Sie wollten keine Menschen gefährden. Das hatte einer der Angeklagten vor Gericht ausgesagt.

Urteil gegen Brandstifter-Trio: Hohe Rückfallwahrscheinlichkeit für Täter

Zwar sprach die Sachverständige bei dem 51-Jährigen von einem Hang zu Straftaten und attestierte eine bis zu 50 Prozent hohe Rückfallwahrscheinlichkeit. Dazu sagt Oehm: „Es ist zu erwarten, dass Sie wieder etwas machen. Aber das muss die Gesellschaft aushalten, so will es der Gesetzgeber.“ Denn, immerhin: Die Intensität der Tatbegehung, was Schädigung von Menschen betrifft, habe bei dem 51-Jährigen mit der Zeit deutlich abgenommen.

Zugunsten dieses Angeklagten und auch des 27-Jährigen fiel eindeutig die Aufklärungshilfe aus: „Diese Strafen sind deutlich geringer, als die Staatsanwaltschaft beantragt hat. Aber ohne die frühen Geständnisse schon vor der Hauptverhandlung wäre eben gar nichts rausgekommen“, so der Richter und gab zu bedenken, dass es dann wohl nicht zur Anklage gekommen wäre. Berücksichtigt hat die Kammer auch die gruppendynamischen Prozesse, die während der Tatserie abgelaufen sind, die Persönlichkeitsstörung des 51-Jährigen und die Tatsache, dass alle drei in dieser Hauptverhandlung „ehrliche Reue“ gezeigt haben.

Urteil gegen Brandstifter-Trio: Täter ist stark alkoholabhängig

Für den 27-Jährigen, der laut Gutachten unter schwerer Alkoholabhängigkeit leidet, ordnet die Kammer auch keine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an. Es sei nicht sicher davon auszugehen, dass der Angeklagte ohne Unterbringung wieder erhebliche Straftaten begehen würde. Denn der Gutachter hatte ausdrücklich auf die höchst problematische Lebenssituation zu Beginn der Serie hingewiesen, und sah dort eher einen Auslöser als im übermäßigen Alkoholkonsum, so das Gericht. „Wenn Sie sich einen Gefallen tun wollen, dann fangen Sie schon mal im Knast an und kümmern Sie sich um therapeutische Maßnahmen“, wandte sich der Richter an den 27-Jährigen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig – es können Rechtsmittel eingelegt werden. (Beatrix Achinger)

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